1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Politik & Gesellschaft

Chancengerechtigkeit an deutschen Schulen

Arme Kinder haben wenig Chancen, eine akademische Karriere zu machen - so das Ergebnis einer neuen Studie.

Kinder, deren Eltern Lehrer, Ärzte oder Forscher sind, haben gute Chancen, ebenfalls eine akademische Karriere einzuschlagen. Ganz anders sieht es bei Kindern aus, die aus so genannten "bildungsfernen" Schichten stammen, bei denen zuhause Lektüre, Musikunterricht oder Museumsbesuche nicht zum Familienleben gehören. In Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen oder Schleswig-Holstein sind die Abitur-Chancen von Akademiker-Nachwuchs mehr als sechs mal so hoch wie bei Kindern aus sozial niedrigeren Schichten. In Berlin, Hamburg, Hessen oder Sachsen liegt diese Quote nur bei 2,5. So steht es im "Chancenspiegel", einer aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung und des Dortmunder Instituts für Schulentwicklungsforschung.

Zu ähnlichen Ergebnissen ist zuvor bereits der Bildungsforscher Wolff-Dietrich Webler von der Universität Bergen gekommen. Für ihn liegt das nicht an tatsächlich unterschiedlichen Leistungen, sondern daran, dass in Deutschland Bildung "schichtenabhängig" ist. So fänden Kinder aus bildungsbürgerlichen Familien in der Schule viele Inhalte wieder, die ihnen aus ihrer Familie bekannt seien: "Kinder aus anderen schichtspezifischen Kulturen finden ihre Werte und ihre Inhalte in der Schule viel weniger vor", sagt Webler im DW-Interview.

Kriterien

Video ansehen 01:12

Studie: Deutsches Schulsystem ist ungerecht

Für Wolff-Dietrich Webler ist der in der Studie angewandte Vergleich von Schulsystemen der Bundesländer trotz unterschiedlicher Lebensverhältnisse unproblematisch: "Sie sind vergleichbar, weil sie das Gleiche leisten müssen. Sie müssen die Kinder fördern und sie in Gesellschaft und Arbeitsmarkt hineinqualifizieren."

Die Bertelsmann-Studie verwendet vier Kriterien, die bei der Ermittlung der Chancengerechtigkeit auf deutschen Schulen zu Grunde gelegt werden: Integrationskraft, Durchlässigkeit, Kompetenzförderung und Vergabe von Schulabschlüssen.

Mit der Integrationskraft soll gemessen werden, ob Schulsysteme auch jene Jungen und Mädchen in den Unterricht einbeziehen, die wegen körperlicher oder geistiger Behinderungen bislang ausgegrenzt wurden. Gemeinsames Lernen von Kindern mit und ohne Behinderungen ("Inklusion") halte Bildungswege länger offen und verbessert die Chancen auf einen höheren Schulabschluss. Im Westen Deutschlands seien Fortschritte erzielt worden, heißt es im Chancenspiegel, der Osten hinke der Entwicklung hinterher.

Regionale Unterschiede

Im Rollstuhl sitzt eine behinderte Schülerin im Klassenraum einer Integrierten Gesamtschule (IGS) in Hannover. (Foto:dpa)

Inklusion: Gemeinsamer Unterricht in einer Integrierten Gesamtschule

Eine zentrale Frage, an der sich das deutsche Schulsystem messen lassen muss, ist die nach der Durchlässigkeit. Wie einfach oder schwierig ist es, auf die nächst höhere Schulform zu wechseln? Und umgekehrt: Wie schnell wird jemand herabgestuft, wenn die schulischen Leistungen nicht den Erwartungen entsprechen? In Nordrhein-Westfalen ist der Unterschied besonders auffällig: Einem Schüler, dem es gelingt auf eine höhere Schulform zu wechseln, stehen mehr als acht gegenüber, die den umgekehrten Weg antreten. Deutschlandweit kommen auf einen "Aufsteiger" etwas mehr als vier "Absteiger". Insgesamt betrachtet ist das deutsche Schulsystem also eher auf dem Weg nach unten durchlässig, während der Weg nach oben deutlich weniger beschritten wird.

Regionale Unterschiede zeigen sich auch in der Lesekompetenz, die mit der sozialen Herkunft einhergeht. So fällt es in Bremen Schülern aus sozial schwacher Umgebung deutlich schwerer, einen komplexen Text zu lesen und zu verstehen als ihren Altersgenossen in Brandenburg. Während Hamburg beispielsweise in den Bereichen Durchlässigkeit und Vergabe von Schulabschlüssen überdurchschnittlich gut abschneidet, bereitet der norddeutsche Stadtstaat auf dem Feld der Kompetenzförderung seinen Schülern ein eher unterdurchschnittliches Angebot. Die Förderung der Kompetenz schließt Ergänzungsunterricht genauso ein wie Fördermaßnahmen oder separate Förderschulen.

Sonderfall Sachsen

Buchrücken von Goethes Faust

Lesekompetenz: Es muss nicht immer Goethes Faust sein

Ein erstaunliches Ergebnis hat die Studie für Sachsen ermittelt: Bei der Kompetenzförderung gehörten sowohl die leistungsstärksten als auch die leistungsschwächsten Schüler bundesweit zu den Besten ihrer jeweiligen Vergleichsgruppe.

Auch bei den Schulabschlüssen gibt es Unterschiede zwischen den Bundesländern. Während in Nordrhein-Westfalen 54 Prozent der Jungen und Mädchen einen Hochschulzugang erreichen, sind es im Bundesdurchschnitt nur 46 Prozent. In Nordrhein-Westfalen bleiben 6,5 Prozent ohne einen Schulabschluss, deutschlandweit sind es 7 Prozent. Etwas unter dem Bundesdurchschnitt ist auch die Sitzenbleiber-Quote mit 2,5 Prozent gegenüber 2,9 in den übrigen Bundesländern.

Kein Bundesland ist überall spitze

Auch die Zahl der Schulabrecher ist laut Chancenspiegel regional sehr unterschiedlich. Von den rund 60.000 Jugendlichen, die jährlich die Schule ohne Abschluss verlassen, entfallen statistisch mehr auf die ostdeutschen Flächenländer und weniger auf Baden-Württemberg, Bayern oder Niedersachsen. Für den Bergener Bildungsforscher Wolff-Dietrich Webler stehen die Schulen in der Verantwortung, denn abgesehen von tatsächlichen Leistungsschwächen, führt er Schulversagen vor allem darauf zurück, dass die Schülerinnen und Schüler nicht richtig für die einzelnen Fächer begeistert werden: "Wenn Schule es nicht schafft, die Kinder bei ihrer Motivation zu packen, dann unterrichtet sie an den Kindern vorbei."

Insgesamt kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass es keineswegs Chancen-Gerechtigkeit an deutschen Schulen gibt. Soziale Herkunft der Eltern und deren Einkommen entscheiden mehr über die Bildungschancen der Kinder als deren tatsächliche Leistung in der Schule. Zwar gibt es Bundesländer, die in vielen Bereichen in der Spitzengruppe liegen. Aber kein Land ist in allen Kriterien auf einem Spitzenplatz, genauso wie kein Bundesland überall das Schlusslicht ist.

Autor: Matthias von Hellfeld
Redaktion: Arnd Riekmann

Audio und Video zum Thema