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Europa

Cannes hautnah – Schüler werden zu Filmkritikern

Im Laufe der so genannten "Kritikerwoche" bei den Filmfestspielen in Cannes lernen deutsche und französische Schüler das Filmkritiker-Handwerk. Das deutsch-französische Jugendwerk hat sie an die Cote d’Azur eingeladen.

Schick gekleidete französische Schülerinnen

Die Schülerinnen aus der französischen Stadt Sète haben sich in Schale geworfen

Der 16-jährige Andreas sitzt vor dem Kino und versucht, schnell noch ein paar Sonnenstrahlen zu erhaschen. Gleich beginnt die Vorstellung und trotz Strandwetters wird er den Vormittag im dunklen Kinosaal verbringen. "Vorher bin ich eigentlich nur ins Kino gegangen, wenn ich von einem bestimmten Film etwas gehört hatte und er mich sehr interessiert hat", erzählt der Schüler. In Cannes schaue er sich jetzt alles an, was ihm in der Kritikerwoche vorgelegt werde. "Das ist interessant, weil man sich mit jedem Film auseinander setzten muss, auch wenn man sich vielleicht vorher nicht dafür interessiert hätte."

Eigene Maßstäbe entwickeln

Eingang mit rotem Teppich zum Kinopalast in Cannes

Davon träumen alle Kinofans: einmal die Stufen des Festivalpalastes erklimmen

"Whisper with the Wind" des irakischen Regisseurs Shahram Alidi steht als nächstes auf dem Programm. Es ist ein Kunstfilm über einen alten Briefträger in den Bergen von Kurdistan, der Botschaften mittels eines Kassettenrecorders aufnimmt und sie dann überbringt. Mainstreamfilme bekomme man hier selten zu sehen, meint Andreas Klassenkamerad Benedikt: "Die Filme, die wir hier auf dieser Kritikwoche sehen, sind Debütanten- oder Zweitfilme." Sie unterschieden sich in der Regel von dem, was üblicherweise in den Kinos laufe, findet der Schüler. "Es gab zum Beispiel einen Film, da kam keine Musik vor. Das war ganz schön anstrengend", erzählt Teilnehmerin Antonia.

Mit Notizblock und Programmheft auf den Knien sitzen die Jugendlichen im Kinosaal und warten darauf, dass das Licht erlischt. Die wachsende Routine als Kritiker merkt man ihnen an. Mittlerweile wüssten sie genau, was am Film für sie wichtig sei, erzählen Lena und Benedikt. Während Lena besonders auf die Bilder achte, gehe es Benedikt vor allem um das Thema, um den Inhalt: "Persönlich interessiere ich mich auch noch für die Schauspieler, weil die dafür einfach zwangsläufig nötig sind", sagt der Nachwuchskritiker.

Über Erfolg oder Misserfolg entscheiden

Schülerinnen sitzen im Park

Nach jedem Vorstellung diskutieren die Schüler und Schülerinnen gemeinsam über die Filme

Wie all die anderen Filmjournalisten haben die Jugendlichen nicht viel Zeit, um ihre Eindrücke zu Papier zu bringen. Doch am Ende entscheiden sie mit ihrer Kritik über das berufliche Fortkommen so manches Jungregisseurs, der in dem Wettbewerb sein Erstlingswerk vorstellt. Regisseure wir der Franzose François Ozon ("8 Frauen") oder der Mexikaner Alejandro Gonzáles Iñárritu ("21 Gramm", "Amores perros") wurden bei dem Wettbewerb entdeckt.

Den jungen Filmkritikern stehen Organisatoren und Filmexperten zur Seite, die in jeder Situation die Übersicht behalten und bei Problemen weiterhelfen - vom verlorenen geglaubten Computer bis zur Erklärung des Begriffs "Nouvelle Vague".

Außerdem unterstützen die mitgereisten Lehrer ihre Schüler. Der Franzose Guillaume Deheuvels ist mit seinen Schülerinnen aus Chámbery, nördlich von Grenoble, angereist. Er unterrichtet "Film" - an einigen französischen Schule wird das als Wahlfach angeboten. Er weiß, warum es nicht einfach ist, ein guter Filmkritiker zu sein: "Man darf nicht mehr nur dem Gefühl folgen, ob man etwas ‚mag' oder ‚nicht mag'." Es komme darauf an, sich Wissen anzueignen, neugierig zu sein und sich nicht nur auf ein bestimmtes Filmgenre zu beschränken, erklärt der Lehrer. "Es bedeutet auch, sich in Frage zu stellen, zu zweifeln, mit anderen zu debattieren. Es ist zunächst eine Arbeit an sich selbst und danach eine Arbeit mit anderen", sagt Guillaume Deheuvels.

Kuss gegen Kinokarte

Abends zieht es die Jungkritiker vor den Festivalpalast – zu den Stars im Blitzlichtgewitter, den Limousinen und den Stufen, die in den gigantischen Kinosaal hinauf führen. Dort werden jene Filme gezeigt, die um die Goldene Palme konkurrieren, neben dem Oscar die höchste Auszeichnung für einen Film. Die Jungen haben sich in Anzug und Fliege geworfen. Die Mädchen tragen hochhackige Schuhe und Abendgarderobe. Nur einmal möchten auch sie über den roten Teppich gehen – doch das geht nur mit einer offiziellen Einladungskarte.

Mit Plakaten versuchen Phillipe, Lucas und Marie auf sich aufmerksam zu machen und so eine Karte zu ergattern: "Tausche Blume gegen Kinokarte", haben sie mit dickem Filzstift auf die Pappe geschrieben. Auch einen Kuss bieten sie an - allerdings nur auf die Wange, ergänzt Marie schnell. Aber selbst auf dieses Angebot möchte scheinbar niemand eingehen: "Ich habe es gestern Abend mit einem Plakat und einem schönen Lächeln versucht, aber das hat nichts gebracht", erzählt Marie.

Das Abendkleid und die hohen Schuhe packt sie wieder in die Plastiktüte. Für alle, die beim Kampf um die Tickets kein Glück hatten, bleibt immer noch der Strand von Cannes – und für den braucht man keine Eintrittskarte.

Autoren: Eva John/Romy Straßenburg
Redaktion: Sandra Voglreiter

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