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Teilen statt kaufen

Carsharing im Aufwind

Immer mehr Menschen verzichten auf das eigene Auto und nutzen Carsharing-Angebote. Ein Segen für die Umwelt. Oder doch nicht? Kritik kommt von der Deutschen Umwelthilfe.

Es sollte die Lösung sein für mehr Nachhaltigkeit und für mehr Umweltschutz. Die Idee: Statt mit dem eigenen Auto zu fahren, teilen sich einfach mehrere Menschen ein Auto. Im Endeffekt kommen dadurch weniger Fahrzeuge auf die Straße, der Verkehr wird entlastet, Elektromobilität gefördert und die Luft verbessert. Car-Sharing boomt und immer mehr Menschen haben in den vergangenen Jahren solche Autos genutzt, wie der Bundesverband Carsharing am Dienstag in Berlin mitteilte.

Zum Jahreswechsel waren mehr als 1,7 Millionen Bundesbürger bei den verschiedenen Anbietern registriert. Das waren 36 Prozent mehr als im Jahr davor. Damit hat sich das Wachstum deutlich beschleunigt. "In innenstadtnahen Wohngebieten ersetzt ein Carsharing-Fahrzeug heute bis zu 20 private Pkw", sagte Geschäftsführer Willi Loose. "Carsharing befreit Städte also in erheblichem Umfang von überflüssigen Autos."

Ein Fahrzeug der Firma Drive Now (picture-alliance/dpa)

DriveNow ein Carsharing Joint Venture von BMW und dem Autovermieter Sixt.

Unabhängigkeit beliebt bei "Auto-Teilern"

In Deutschland haben sich zwei Varianten beim Carsharing etabliert. Einmal das stationsbasierte Carsharing, bei dem die Autos auf festen Stellplätzen stehen und zum anderen das sogenannte "free-floating Carsharing", bei dem die Fahrzeuge irgendwo in einem bestimmten Geschäftsgebiet geparkt sind.

Die meisten neuen Kunden meldeten sich bei free-floating-Anbietern an, so der Bundesverband Carsharing. Ihre Nutzerzahl stieg um mehr als die Hälfte auf knapp 1,3 Millionen. Während diese Angebote ihr Operationsgebiet in den großen Städten nicht ausweiteten, gibt es in 60 weiteren Städten stationsbasiertes Carsharing. Damit können insgesamt in knapp 600 Orten Fahrer Autos mit anderen Nutzern teilen, anstatt einen privaten Wagen zu nutzen.

Wie umweltfreundlich ist Carsharing wirklich?

Vor allem die traditionellen Angebote bewertet die Deutsche Umwelthilfe positiv. "Die stationären Carsharing-Konzepte, die mit viel Herzblut und Pfiffigkeit gemacht sind, sind wunderbar - selbst wenn damit nur ein Zweitwagen verhindert wird", meinte Geschäftsführer Jürgen Resch.

Dagegen seien die stationsunabhängige Carsharing-Konzept in Großstädten aber ökologisch bedenklich. "Die Erfahrungen, die wir sehen, sind kontraproduktiv", sagte Resch. Große Autobauer wie Daimler mit Car2go, BMW mit DriveNow oder Citroën mit Multicity bieten solche Modelle an. Gäbe es sie nicht, würden viele Nutzer stattdessen mit Bus, Bahn oder Taxi fahren, glaubt Resch. Daher warnte er auch Kommunen davor, solche Angebote zu fördern. "Das ist eine Verkaufsförderung für die Autoindustrie." Die einzige Lösung für Verkehr und Umwelt sei, Busse und Bahnen besser und günstiger zu machen - anstatt konkurrierende Lösungen wie carsharing zu fördern.

Fragt man die Betreiber von Bus und Bahn, dann fürchten sie nicht die Konkurrenz durch Carsharing. Sie setzen vielmehr auf Kooperation beider Mobilitätskonzepte und glauben Carsharing eigne sich gut, um Lücken im Netz zu schließen.

