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Deutschland

Carl Friedrich von Weizsäcker: Leben für den Frieden

Der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker ist tot. Er starb nach langer, schwerer Krankheit im Alter von 94 Jahren. Der Friedensforscher galt als einer der letzten deutschen Universalgelehrten.

Porträt Carl Friedrich von Weizsäcker (Archiv) Foto: AP

Carl Friedrich von Weizsäcker (Archivbild von 1987)

Atomphysik und Philosophie: Auf beiden Gebieten hatte von Weizsäcker geforscht und gelehrt. Seine Mitarbeit am deutschen Atomprogramm während der Nazi-Zeit empfand er später als große Schuld. "Wenn solche Waffen möglich werden, dann muss man den Krieg, die jahrtausendealte Institution des Kriegs überwinden, oder die Menschheit wird sich zu Grunde richten", konstatierte von Weizsäcker 1939 zusammen mit seinem Freund, dem Religionspädagogen Georg Picht, fest. Das sei immer sein Motiv für seine Friedensarbeit gewesen, sagte er später.

Posten in der Politik abgelehnt

In die Politik wechselte der Wissenschaftler trotz vieler Angebote nicht. Zwei Mal, 1964 und 1979, schlug er eine Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten aus. Carl Friedrich überließ das Amt dem jüngeren Bruder Richard, der von 1984 bis 1994 Bundespräsident war.

Doch der Physiker, Philosoph und Christ Carl Friedrich von Weizsäcker war davon überzeugt, dass Wissenschaftler eine politische Verantwortung tragen: "Man kann nicht in unserem Jahrhundert Physik machen, aus der so etwas herauskommt wie zum Beispiel Atomenergie oder Atombomben, und dann sagen, 'die Folgen davon gehen mich nichts an'." Zu seiner Mitarbeit am deutschen "Uranprojekt" während des Zweiten Weltkriegs sagte der Wissenschaftler später, es sei eine göttliche Gnade gewesen, dass der Bau einer Bombe in Deutschland technisch nicht zu realisieren war. Er habe mitgemacht, um politisch Einfluss nehmen zu können. "Es wäre tödlich schief ausgegangen."

Schock über Atomwaffen

Als von Weizsäcker 1945 in England mit anderen deutschen Physikern interniert war, erfuhr er von den Atombomben-Abwürfen auf die japanischen Städte Hiroschima und Nagasaki und die grausamen Folgen. Gegen eine atomare Bewaffnung der Bundeswehr engagierte er sich 1957, kurz nach der Ernennung von Franz Josef Strauß (CSU) zum Verteidigungsminister. In dem überwiegend von Weizsäcker formulierten "Manifest der Göttinger Achtzehn" erklärten namhafte Physiker damals, sich für Deutschland nicht "an der Herstellung, Erprobung oder dem Einsatz von Atomwaffen in irgendeiner Weise zu beteiligen".

Interdisziplinäres Denken

Auch die Erkenntnis, dass Umwelt- und Entwicklungsprobleme global zusammengehören, wollte der Wissenschaftler früher als andere der Politik bewusst machen. Endzeitängste lehnte Weizsäcker aber stets ab: "Weltuntergangsszenarien haben den einzigen Nutzen, dass sie den Leuten einen Schrecken einjagen, damit sie etwas tun", sagte er. Zudem war er überzeugt davon, dass es echten Fortschritt durch Einsicht geben könne. Schon seit seiner Kindheit beschäftigte ihn die Frage nach der Einheit der Natur. In dem umfassenden Werk "Zeit und Wissen", das er 1992 zu seinem 80. Geburtstag fertig gestellt hatte, entfaltete er seine Weltsicht.

Steile Karriere

Weizsäcker wurde am 28. Juni 1912 in Kiel als Sohn des Diplomaten Ernst von Weizsäcker geboren. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann er als Schüler von Werner Heisenberg und Niels Bohr, als Mitarbeiter von Otto Hahn und Lise Meitner, und er hatte Kontakt mit dem Philosophen Martin Heidegger. Eine Dozentur in Berlin, Professuren in Straßburg und Göttingen als Physiker waren die nächsten Stationen. Internationale Anerkennung als Atomphysiker erhielt er durch die nach ihm benannte Weizsäcker-Formel für die Energiesubstanz der Atomkerne. 1957 folgte er einem Ruf nach Hamburg, um Philosophie zu lehren. Später sprach er von diesen Jahren als "meine glücklichste Zeit". Seine Studenten bewunderten seine völlig freie, klare und eindringliche Redeweise.

"Institut für unangenehme Fragestellungen"

Zehn Jahre (1970-1980) leitete Weizsäcker das Starnberger Max- Planck-Institut zur - interdisziplinären - Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt, das er selbst als "Institut für unangenehme Fragestellungen" bezeichnete. Die Schließung des Instituts nach seinem Rückzug belastete den Wissenschaftler: "Das hieß eben doch auch, dass die Aktualität der Probleme und der interdisziplinären Forschung nicht eigentlich gesehen wurde", sagte er.

Von Weizsäcker war 63 Jahre lang mit der Schweizer Historikerin Gundalena verheiratet. (dpa/chr)

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