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Wirtschaft

Cebit: Alles ist vernetzt

Das Internet ist schuld - auch daran, dass die einstige "Computermesse" anderen Messen immer ähnlicher wird. Für Abwechslung sorgt das Gastland Japan. Aus Hannover berichtet Andreas Becker.

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Start der Cebit

Selbstfahrende Autos? Gibt es auch auf der Internationalen Automobilmesse (IAA) in Frankfurt oder der Tech-Konferenz SXSW im texanischen Austin zu sehen. Roboter, die einem zur Hand gehen? Auf der Industriemesse in Hannover. Cloud-Lösungen, Big Data, das Internet der Dinge, Virtual Reality? Auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas oder dem Mobile World Congress in Barcelona. Und Drohnen? Inzwischen in jedem Spielwarenladen.

Die Cebit in Hannover, die an diesem Montag beginnt und am Vorabend von der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem japanischen Premierminister Shinzo Abe eröffnet wurde, hat das Problem, dass die großen Trends eben nicht nur hier, sondern überall besprochen und gezeigt werden.

Oliver Frese, Vorstand des Veranstalters Deutsche Messe AG und Chef der Cebit, scheint das nicht zu stören. "Früher war die Digitalisierung eher abstrakt", so Frese. "Auf dieser Cebit ist sie konkret erlebbar, weil es inzwischen ganz viele Anwendungsbeispiele gibt."

Alles ist vernetzt

3000 Unternehmen aus 70 Nationen zeigen bis zum 24.03.2017 ihre Produkte und Anwendungen. Die Zahl der Aussteller liegt damit genau auf dem Niveau des Vorjahres, und Frese rechnet auch in diesem Jahr mit 200.000 Besuchern.

Der Fokus der Messe liegt darauf, wie die großen Trends der Digitalisierung von Unternehmen - und hier vor allem vom Mittelstand - genutzt werden können. Anwendungen für normale Konsumenten sind die Ausnahme.

Deutschland Cebit in Hannover - Augmented Reality (DW/A. Becker)

Augmented Reality - auch in der Lackherstellung

Das bald alles mit allem vernetzt ist und Daten in der Cloud lagern, ist inzwischen ein Allgemeinplatz. Auf der Cebit werden gerne Studien zitiert, laut denen weltweit bald 50 Milliarden Geräte miteinander vernetzt sein werden - von normalen Smartphones über die Ventile von Maschinen bis zu den Sensoren selbstfahrender Autos.

"Irgendwann wird jeder Gullideckel auf der Straße mal den Wasserstand funken", sagt Thorsten Dirks, Präsident von Bitkom, dem Bundesverband der deutschen IT-Industrie. "Das wird auch passieren. Wir müssen uns nur anschauen, wie sich die Sensortechnik weiterentwickelt, wie viele Sensoren wir am Körper tragen, und dass Sensoren in Textilien eingewebt werden."

Querschnittsgelähmte können wieder gehen

So nutzt dervmittelständische Lackhersteller Bergolin Microsofts Hololens Brille, die die Realität mit zusätzlichen Daten anreichert. Arbeiter in der Lackproduktion fuchteln scheinbar mit dem Finger in der Luft rum, steuern in Wahrheit aber, welche Chemikalien in den Mischer kommen. Noch ist das Projekt in der Testphase.

Handfester geht es bei Ekso Bionics zu, einem Hersteller von sogenannten Exoskeletten. Das sind roboterähnliche Strukturen, die den menschlichen Körper unterstützen. Damit ausgerüstet, kann Sebastian Erhardt, der seit einem Unfall querschnittsgelähmt ist, sogar wieder laufen. Zurzeit wird das Skelett nur von Kliniken eingesetzt. Aktueller Preis: 120.000 Euro.

Salesforce, ein großer US-Anbieter von Cloud-Computing-Lösungen, hat mit mehreren Unternehmen konkrete Anwendungen für den Umgang mit vernetzten Daten entwickelt, unter anderem mit dem LKW-Hersteller MAN. Kunden, die auf eine Lieferung warten, können jederzeit erfahren, wo sich ihre Waren gerade befinden. Speditionsmanager erhalten Informationen über ihre gesamte Wagenflotte.

Selbst für den Fahrer gibt es Informationen, die bares Geld wert sind. Das System analysiert Fahrstil und Spritverbrauch und weist den Fahrer darauf hin, wie er Kraftstoff spart. "Viele Fahrer erhalten Zuschläge, wenn sie weniger Sprit verbrauchen", erklärt ein Salesforce-Mitarbeiter. "Sie können so ihren Lohn erhöhen."

Arbeitsplätze in Gefahr

Wie lange es allerdings überhaupt noch Fahrer geben wird, erscheint nach einem Gang über die Cebit zumindest fraglich. Dort kurven bereits fahrerlose Kleinbusse durch eine Halle, die Hindernisse erkennen und anhalten, wenn ein Radfahrer ihren Weg kreuzt. In der Schweiz sind einige bereits im Einsatz.

Deutschland Cebit in Hannover - Selbstfahrende Minibusse (DW/A. Becker)

Personal gespart: selbstfahrende Minibusse auf der Cebit

Auch in der Landwirtschaft ist autonomes Fahren ein Thema - etwa beim fahrerlosen Trecker, den das japanische Unternehmen Magellan Systems zeigt. Und wenn der Chiphersteller Intel demonstriert, wie Ölplattformen oder Windräder auf hoher See mit Hilfe von Drohnen gewartet werden, geht es ebenfalls vor allem ums Sparen. Die Wartungskosten, so heißt es, werden dadurch halbiert.

Wenn es um Digitalisierung geht, spricht man in Deutschland gerne von "Industrie 4.0" - ein Oberbegriff für das Zusammenwachsen von industrieller Fertigung und der digitalen Welt. Japan, das diesjährige Partnerland der Cebit, ist hier schon ein paar Schritte weiter und zeigt Roboter, die in der Alten- und Krankenpflege arbeiten. Das japanische Motto in diesem Jahr ist Programm: "Gesellschaft 5.0".

Dahinter steckt nicht nur ein Wettlauf um den besseren Slogan, wie die Handelsstatistik der beiden Länder zeigt. Der Wert der IT-Hardware, die Deutschland aus Japan einkauft, übersteigt die deutsche IT-Exporte nach Japan um das Fünffache.

Jedes vierte führende Tech-Unternehmen kommt aus Japan, so der Branchenverband Bitkom. Auch hier geht es um Arbeitsplätze. "Wenn wir in Deutschland es nicht schaffen, hier in Zukunft eine führende Rolle zu spielen, dann setzen wir unseren Wohlstand aufs Spiel", so Bitkom-Präsident Thorsten Dirks. "Denn dann entstehen bei uns keine neuen Arbeitsplätze, während viele alte Arbeitsplätze automatisiert werden und wegfallen. Das ist ein Szenario, das ich mir gar nicht vorstellen mag."

Aus deutscher Sicht ist Japan ist also nicht nur Partnerland, sondern auch Konkurrent. Bundeskanzlerin Merkel betonte in ihrer Eröffnungsrede allerdings die Gemeinsamkeiten: "Wenn ich sehe, wie wir uns mit manchen über offene Grenzen und Freihandel streiten müssen", sagte sie in Anspielung auf US-Präsident Donald Trump, den sie gerade besucht hatte, "dann ist es gut, dass wir [gemeint ist Japans Premier Shinzo Abe - d. Red.] uns darüber nicht streiten müssen."

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