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Wirtschaft

Chancenlos gegen die Großen: Ein Millionär gibt auf

Geld und guter Wille allein reichen nicht. Der Software-Millionär Mark Shuttleworth wollte einst das Monopol von Windows brechen und muss jetzt vor der Marktstellung des Duos iOS und Android kapitulieren.

Südafrika Mark Shuttleworth (picture alliance/AP Photo/M. Grachyev)

Traum No. 1 erfüllt: Mark Shuttleworth als Astronaut

Mark Shuttleworth hat Träume, von denen andere nicht einmal zu träumen wagen. Einmal im Leben wollte der IT-Millionär aus Südafrika ins All fliegen, und er wollte die Marktherrschaft des Software-Riesen Microsoft brechen. Den Flug zur Internationalen Raumstation ISS brachte er schon vor 15 Jahren hinter sich (und bezahlte 20 Millionen Dollar für das Ticket). Traum Nummer zwei jedoch...

Um zu verstehen, wieso Shuttleworth seinen zweiten Traum - das Smartphone-Betriebssystem "Unity" - erst groß launchte, nur um ihn jetzt selbst für ausgeträumt zu erklären und das Projekt zu beenden, muss man ins Jahr 2004 zurückreisen. Damals gründete Shuttleworth auf der Isle of Man die Firma Canonical Ltd. Mit der Hilfe einer Armee von überwiegend unbezahlten, freiwilligen Helfern machte er sich daran, der PC-benutzenden Menschheit eine Alternative zu Microsoft Windows zu schenken. Zur Begründung fand er deutliche Worte: "Proprietäre Software [wie Windows, Red.] würgt Innovation ab, erzeugt künstliche Verknappung und ermöglicht bösartige Anti-Features wie Digitales Rechtemanagement, Überwachung und andere monopolistische Praktiken." Der Mann, der mit einem kommerziellen Dienst für digitale Verschlüsselungszertifikate Millionen gemacht hatte, entpuppte sich als Aktivist für freie Software.

"Ubuntu" ist ein Wort aus der Zulu-Sprache, lässt sich in etwa mit "Menschlichkeit" übersetzen und bezeichnet eine afrikanische Philosophie des Teilens, das die ganze Menschheit verbindet. "Ubuntu" nannte Shuttleworth auch das Betriebssystem, das seine Firma auf der Basis der freien Linux-Technologie entwickeln würde. Ubuntu sollte leicht zu installieren und zu bedienen sein, wurde kostenlos verteilt und sollte auch auf älteren und leistungsschwächeren Computern laufen, die für aktuelle Windows-Versionen zu langsam geworden waren. Mit diesen Eigenschaften richtete sich Ubuntu an Benutzer in Entwicklungs- und Schwellenländern - und an alle, die mit geschlossenen Betriebssystemen wie denen von Microsoft, aber auch Apple, nichts anfangen konnten.

Bug No. 1: Die Übermacht von Microsoft

Wie sich das für sauber verwaltete Software gehört, gibt es auch für Ubuntu ein Verzeichnis aller erkannten, behobenen oder nicht behobenen Programmfehler (Bugs). Als Bug No. 1 hatte Mark Shuttleworth am 20. August 2004 notiert, dass Microsoft den Markt für Betriebssysteme beherrscht. Mit dem Eintrag war klar: Ubuntu-Programmierer würden alles tun, um diesen Fehler zu beheben.

Ubuntu wurde ein großer Erfolg, aber nur in der angepeilten Zielgruppe. Nach Nutzerzahlen überholte es innerhalb der ersten Monate die meisten anderen Linux-Systeme. Auch auf Servern, einem Gebiet, auf dem Linux traditionell verbreitet ist, wurde Ubuntu populär. An den Marktanteilen von Windows- und Apple-Rechnern jedoch änderte sich kaum etwas, auch weil Windows auf den allermeisten neuen PCs vorinstalliert ist, und die stolzen Käufer diese PCs nur in Betrieb nehmen müssen. Bug No. 1 blieb jahrelang ungelöst.

