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Asien

CARE: "Tacloban ist eine vibrierende Stadt"

Vom Boot mitten ins Desaster – so beschrieb CARE-Mitarbeiterin Sandra Bulling vor einem Jahr ihre Eindrücke aus der vom Taifun Haiyan völlig zerstörten philippinischen Stadt Tacloban. Jetzt ist sie wieder dort.

Deutsche Welle: Frau Bulling, Sie waren vor einem Jahr kurz nach dem Taifun Haiyan für die Hilfsorganisation CARE auf den Philippinen, unter anderem in der besonders zerstörten Stadt Tacloban. Jetzt sind Sie wieder vor Ort. Was hat sich seitdem getan?

Ich muss ganz ehrlich sagen: Als ich aus dem Flugzeug gestiegen bin, war ich wirklich überrascht. Im Stadtzentrum sieht es aus wie in einer ganz normalen Stadt. Hier gibt es Läden, in denen man von Flipflops bis zu Mobiltelefonen wieder alles kaufen kann. Die Märkte sind voller Menschen, es gibt überall Restaurants, und ich habe sogar Karaoke-Bars gesehen. Tacloban ist auf den ersten Blick eine vibrierende Stadt. Wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, hätte ich gar nicht geglaubt, dass hier vor einem Jahr einer der schlimmsten Stürme, die jemals aufgezeichnet wurden, durchgefegt ist.

Wie erklären Sie sich das? Liegt es an der Mentalität der Menschen, oder ist man tatsächlich schon so weit mit dem Wiederaufbau?

Es gibt weiterhin ungefähr 95.000 Familien in der Region, die noch in Zelten oder Hütten leben, aber der Großteil ist wirklich wieder aufgebaut. Ich denke, das hat zum Einen tatsächlich etwas mit der Stärke der Filipinos zu tun. Schon als ich damals direkt nach dem Sturm hier war, habe ich gesehen, wie die Menschen versucht haben, die Straßen freizuräumen. Die Männer waren schon wieder auf den Dächern, haben gehämmert und gezimmert. Es gibt hier einfach einen unglaublichen Willen, weiterzukommen, das Leben wieder aufzubauen und vor allem auch den Willen sich untereinander zu helfen.

Porträt Sandra Bulling (Foto: CARE)

CARE-Mitarbeiterin Sandra Bulling ist ein Jahr nach Haiyan wieder in Tacloban

In den Dörfern, in denen CARE arbeitet, kann man sehr deutlich sehen, wie die Gemeinden gemeinsam die Häuser wieder aufbauen. Dort wird genau geschaut: Wer ist der Ärmste im Dorf, wer braucht zuerst ein Haus? Und dann wird zusammen angepackt. Ich denke, das ist einer der Faktoren dafür, dass es relativ schnell gegangen ist mit dem Wiederaufbau in den vergangenen zwölf Monaten.

Die Phase der konkreten Nothilfe ist vorbei. Welche Rolle spielen Hilfsorganisationen heute? Was macht beispielsweise CARE vor Ort genau?

Nach der akuten Nothilfe, in der wir einfach lebensrettende Hilfe geleistet und beispielsweise Lebensmittel verteilt haben, sind wir jetzt dabei, mit den Familien die Häuser wieder aufzubauen. Dabei sind wir auch schon weit fortgeschritten. Gestern war ich beispielsweise in einem Dorf, in dem das letzte von 104 zerstörten Häusern wieder aufgebaut wurde. Im nächsten Schritt geht es darum, dafür zu sorgen, dass die Menschen wieder Geld verdienen. Viele haben ihre Läden verloren, die Fischer haben ihre Boote verloren. Das heißt, die Menschen können kein Geld verdienen oder zumindest nicht soviel, wie sie vorher hatten.

Unser Nothilfeplan für die Philippinen geht bis zum Jahr 2016. Wir haben bislang ungefähr die Hälfte unserer Spendengelder für die erste, akute Nothilfe und den Aufbau der Häuser ausgegeben, und wir planen, in den nächsten zwei Jahren dafür zu sorgen, dass die Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten, wieder vollkommen auf die Füße kommen.

Wie hoch ist die Summe an Spendengeldern, die Sie bekommen haben?

Wir haben insgesamt 27 Millionen Dollar bekommen. Ursprünglich hatten wir geplant, insgesamt 30 Millionen an Spenden einzuwerben, das heißt, uns fehlen eigentlich noch drei Millionen. Diese langfristige Hilfe ist sehr wichtig. Gerade sie ist aber oft auch schwierig zu finanzieren, weil viele Menschen – und das ist natürlich auch verständlich – sofort nach der Katastrophe Geld für die akute Nothilfe geben. Eigentlich brauchen wir aber Mittel, um den gesamten Zeitraum zu finanzieren. Wir werben weiterhin für Spenden, um diese restlichen drei Millionen auch noch zu bekommen.

