Cannabis als Medizin: Legale Drogendealer machen Deutschland high | Deutschland | DW | 20.01.2018
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Voll gut drauf

Cannabis als Medizin: Legale Drogendealer machen Deutschland high

Ein junger Markt mit Millionenumsatz: Medizinischer Cannabis ist für viele Schmerzpatienten die Erlösung. Doch Patienten, Importeure und Produzenten stehen nach der Legalisierung vor dem gleichen Problem: Das Gras fehlt.

Multiple Sklerose (MS) - die Diagnose riss Christoph Schäkermann Anfang 2015 aus seinem Leben. "Ich war verzweifelt. Ich war wütend." Rein äußerlich und wie er in dem Düsseldorfer Café sitzt und von seiner Krankheit erzählt, erweckt Schäkermann nicht den Eindruck, er sei chronisch krank. Trotzdem musste der frühere Angestellte seinen Job aufgeben und seine Pläne nach Uruguay auszuwandern auf Eis legen.

Seine sogenannten Schübe brechen plötzlich über ihn ein: Hitzewellen, Schweissattacken, Spastiken in den Beinen und Armen, Schatten vor den Augen. Besonders Stress kann diese Symptome auslösen - schon eine Bahnfahrt kann für Schäkermann zur Tortur werden. Nach einer Ärzte-Odyssee und mehreren Krankenhausaufenthalten fand er einen Neurologen, der auf MS spezialisiert ist. Gleich bei den ersten Treffen wurde über Therapiemöglichkeiten und deren Nebenwirkungen gesprochen - zuletzt auch über die Wirkung von Cannabisblüten. "Das war schon ein komisches Gefühl, als mein Arzt fragte: Wie viel soll ich aufschreiben - fünf Gramm, zehn Gramm?"

Pharmazeutisches Cannabis (Foto: DW/S. Müller-Plotnikow)

Schäkermann: "Das war ein komisches Gefühl, als der Arzt fragte: zwei Gramm? fünf Gramm?"

Keine Blüten mehr

Sein erstes Rezept hielt er im August 2017 in den Händen. Doch als er es in der Apotheke einlösen wollte, hieß es, Cannabisblüten seien erst im Oktober wieder verfügbar. "Es geht hier um eine Medizin - auch wenn es andere anders sehen mögen", sagt er und schüttelt den Kopf. Die Verfügbarkeit und die abgelehnte Kostenübernahme durch seine Krankenkasse erschwerten dem heutigen Hartz-IV-Empfänger seine Therapie. "Die Einnahme des Cannabis ermöglicht mir einen vernünftigen Tagesablauf und die ganzen Schmerzen und Krämpfe zu ertragen. Wenn ich dann Schmerzen habe oder mich schlecht bewegen kann, geht es mir damit viel besser. Und mit dem Rest, was als Schmerz bleibt, damit kann ich viel besser umgehen."

Die Zulassung für Cannabis als Medizin war in Deutschland lange umstritten. Seit März 2017 darf Cannabis in Deutschland legal vertrieben werden. Schwerkranke können seitdem den Pflanzenwirkstoff frei in der Apotheke bekommen, ohne Sondererlaubnis. Medizinalhanf lindert Studien zufolge zum Beispiel die Schmerzen schwerkranker Patienten oder wirkt auch gegen die Übelkeit und Appetitlosigkeit bei Krebs- oder HIV-Patienten. Dabei ist der Wirkstoff nicht völlig erforscht.

Kostenübernahme durch Krankenkassen möglich

Ärzte dürfen allerdings nur schwerkranken Patienten mit einem speziellen Rezept pharmazeutischen Cannabis verschreiben, wenn sie nachweisen können, dass alternative Therapien nicht helfen. Der Wirkstoff THC kann zum Beispiel in Form der Blüten verordnet werden. Während viele die Blüten bisher selbst bezahlen mussten und die Krankenkassen nur in Einzelfällen die Kosten trugen, sind sie mit der Gesetzesänderung verpflichtet, die Therapiekosten zu übernehmen. Die Ablehnungsquote bei den Krankenkassen liegt jeweils bei rund einem Drittel der Fälle. Das geht aus Zahlen der größten Krankenkassen hervor, unter denen die "Rheinische Post" eine Umfrage gemacht hatte. Darunter ist auch das Rezept von Christoph Schäkermann. Für ihn bedeutet das horrende Ausgaben: Fünf Gramm Cannabisblüten kosten in der Apotheke über 125 Euro.

Pharmazeutisches Cannabis (Foto: DW/S. Müller-Plotnikow)

Trotz Rezept musste Schäkermann mehrere Monate auf seine Medizin warten

Seit der Freigabe von medizinischem Cannabis ist der Markt wie im Rausch. Allein im ersten Halbjahr 2017 wurden auf ärztliche Verordnung hin mehr als 10.600 Einheiten der Cannabisblüten ausgegeben, teilte der Deutsche Apothekerverband ABDA mit. Die Zahlen steigen rasant: Waren es im März noch 560 Verordnungen, so stiegen diese kontinuierlich auf knapp 5000 im Juni - und das sind nur die Päckchen auf Kosten der Krankenkassen. Hinzu kommen noch die 12.500 Fertigarzneimittel mit Cannabis-Inhaltsstoffen - und die Tüten der Privatzahler. Kein Wunder also, dass es bereits im Sommer zu Lieferengpässen gekommen ist.