Und dann kam das Smartphone

Steve Jobs mit Apple iPhone (picture alliance/dpa/J. G. Mabanglo)

2007: Steve Jobs stellt das iPhone vor

Am 9. Januar 2007 trat ein anderer IT-Guru auf der Macworld Conference in San Francisco auf die Bühne: Der inzwischen verstorbene Steve Jobs stellte das erste iPhone vor, im Grunde ein Internet-Computer für die Jacken- oder Handtasche, mit dem man unter anderem auch telefonieren konnte. Anderthalb Jahre später brachte der Suchmaschinenkonzern Google das erste Smartphone mit seinem hauseigenen Betriebssystem Android auf den Markt. Und auch ein Android-Gerät ist ein Computer für die Jackentasche. Und plötzlich sahen Desktop-PCs, aber auch Laptops ein klein wenig alt aus.

Shuttleworth, zu dessen selbstgewählten Berufen "Visionär" gehört, erkannte die Chance sofort und beschloss, Ubuntu so umzubauen, dass es eben nicht nur auf Servern und Tischrechnern laufen konnte. Und weil er die Entwicklung und Verbreitung von Ubuntu zum großen Teil aus seiner eigenen Tasche bezahlte, konnte er auch gegen Proteste von Entwicklern, Nutzern und Fans eine neue Benutzeroberfläche für Ubuntu durchsetzen - eine, die nicht nur anders aussah und anders funktionierte als alles, was man zuvor auf Computerbildschirmen gesehen hatte, sondern auch auf viel kleineren Bildschirmen funktionieren würde. Während das Betriebssystem unter der Haube "Menschlichkeit" hieß, bekam die Oberfläche den Namen "Einheit" (Unity).

Crowdfunding-Kampagne für Ubuntu Edge (Canonical)

Selten genutzt: das Ubuntu-Phone

Android-Geräte und iPhone eroberten die Märkte weltweit im Sturm - so umfassend, dass Shuttleworth im Jahr 2013 den Bug No. 1 für erledigt erklären konnte. Nur waren es, wie er enttäuscht feststellte, nicht die fleißigen Ubuntu-Entwickler gewesen, sondern die Menschen hinter iOS (Apple) und Android, die die Vorherrschaft von Microsoft auf dem Markt für Jedermann-Computer gebrochen hatten. Und während iOS und Android andere Smartphone-Betriebssysteme wie Blackberry oder sogar die Windows-Telefone von Microsoft in die Bedeutungslosigkeit verdrängten, wurde weiter an Unity und der Software im Hintergrund gebastelt, und es tauchten sogar erste Ubuntu-Telefone im Netz auf. Nur in "freier Wildbahn" waren sie so gut wie nicht zu finden.

Shuttleworth gibt auf

Nach sieben Jahren langwieriger und teurer Entwicklung erklärte Mark Shuttleworth jetzt überraschend das Ende von Unity; ein Sprecher seiner Firma bestätigte außerdem das Ende aller Bemühungen, ein Ubuntu-Telefon oder -Tablet zu entwickeln. Die Macht von Google und Apple war wohl zu groß, um einen neuen Bug No. 1 in die Liste aufzunehmen und schließlich zu fixen.

Die Entscheidung, die ihm persönlich schwergefallen sei, begründet Shuttleworth mit geschäftlichen Engpässen. Gegen die neuen Giganten sieht er keine Chance mehr für einen Erfolg von Ubuntu im Mobilbereich. Stattdessen sieht er die Zukunft von Ubuntu als Betriebssystem für Server, wo es schon bisher einen stetigen Erfolg hatte, in der Cloud und im Internet of Things, das Kühlschränke, Lichtschalter, Heizungsthermostate und auch Autos miteinander vernetzen soll.

Ganz ohne Bitterkeit verabschiedet sich der Millionär nicht von seinen Plänen. In einer Diskussion über den Kurswechsel auf Google+ schreibt er sich seinen Frust darüber vom Leib, dass Ubuntu nach den ersten Erfolgen für einige Linuxfans zum Ersatz für den alten Hassgegner Microsoft geworden sei, und schließt mit den klaren Worten "F*** that s***".

 

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