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Deutschland

Cemile Giousouf: Das Gesicht einer neuen CDU

Jung, weiblich, muslimisch: Cemile Giousouf ist die Ausnahme in der CDU. Als erste muslimische Kandidatin tritt sie für die christlich geprägte Partei bei der Bundestagswahl an.

Zitronenkuchen, Kirschstreusel, Apfeltarte - ungeduldig warten die Kinder auf die offizielle Eröffnung des Festes. Im Hinterhof des Kindergartens haben sich etwa 50 Erwachsene und mindestens genauso viele Kinder versammelt. Auch Cemile Giousouf ist da. Sie will heute um Spenden werben für einen Kindergarten in Passau, der während der Hochwasser-Katastrophe diesen Frühling komplett überflutet wurde. Doch bevor sie die kleine, provisorische Bühne betreten darf, ist erst einmal Kinderprogramm angesagt. Es werden Lieder gesungen, ein kleines Theaterstück wird aufgeführt, Gedichte werden vorgelesen.

Cemile Giousouf sitzt in der ersten Reihe und blättert durch ihre Notizen. "Vorbereitung ist alles", sagt sie. Auf der Bühne später wirkt sie souverän, sie spricht klar, die Gedanken sind gut strukturiert. Sie wolle sich kurz fassen, Politiker würden dazu neigen, viel zu viel zu reden. Das versuche sie zu vermeiden, sagt sie lächelnd. Eins wird klar - sie will keine typische Politikerin sein. Ihr Motto: Machen, statt viel reden.

Deutschland-Griechenland-Deutschland

Cemile Giousouf, CDU-Bundestagskandidatin, Wahlkreis Hagen. Die CDU-Bundestagskandidatin Cemile Giousouf bittet um Spenden für einen Kindergarten in Passau, der während der Hochwasserkatastrophe komplett überflutet wurde. Ort - Kindergarten Christophorus in Hagen. (Foto: DW/Rayna Breuer)

Jeder Auftritt ist gut geplant, jede Rede im Vorfeld geübt

Cemile Giousouf ist Mitte 30. "Wenn es so was wie eine typische Gastarbeiterkindheit gab, dann hatte meine Kindheit viele Parallelen dazu", sagt Giousouf. "Meine Eltern wollten, dass ich und mein Bruder eine bessere Zukunft haben. Deswegen legten sie sehr viel wert auf Bildung. Sie konnten uns inhaltlich nicht viel helfen, aber sie haben alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit wir die entsprechende Unterstützung bekommen", erinnert sich Giousouf.

Sie ist in Deutschland geboren, ihre Eltern gehören einer türkischen Minderheit in Griechenland an. Zwei Jahre nach der Geburt schickte sie ihre Mutter nach Griechenland. Dort lebte sie bei ihrem Onkel und seiner Frau. Ihre Mutter ist in Deutschland geblieben, sie musste arbeiten. Zwei Jahre später holte sie ihre Tochter wieder nach Deutschland zurück.

Giousouf verbrachte ihre Kindheit in Leverkusen, später studierte sie Politikwissenschaft in Bonn. In ihrer Freizeit engagierte sie sich im Deutsch-Türkischen Forum, einer Organisation der CDU im Bundesland Nordrhein-Westfalen. Das war der Einstieg in die Politik - und in die Partei, die für christliche und konservative Werte steht. "Ich dachte zu Beginn tatsächlich wie viele andere Menschen, dass die CDU keine Partei ist, in der Migranten beheimatet sein können. Aber seit 2005 ist viel passiert in der CDU. Das Thema Integration wurde zur Chefinnen-Sache erklärt", sagt Giousouf. Längst habe die CDU die anderen Parteien beim Thema Integration überholt. Das "C", also das christliche Profil der Partei, störe sie nicht. Im Gegenteil. "Gläubige Menschen, egal welcher Religion sie angehören, haben ähnliche Interessen. Sowohl Muslime als auch Christen in Deutschland wollen etwa eine religiöse Ausbildung in der Schule. Die Grünen aber nicht, sie wollen stattdessen Ethikunterricht."