Zwischen Euphorie und Vorsicht

Ein junger Markt, aus dem David Henn und Niklas Kouparanis rechtzeitig ein Geschäft gemacht haben. Noch im November 2016, zwei Monate vor Verabschiedung des sogenannten "Cannabis-Gesetzes" für medizinische Zwecke, gründete David Henn die Firma Cannamedial Pharma. Es ist eines von vier Importunternehmen, die von der Opiumstelle des Bundes die Zulassung erhalten haben, Deutschland mit pharmazeutischem Cannabis zu beliefern. Was als kleines Büro in der Kölner Innenstadt begann, hat künftig den Weltmarktführer der Cannabis-Produzenten als Handelspartner.

Pharmazeutisches Cannabis (Foto: DW/S. Müller-Plotnikow)

Ein Milliardengeschäft: Mehrere hundert Euro kosten einige Gramm Cannabis in der Apotheke

Der sprunghafte Anstieg des Bedarfs an medizinischem Cannabis stellte Importeure und Produzenten vor große Herausforderungen. Für das Team von Cannamedical Pharma galt nur noch eins: Die Weiterversorgung der Patienten mit hochwertigem pharmazeutischem Cannabis trotz Lieferengpässen sichern. "Die Lieferengpässe waren nicht nur für uns, sondern auch für die Patienten eine große Herausforderung in Deutschland, die auf die Medizin angewiesen sind", erklärt Cannamedical-Vertriebsleiter Niklas Kouparanis. "Wir haben derzeit einen einzigen Produzenten in Europa, der in den Niederlanden sitzt. Dieser eine Produzent musste die steigende Nachfrage an pharmazeutischem Cannabis in ganz Europa decken, was kaum möglich ist", so Kouparanis.

Rückblickend sagt er, sei der Bedarf an pharmazeutischem Cannabis in Deutschland unterschätzt worden. Ein weiteres Problem der Anfangsmonate: Die Liquidität. "Die Bestellungen sind sehr kapitalintensiv, da man jede bei der zuständigen niederländischen Behörde, dem Office of Medical Cannabis (OMC), im Voraus zahlen muss."

Niederlande medizinisches Cannabis - Niklas Kouparanis (Foto: Cannamedical)

Vertriebsleiter Kouparanis will 2018 22 Tonnen Cannabis verkaufen

2018 soll sich vieles ändern und das Unternehmen weiter wachsen. "Wir haben uns einen langfristigen Partner gesichert, der uns eine Liefergarantie zur Verfügung gestellt hat. Mit diesem Partner sind wir in der Lage, den gesamten Bedarf an pharmazeutischem Cannabis in Deutschland zu decken." Die Zulassung für den ausgesuchten Zulieferer und Produzenten muss das Kölner Unternehmen dann bei der Bundesopiumstelle in Deutschland beantragen.

22 Tonnen Cannabis

Künftig will das Unternehmen von einem kanadischen Produzenten Cannabis importieren. Dort und in den USA ist die Behandlung mit Hanf längst ein Milliardenmarkt, ähnlich in Israel. Kanada und Niederlande sind die Hauptexportländer nach Deutschland. Cannamedical Pharma rechnet mit exorbitantem Wachstum. So geht der Importeur von 30.000 schwerkranken Patienten aus, die er 2018 mit medizinischem Cannabis versorgen wird, 10.000 von ihnen sind über die gesetzlichen Krankenkassen registriert. Intern erhobene Daten lassen auf schätzungsweise 20.000 Konsumenten von medizinischem Cannabis bei den privaten Krankenkassen schließen. "Plus die Patienten, die Privatzahler sind", erläutert Kouparanis - schätzungsweise 30.000. Er rechnet vor, dass sie etwa 22 Tonnen Cannabis im Laufe des Jahres 2018 importieren werden, um alleine 30.000 Patienten zu versorgen. Das Lager wird streng geheim gehalten und liegt "in der Mitte Deutschlands".

Der deutsche Markt ist stark reglementiert. Was die Verantwortlichen bei Cannamedical an die Medien herausgeben, wird streng kontrolliert. In dieser in Deutschland noch jungen Branche ist Vorsicht und Seriosität gefragt - zu fest sitzen die Klischees, der medizinische Cannabis werde zum Kiffen missbraucht - auf Kosten der Krankenkassen - oder das Importgeschäft mit Cannabis könne illegale Kriminalität und Drogenhandel fördern und würde die Suchtgefahr außer Acht lassen.

"Das pharmazeutische Cannabis, das wir importieren, unterliegt extrem hohen Qualitätsstandards und hat nichts mit dem Coffee-Shop-Cannabis zu tun", sagt Kouparanis." Die Maßstäbe, die für pharmazeutischen Cannabis gesetzt werden, sind in den Köpfen der Gesellschaft noch nicht angekommen."

Niederlande - medizinisches Cannabis cannamedical (Foto: Cannamedical)

Hohe Standards bei Herstellern zur Sicherung der Qualität, Produktionsabläufe und Produktionsumgebung

Strenge  Kontrollen

Die Produzenten müssen Qualitätsstandards nach GMP-Standard (Good Manufacturing Practise) erfüllen - zur Sicherung der Qualität, der Produktionsabläufe und der Umgebung der Produktion. "Es geht um schwerkranke Patienten, die die Medikation von höchster Qualität benötigen", erklärt der Vertriebsleiter.

Cannamedical würde gerne selber die Pflanze anbauen und wittert ein weiteres Geschäft. Die Produktion kontrolliert die Cannabisagentur der Bundesopiumstelle. Deren Ausschreibung scheitert allerdings an einem Punkt: Der Produzent muss nachweisen können, dass er vorher medizinisches Cannabis angebaut hat - in Deutschland ist das illegal.

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