Ein Fischer im Ort Lapaz auf seinem Boot (Foto: CARE/Mario Ignacio)

Viele Fischer haben durch Haiyan ihre Boote und damit praktisch ihre Existenz verloren - durch internationale Hilfe versuchen sie, sich eine neue Existenz aufzubauen

Damit es beim nächsten Sturm nicht zu einer vergleichbaren Katastrophe kommt, müssten die Häuser stabiler gebaut werden als zuvor. Reicht die Katastrophenprävention aus und sind die Menschen besser gerüstet für künftige Taifune?

So etwas wie in komplett sturmsicheres Haus gibt es nicht, vor allem nicht in einem Land wie den Philippinen. Der Taifun hat ohnehin eine der ärmsten Regionen getroffen. Nicht alle Menschen haben genug Geld, um sich Häuser aus Stein zu bauen. Die Maßnahmen, die wir mit den Schreinern und den Familien durchführen, damit die Häuser etwas stärker sind, sind erst einmal dazu da, dass die Häuser nicht bei den nächsten Stürmen wieder zusammenfallen, sondern dass sie etwas länger halten.

Gleichzeitig arbeitet CARE mit Partnerorganisationen und mit den Gemeinden zusammen, um Vorsorgeprävention durchzuführen. Da werden viele wichtige Fragen besprochen, zum Beipiel: Wie evakuiert man am besten? Wo sind die nächsten Evakuierungszentren? Wann muss evakuiert werden? Wie kann man Besitz retten? Wo kann man Sachen lagern, damit sie nicht überschwemmt und vom Wasser zerstört werden? Um solche kleinen Maßnahmen, mit denen man den Menschen helfen kann, geht es.

Natürlich ist Katastrophenschutz auch Aufgabe der Regierung. Die Regierung hatte eigentlich im Vorfeld des Taifuns sehr gute Arbeit geleistet und knapp 800.000 Menschen evakuiert. Sonst wären die Opferzahlen wahrscheinlich auch noch deutlich höher gewesen. Aber – und das ist ganz wichtig – die Menschen sind durch Haiyan jetzt viel stärker sensibilisiert. Viele haben mir gesagt, dass sie damals nicht evakuieren wollten, weil sie nicht gedacht hätten, dass der Sturm so stark sein würde. Ich denke, jetzt wären viele bereit, früher zu evakuieren.

Baby Yolanda auf dem Schoß der Mutter (Foto: Photo: John Javellana/CARE)

Baby Yolanda mit seiner Mutter: Die Geburt des Mädchens inmitten der Trümmer von Tacloban galt damals als Zeichen der Hoffnung

Vor einem Jahr ging ein Bild um die Welt, das als Zeichen der Hoffnung galt: Inmitten von Chaos und Zerstörung wurde auf der Eingangstreppe einer Kirche in Tacloban ein Baby geboren – ein kleines Mädchen, das die Mutter auf den Namen Yolanda taufte. So wurde der Taifun auf den Philippinen genannt. Sie haben Yolanda damals gesehen – und sie jetzt wiedergetroffen. Wie ist es der Familie seitdem ergangen? Wie geht es Yolanda?

Yolanda geht es sehr gut. Sie ist ein vergnügtes, kreischendes einjähriges Kind. An diesem Wochenende feiert sie Geburtstag. Die Familie hat eine harte Zeit hinter sich, sie hat ihr komplettes Haus verloren. Es war eine sehr arme Familie, der Vater hat im Grunde genommen von der Hand in den Mund gelebt, von Jobs, die er als Tagelöhner bekommen hat. Es war sehr schwierig für die Familie. Direkt nach der Geburt wollten sie eigentlich die Insel verlassen, um woanders nach Arbeit zu suchen, haben zeitweise bei Angehörigen gewohnt. Dann haben sie sich aber doch entschieden, zurück nach Tacloban zu kommen und ihr Haus wieder aufzubauen, und zwar genau da, wo das alte Haus auch stand. Das haben sie getan, ich habe das Haus selbst gesehen.
Der Vater hat mittlerweile eine Arbeit als LKW-Fahrer gefunden, er fährt zwischen Tacloban und Manila hin und her und kann wieder für seine Familie sorgen. Sein Einkommen ist zwar relativ gering, aber stabil. Yolandas Mutter hat mir auch gesagt, dass ihr Leben im Grunde genommen wieder so ist wie vorher. Dass es zwar ein bescheidenes Leben ist, aber dass sie zu den wenigen glücklichen Familien gehören, die keine Todesfälle hatten. Alle drei Kinder und die Eltern haben überlebt, und dafür sind sie sehr dankbar.
Sandra Bulling ist Medien- und Kommunikationskoordinatorin bei CARE International und war vor einem Jahr unmittelbar nach dem Taifun in Tacloban. Zur Zeit ist sie wieder vor Ort.

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