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Sprachbar

Chancenreichtum

Sie findet im Spannungsfeld zweier Möglichkeiten statt: die Chance. Chancenreich und chancenlos sind zwei Seiten einer Medaille. Was aber hat das Wort mit der Welt von Glücksspiel und Pferdewetten zu tun?

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Chancenreichtum – die Folge als MP3

„Alles hat zwei Seiten“: Wie jede Binsenweisheit ist auch diese Behauptung unbestritten. Man könnte sie sogar als eine allgemein bekannte Wahrheit bezeichnen. Die Richtigkeit dieses Spruchs wird niemand bestreiten. Wendet man ihn auf alltägliche – aber auch auf besondere Ereignisse und Situationen – an, verdeckt er das Spezielle des Einzelfalls. Klopft man ihn noch ein bisschen ab, weist er durchaus den Weg zu einer tieferen Erkenntnis.

Im Spannungsfeld zweier Bedeutungen

Bundespräsident Wulff und Ehefrau Bettina gehen nach der PK zum Rücktritt gemeinsam aus dem Zimmer

Rücktritte bedeuten Krise – und Neuanfang

Nach diesem philosophischen Einstieg sollte wohl ein konkretes Beispiel folgen, oder? Nehmen wir mal folgende Situation an: Der Bundesfinanzminister tritt ganz plötzlich zurück. Sein Rücktritt erschüttert die Republik – zumindest einen Teil. Die Regierung und vor allem ihr Chef oder ihre Chefin befinden sich in einer nicht gerade beneidenswerten Situation, wenn einer der wichtigsten Minister überhaupt das Handtuch wirft.

Nun, die eine Seite dieser Situation kann wie folgt umschrieben werden: Krise, Unruhe, Ungewissheit. Die andere Seite wäre: Neuanfang, Ruhe, Hoffnung, aber natürlich auch neue Krise, neue Unruhe, neue Ungewissheit. Dieses Beispiel aus der Politik mag verdeutlichen, was mit dem Begriff Chance gemeint ist: Es findet nämlich genau im Spannungsfeld von jeweils und mindestens zwei Seiten seine Bedeutungen.

Etymologischer Exkurs ins Reich von Glücksspiel und Pferderennen

Vor einer weiteren Betrachtung werfen wir einen Blick zurück auf die Entstehungsgeschichte des Wortes. Es ist, wie könnte es anders sein, ein Lehnwort – und zwar aus dem Französischen. Das französische Wort chance basiert auf dem lateinischen cadere, fallen, beziehungsweise casurus, der Fall. Das etymologische Wörterbuch hält für die Entstehung der Wortbedeutung eine interessante Erklärung bereit: Casurus war ein Ausdruck beim Würfelspiel und bezeichnete den glücklichen Fall der Würfel.

Das davon abgeleitete altfranzösische cheance hatte – wie auch das davon entlehnte mittelhochdeutsche Wort Schanze – dieselbe Bedeutung. Das erklärt die spezielle Bedeutung von Chance, nämlich Glücksfall, Aussicht auf Erfolg. Als Fachbegriff gelangte dasWort dann in den englischen Pferderennsport: Hier berechnen die Buchmacher die Wahrscheinlichkeit, welches Pferd gewinnen könnte. So ist die eher allgemeine Bedeutung von Chance entstanden: Möglichkeit.

Jede Menge Chancen – oder Möglichkeiten?

Der Fußballspieler Robert Lewandowski schlägt die Hände vors Gesicht wegen einer verpassten Torchance

Nein, eine verpasste Torchance!

Genau dies ist das Wesen der Chance: die Möglichkeit, etwas zu tun oder auch zu lassen beziehungsweise die Möglichkeit, dass etwas geschieht, sich etwas ändert. Es gibt Chancen aller Art: große und kleine, neue und einzigartige, gute und schlechte, ausgelassene und geringe sowie die berüchtigte letzte Chance.