Sommerfest des St. Christopforus Kindergartens in Hagen (Foto: DW/Rayna Breuer)

Im Hinterhof des Kindergartens "St. Christophorus" in Hagen

Der neue Weg der CDU

Schnell ein paar Fotos machen, dann ins Auto und ab zum nächsten Termin. Der örtliche Motorradverband organisiert ein Open-Air-Fest - mit Musik, Bratwurst und Spielen. Auch der CDU-Kreisvorsitzende Christoph Purps ist mit dabei. Mit der Wahl Cemile Giousoufs als Direktkandidatin sieht er die Hagener CDU als Trendsetter: "Es war an der Zeit, diesen Schritt zu gehen. Es ist aus meiner Sicht unerheblich, welchen Glauben sie hat, da die unterschiedlichen Religionen mehr Verbindendes als Trennendes haben", sagt Purps. Die CDU müsse sich aber sicherlich noch mehr bewegen, die Richtung stimme jedoch, meint er. "Heute fragen wir in der CDU auch nicht mehr, ob jemand katholisch oder evangelisch ist. In unseren Gründungsjahren war das anders. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir in ein paar Jahren auch nicht mehr danach fragen, zu welchem Glauben man sich bekennt."

Cemile Giousouf, CDU-Bundestagskandidatin, Wahlkreis Hagen, im Gespräch mit einer Frau (Foto: DW/Rayna Breuer)

Cemile Giousouf im Gespräch mit den Wählern

Händeschütteln, Small-Talks, ein Termin jagt den anderen. Viel Zeit für Freund und Familie bleibt Cemile Giousouf deswegen nicht. "Meine Eltern haben meine Kandidatur zunächst begrüßt. Aber jetzt beschweren sie sich, dass ich so selten Zuhause bin", sagt Giousouf und lacht.

Ihr Engagement für die Politik zahlt sich offenbar aus: "Ich bin eigentlich immer ein Nicht-Wähler gewesen. Es passiert hier in Deutschland einfach sehr selten etwas zum Wohl der Bürger. Ich habe das Vertrauen in die Politiker schon vor Jahren verloren", sagt Joshua, ein Ladenbesitzer aus Hagen. Nachdem er aber die Gelegenheit hatte, Cemile Giousouf persönlich zu sprechen, könne er sich nun doch vorstellen, sie im September zu wählen. "Ich halte sie für eine ehrliche Person. Ich glaube, dass sie wirklich etwas verändern möchte und sich auch durchsetzen kann."

Ein Vorbild für Migranten

Im Bundestag will sich Cemile Giousouf den Themenschwerpunkten Bildung und Familie widmen: "Jedes Kind muss eine Chance auf eine gute Ausbildung haben. Derzeit ist es so, dass Kinder aus Akademikerfamilien sieben Mal höhere Chancen auf einen Hochschulabschluss haben als Kinder aus Nichtakademikerfamilien", sagt sie. Außerdem sollten die Bedingungen für berufstätige Frauen mit Kindern weiter ausgebaut werden: "Die CDU hat eine sehr gute Familienpolitik gemacht, Kindergartenplätze wurden ausgebaut, das Elterngeld eingeführt. Das sind Themen, die auch Zuwanderer bewegen." Doch es müsse weiter in diese Richtung gearbeitet werden. Denn immer noch würden sich viele Frauen gegen Kinder entscheiden, weil sie einen Karriereknick befürchten.

Was in Berlin auf sie wartet, darüber hat sie sich noch keine Gedanken gemacht. "Jetzt besuche ich einen Termin nach dem anderen und versuche, einen guten Wahlkampf zu machen." Eins hofft sie jetzt schon erreicht zu haben: Mit ihrer Kandidatur auch anderen Menschen mit Migrationshintergrund Mut gemacht zu haben, ihren Weg in der Politik zu suchen.

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