1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Politik

Chance auf einen Wandel

Die Zukunft des Irak steht nach der Machtübergabe auf Messers Schneide, sagt der Orientexperte Henner Fürtig. Das Land könne immer noch auseinander brechen. Viel komme auf die Wahlen 2005 an.

default

Zivilverwalter Paul Bremer (r., mit Ministerpäsident Ijad Allawi, m.) hat den Irak bereits verlassen

Prof. Fürtig

Prof. Henner Fürtig vom Deutschen Orient Institut (Archiv)

Der deutsche Orientexperte Henner Fürtig, geboren 1953, ist am Deutschen Orient-Institut in Hamburg tätig. Im Interview mit DW-World bewertet der Professor für Arabistik und Geschichte den vorgezogenen Machtwechsel im Irak und welche Konsequenzen sich daraus für das Land ergeben.

DW-World: Wie bewerten sie das Vorziehen der Machtübergabe im Irak? Ist dies ein Eingeständnis von Schwäche und Angst vor dem Terror?

Henner Fürtig: Nein. Als Zeichen von Schwäche würde ich das nicht bezeichnen, aber als Zeichen von Angst. Und die Angst ist ja auch berechtigt, wenn ich sehe, was in den letzten Tagen im Irak passiert ist. Es war ein taktischer Schachzug die Machtübergabe vor zu verlegen, um dem 30. Juni seinen Symbolgehalt zu nehmen und damit mögliche Planungen der Terroristen zu stören. An der Substanz hat sich nichts geändert.

Ist der heutige Tag wirklich das Ende der Besatzung?

Nein, der Besatzung nicht. Die Besatzung ist ja jetzt sogar nach der Resolution 1546 mit allerhöchsten UNO-Weihen versehen und wird fortgesetzt. Es ist also, wie wir alle wissen, eine eingeschränkte Souveränität. Diese bezieht sich auf innenpolitische Alltagsentscheidungen im Irak, wo die Souveränität jetzt gilt, allerdings nicht auf das Problem der inneren Sicherheit und das der Außenverteidigung.

Was wird sich mit der förmlichen Übertragung der Souveränität auf die Iraker ändern?

Ändern kann sich die innere Stimmungslage. Wenn bei den Menschen auf der Straße der Eindruck entsteht, dass Entscheidungen, die sie unmittelbar angehen, von den eigenen Landsleuten getroffen werden und die Ministerien nicht reine Staffage für Entscheidungen sind, die in der C.P.A. (amerikanisch geführte Zivile Übergangsverwaltung, Anm. der Redaktion) fallen, dann kann sich mittelfristig ein Stimmungswechsel vollziehen. Das ist für mich die einzige Änderung, die in dieser Souveränitätsübergabe liegt, zumindest die Chance auf einen Wandel. Das bedeutet aber nicht, dass der Terror in den nächsten Tagen und Wochen nachlassen wird.

Was muss und was kann die Übergangsregierung tun?

Die Übergangsregierung kann im Prinzip kaum etwas anderes tun, als ihre Arbeit auf den Wahltermin am 2. Januar 2005 auszurichten, wie es Ministerpräsident Ijad Allawi gerade getan hat. Zuvor gab es ja Gerüchte über eine Verschiebung. Ich glaube, das ist ein wesentlich wichtigerer Tag, als diese Übergabe der, wie wir wissen, eingeschränkten Souveränität. Es muss den Irakern glaubhaft versichert werden, dass sie an diesem Tag tatsächlich eine Stimme haben und dass diese Stimme gehört wird und dass diese Stimme über die Zukunft des Landes entscheidet.

Und dass es sicht lohnt, Rivalitäten und Ablehnung gegenüber der Interimsregierung bis zu diesem Stichtag zurück zu stellen. Dann hat sie, glaube ich, ihr Hauptziel erreicht. Mehr kann und darf sie gar nicht erreichen. Es gibt ja viele Kräfte im Lande, vor allem die Schiitenführer, die sagen, die Interimsregierung hat nur diese alleinige Aufgabe. Alles andere muss dann der Verantwortung einer gewählten Regierung überlassen werden.

Lesen Sie im zweiten Teil, was die vordringlichsten Aufgaben im Irak sind.

Die Redaktion empfiehlt