Machen wir hier die Probe aufs Exempel. Hätten wir nicht in dieser Aufzählung strenggenommen jedes Mal Möglichkeit statt Chance sagen können? Sicher. Und entsprechend wird das auch in der Alltagssprache gehandhabt. Es geht wild durcheinander. Die Möglichkeit zum Torschuss ist längst zur Torchance geworden. Wird sie ausgelassen, rauft sich zumindest ein Teil der Fans im Stadion die Haare, der andere ist erleichtert. Wird die nächste Torchance genutzt, sind die eben noch Erleichterten betrübt, die „Haareraufer“ freuen sich.

Chancengleichheit: eine Unmöglichkeit?

Es hat eben alles seine zwei Seiten. Wenn – wie beispielsweise beim Fußball – die Chancen gleich verteilt sind, gewinnt entweder die glücklichere Mannschaft oder das Spiel endet unentschieden. Nun ja, ganz so einfach ist es auch wieder nicht! Übrigens hat diese Art von Chancenverteilung nichts mit Chancengleichheit zu tun. Diese ist eine gesellschaftspolitische Forderung und bedeutet, dass alle Mitglieder einer Gesellschaft die gleichen beruflichen, sozialen und rechtlichen Möglichkeiten haben sollen.

Dies ist die eine Seite. Wie es um die Berufs­chancen, die Zukunftschancen, die Bildungschancen im Einzelfall bestellt ist, das ist die andere Seite. Der hintersinnige Spruch: „Du hast keine Chance, nutze sie!“, ist in diesem Zusammenhang nicht ganz uninteressant. Wenn es so schlecht um jemanden bestellt ist, geht es nicht mehr um Sieges- oder Erfolgschancen, da geht es nur noch um die Überlebenschance. Wobei natürlich zu unterscheiden ist zwischen der Chance, einen schweren Unfall oder eine Krankheit zu überleben, oder die nackte Existenz zu retten.

Chancenlos: keine Chance!

Drei Nieten mit den Sprüchen: „Das nächste Mal klappt’s sicher!“, „Der Weg zum Glück ist der nächste Versuch!“, „Das nächste Los gewinnt bestimmt!“

Viele Mutmacher bei Chancenlosigkeit!

Wenn man sich den Zustand der Welt anschaut, so stehen die Überlebenschancen für Millionen Menschen ziemlich schlecht. Es steht zu befürchten, dass für sie das Wort Chance ein Fremdwort bleiben wird. Aber „Unchancen“ sind es deshalb nicht. Das Wort gibt es nämlich nicht. Das Gegenteil, die Unmöglichkeit, drückt sich in Begriffen wie keine Chance oder chancenlos aus.

Chancenlos ist, wer etwas versuchen will, aber die Aussicht hat, dass das Vorhaben scheitert. Und wer von einem guten Freund zu hören bekommt: „Bei der hast du keine Chancen!“, sollte sich überlegen, ob er die Frau seiner Träume anspricht.

Die Chance des Lebens

Psychologen sehen in jeder Krise die Chance einer positiven Veränderung. Und die kann sich in der Tat manchmal auch als die Chance des Lebens herausstellen. Jeder hatte in seinem Leben bestimmt einmal das Gefühl, diese Chance seines Lebens verpasst zu haben. Nur, keiner sollte betrübt sein. Es gibt bestimmt eine zweite Chance!






Arbeitsauftrag
Was ist mit der Einleitung zu dieser Sprachbar gemeint:

Alles hat zwei Seiten: Wie jede Binsenweisheit ist auch diese Behauptung unbestritten. Man könnte sie sogar als eine allgemein bekannte Wahrheit bezeichnen. Die Richtigkeit dieses Spruchs wird niemand bestreiten. Wendet man ihn auf alltägliche – aber auch auf besondere Ereignisse und Situationen – an, verdeckt er das Spezielle des Einzelfalls. Klopft man ihn noch ein bisschen ab, weist er durchaus den Weg zu einer tieferen Erkenntnis …“

Fasse zunächst den Inhalt mit deinen eigenen Worten schriftlich zusammen. Was meint der Autor mit dem letzten Satz? Anschließend beschreibe, was du unter dem Begriff „Chance“ verstehst. Dabei kannst du folgende Fragen berücksichtigen: Hattest du schon mal das Gefühl, eine Chance verpasst zu haben? Wie hat sich das ausgewirkt? Findest du es richtig, jemandem eine zweite Chance zu geben?

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