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Bücher

Celil Oker: Letzter Akt am Bosporus

Istanbul, wie es nicht im Reiseführer steht: Privatdetektiv Remzi Ünal sucht die Wahrheit und sticht in ein Wespennest. Er dringt in das Szene-Milieu von Off-Theatern, dunklen Bars und obskuren Spielhöllen ein.

Buchcover: Oker - Letzter Akt am Bosporus

"Der Detektiv ist der Dosenöffner der Gesellschaft. Aber wenn die Dose offen ist, dann zeigt sich, dass sie voller verfaulter, stinkender Fische ist.“ So hat der britische Autor Derek Raymond die Rolle des Detektivs im schwarzen Krimi beschrieben. Der Istanbuler Detektiv Remzi Ünal ist ein solcher gesellschaftlicher Dosenöffner. Ein Mann wie Phillip Marlowe: Einsam, selbstironisch, knochenhart. Ex-Trinker, Ex-Pilot, kaffeesüchtiger Privatdetektiv mit einer Leidenschaft für den meditativen japanischen Kampfsport Aikido, ein offenbar Gestrandeter, der auf der Suche nach sich selbst zwischen Flugsimulationsspielen und Fashion TV-Gucken steckengeblieben ist:

Ich ertappte mich dabei, wie ich auf der letzten Seite die Informationen über Bildungsreisen ins Ausland studierte. Sollte ich abhauen und einfach verreisen? ... Ich warf die Zeitschrift auf den Boden. Es hatte keinen Sinn Istanbul zu verlassen, wenn ich sowieso überall, wohin ich ging, mich selbst mitnehmen würde. Ich würde schlafen, einen Kaffee nach dem anderen trinken, zum Training gehen, ... Musik der Band Mogullar hören, schlechte Speisen essen, ins Kino gehen ..., die Cessnas fliegen, sie abstürzen lassen, Zigaretten rauchen ...

Zurückhaltender Antiheld

Bei solchen Blues-Attacken kommt ein neuer Fall gerade recht: Eine junge Schauspielerin aus seinem Aikidokurs ist ermordet worden. Ünal, ein Mann mit mehr Gewissen als in seinem Beruf gut ist, fühlt sich verantwortlich und ermittelt. Schnell gerät er in einen Sumpf aus vertuschten Leidenschaften: Spielsucht, verbotene Affären, Erpressung. Und immer ist die Familie die Keimzelle des Unheils: Bigotte Väter, haltlose Söhne, eifersüchtige oder herrschsüchtige Schwestern und Verlobte, die nicht lieben, wen sie sollen, neigen dazu Probleme mit Blut wegwischen zu wollen.

Auch wenn Remzi Beys Fälle immer ur-amerikanisch von Sinatr-Musik unterlegt sind und wenn Klassiker wie Hammett oder Chandler stolz auf ihren türkischen Enkel gewesen wären, so bleibt der Antiheld am Bosporus auch bei seinem dritten Fall durch und durch Türke. Im Land der Ehrenmorde ist der Privatdetektiv noch eine absolut exotische Erscheinung. Und dementsprechend zurückhaltend lässt Celil Oker, der Erfinder des modernen türkischen Detektivromans, seinen Remzi Ünal agieren: Beim furiosen, als Aikido-Kampf imaginierten Showdown löst er den Fall bis ins kleinste Detail. Aber anders als seine amerikanischen Kollegen hält der türkische Detektiv den Deckel auf der stinkenden Fischdose. Die Wahrheit ist eben nicht immer alles.

Celil Oker
Letzter Akt am Bosporus
Unionsverlag, 2004
ISBN 3-293-20313-2
EUR 9,90