Studie des Bundesumweltministeriums

Auch das Bundesumweltministerium hat für die Jahre 2013 bis 2015 eine Studie erstellt, die sich mit Carsharing in Berlin und München befasst. Das wesentliche Ergebnis: Die Nutzer beider Carsharing-Systeme fahren auch regelmäßig mit öffentlichen Verkehrsmitteln, da sie vergleichsweise oft über ein Abo verfügen. Außerdem besitzen sie weniger oft einen eigenen Pkw als der Durchschnitt dieser Personengruppe. Die Befragung hat zudem gezeigt, dass für viele Carsharing ein wichtiger Grund ist, keinen Pkw im Haushalt zu besitzen. Einige Nutzer haben aufgrund von Carsharing das eigene Auto abgeschafft. Allerdings denken auch einige autofreie Haushalte trotz Carsharing darüber nach, sich einen eigenen Pkw anzuschaffen.

Deutschland Elektromobilität Symbolbild Tankstelle für Elektroautos (imago/A. Prost)

Car2Go hat Elektroautos in der Flotte.

Da Carsharing teilweise zur Abschaffung privater Pkw führt, ist die Carsharing-Flotte im Schnitt aber kleiner als eine entsprechende Privat-Pkw-Flotte, heißt es in der Studie. Die CO2-Emissionen können durch Carsharing stark reduziert werden, da in Carsharing-Flotten meist E-Autos oder Fahrzeuge mit einem geringeren CO2-Ausstoß im Vergleich zum bundesdeutschen Durchschnitt eingesetzt werden und die Fahrzeuge auch oft kleiner sind.

Förderung durch Bundesregierung

Umweltministerin Barbara Hendricks glaubt: "Carsharing ist eine Chance für nachhaltigere Mobilität in den Städten." Daher fördert die Bundesregierung das Teilen von Autos. Im Dezember 2016 beschloss das Bundeskabinett einen Gesetzentwurf, der es den Kommunen ermöglichen soll, Parkgebühren für Carsharing-Autos zu senken oder zu streichen. Auch soll es möglich sein, bestimmte Abstellflächen ausschließlich für solche Fahrzeuge zu reservieren - und zwar sowohl für stationäre  als auch für free-floating-Konzepte. Die Branche begrüßte das Gesetz, das zum 1. September 2017 in Kraft treten soll. Ob und wie die Länder von der künftigen Rechtsgrundlage Gebrauch machen, können sie allerdings selbst entscheiden.

Den größten Schub erwartet der Bundesverband Carsharing, wenn Anbieter feste Stationen am Straßenrand einrichten können. Bisher stünden diese Wagen zu mehr als 90 Prozent auf Privatflächen, in Hinterhöfen und Tiefgaragen. Bei der Vergabe solcher Sonderflächen soll unter anderem auch darauf geachtet werden, ob es eine Vernetzung mit Bussen und Bahnen gibt sowie auch Elektroautos angeboten werden.

Ist das eine versteckte Verkaufsförderung für Deutschlands wichtigsten Industriezweig, die Autobauer? Viel Geld verdienen die Autobauer bisher nicht mit ihren Carsharing-Angeboten. Nach Angaben von Daimler beispielsweise ist Car2go erst in einzelnen Städten profitabel. Wichtiger ist den Unternehmen, sich eine große Kundenbasis aufzubauen in der Hoffnung auf zukünftige Gewinne, da Experten dem Geschäft mit Fahrdiensten starkes Wachstum prophezeien. Außerdem sei jede Fahrt mit einem Car2go letztendlich immer auch eine Probefahrt mit einem Smart, heißt es von Daimler. Auch Autoexperte Stefan Bratzel glaubt, Carsharing-Autos könnten neue Nutzer erst auf den Geschmack bringen.

Mit Material von dpa

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