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Musik

Campus-Projekt 2017: Interkulturelle Begegnung mit der Ukraine

Ein traumhafter Erfolg: ausverkaufte Konzerte in Lwiw und Kiew beim Start des Campus-Projekts der DW und des Beethovenfestes 2017. Die jungen Musiker aus Deutschland und der Ukraine überzeugten das Publikum.

Das Opernhaus von Lwiw - es gilt als eines der schönsten Europas - war bis auf den letzten Platz ausverkauft. Auch die Philharmonie von Kiew platzte geradezu aus allen Nähten. Grund für diesen im Spätsommer eher untypischen Andrang auf die Klassik-Spielstätten waren die gemeinsamen Auftritte des deutschen Bundesjugendorchesters und des neu gegründeten Jugendorchesters der Ukraine.

Die Konzerte der jungen Musiker zweier Nationen sind mehr als ein in Erfüllung gegangener Traum eines Diplomaten. "Solche Ereignisse werden von den Menschen hier als eine entgegenkommende Geste der Freunde im westlichen Europa wahrgenommen", erklärt die ukrainische Musikerin und Projektkoordinatorin des ukrainischen Jugendorchesters Irina Vakulina. "Das ist für uns in einem Land, das vom Krieg im Osten geplagt ist, heute wichtiger denn je."

Junge guckt sich Militärparade in Kiew am Tag der Unabhänigkeit an (picture-alliance/dpa/Tass/P. Sivkov)

Militärparade am Tag der Unabhängigkeit in Kiew

Draußen, unweit der Philharmonie von Kiew, begutachteten Passanten Militärtechnik – am 24. August, dem Unabhängigkeitstag der Ukraine, gab es hier eine Militärparade. Das Straßenbild von Lwiw prägen Soldaten, die auch im Fronturlaub ihre Uniform partout nicht ablegen. Die humanistische Botschaft Beethovens – auf dem Programm stand sein Tripelkonzert mit deutsch-ukrainisch-russischer Solistenbesetzung – gewann dabei eine Aktualität, die nicht zu überhören war.

Die Ukraine im Mittelpunkt von Campus 2017

Es war ein langer Weg bis die Konzerte in Lwiw und Kiew stattfinden konnten. Von deutscher Seite kamen den jungen ukrainischen Musikern drei Partner entgegen: das Beethovenfest Bonn, das Bundesjugendorchester und die Deutsche Welle.

Seit 2001 holt das gemeinsame "Campus-Projekt" der DW und des Beethovenfestes junge musikalische Gäste aus aller Welt nach Bonn. "Nach Mexico im letzten und China im vorletzten Jahr haben wir bei unseren Plänen für 2017 überlegt, ob es auch ein Land in Europa mit einer reichhaltigen und vielfältigen Kultur gibt, auf das man bei uns vielleicht nicht sofort kommt", erzählt Thomas Scheider, Leiter des Campus-Projekts beim Beethovenfest. "Und da sind wir relativ schnell auf die Ukraine gestoßen."

Dirigentin Oksana Lyniv Ukraine (Oleg Pavlyuchenkiy)

Dirigentin Oksana Lyniv bringt Ost und West zusammen

Als zentrale Protagonistin des Projekts entschied man sich schnell für Oksana Lyniv, eine junge ukrainische Dirigentin, die allein schon wegen ihrer Biografie den kulturellen Dialog symbolisiert. Nach einem Studium in Lwiw und Dresden hatte sie die Leitung der Oper von Odessa übernommen. Dann machte Oksana Lyniv auch im westlichen Teil Europas Karriere. Zunächst war sie Assistentin von Kirill Petrenko an der Bayrischen Staatsoper, dann wurde sie zur Generalmusikdirektorin der renommierten Oper von Graz ernannt. Zum ersten Mal bekleidet mit Lyniv eine osteuropäische Musikerin einen in der Musikwelt so wichtigen Posten. In ihrer Heimat ist sie längst ein Star und eine Identifikationsfigur.

Ein wichtiges Element fehlte dann aber noch im Campus-Projekt: ein Partnerorchester. "Die Entstehung eines Nationalorchesters in der Ukraine war überfällig", sagt Oksana Lyniv. Die Einladung zum Campus-Projekt wurde für die Musikerin zum Anlass, die Gründung eines Jugendorchesters in ihrem Land mit zu initiieren. "Das ist nicht nur eine Möglichkeit, die ukrainische Kultur nach außen zu präsentieren. Es ist auch ein Instrument, die Einigkeit unserer Nation zu festigen und zu feiern, sowie gegenseitige Vorurteile junger Menschen aus Ost- und Westgebieten abzubauen", so Oksana Lyniv im Gespräch mit der DW.

Im Herbst 2016 wurde das Projekt über Social Media und Aushänge in den Musikschulen des ganzen Landes annonciert. Über 200 junge Musiker aus allen Teilen der Ukraine meldeten sich. Ungefähr die Hälfe wurde im Dezember 2016 nach Lwiw zum Vorspiel eingeladen. Diejenigen, die die internationale Jury am meisten überzeugten, wurden in das neu gegründete Jugendorchester der Ukraine aufgenommen. Am 22. August fiel der Startschuss für die erste gemeinsame Probe in Lwiw.

Probenmarathon in Kiew und Lwiw

Teilnehmer der beiden Jugendorchester in Lwiw halten ihre Instrumente hoch(Serhiy Horobets )

Teilnehmer der beiden Jugendorchester in Lwiw. Konstantin Tomnizkij ist auch dabei.

"Ich habe diesem Tag entgegen gefiebert und konnte kaum glauben, dass der Traum endlich wahr wird", schwärmt Konstantin Tomnizkij, 19-jähriger Cellist aus Odessa. Weißes Hemd, schwarze Fliege und ein Einstecktuch mit den ukrainischen Nationalfarben blau und gelb in der Brusttasche, so haben sich Konstantin und seine Mitstreiter am 22. August, dem ersten Tag der gemeinsamen Proben in Lemberg, für das "Familienporträt" fein gemacht. Mit auf dem Bild sind 30 junge Musiker aus allen Regionen der Ukraine und ungefähr genauso viele Altersgenossen vom Bundesjugendorchester Deutschland. Fast alle Instrumente sind paritätisch besetzt – mit einem deutschen und einem ukrainischen Musiker am Pult.

"Das waren vier intensive Tage", berichtet Sönke Lentz, Projektleiter des Bundesjugendorchesters. "Ich hoffe, wir haben unseren Jugendlichen gezeigt, dass die Ukraine ein Land voller Kultur und Tradition ist, ein Land, wo es vieles gibt, was bei uns und vielleicht allgemein in Westeuropa noch völlig unentdeckt ist". Die Chemie stimmte sofort, sagt Violinistin Claudia Schmitz vom Bundesjugendorchester: "Ich wusste zwar, dass das Niveau der ukrainischen Musiker hoch ist, das die aber so gut sind, habe ich nicht erwartet."

Jugendorchester der Ukraine in Lviv (DW)

Musiker des Jugendorchesters der Ukraine in Lwiw

Das gilt allerdings nicht für das gesamte Orchester. Wenn auch die ukrainische Streicherschule nach wie vor zu den besten der Welt gehört, so gibt es etwa bei den Bläsern noch viel Luft nach oben. "Für mein Instrument muss ich sagen, die Deutschen sind besser als wir", gibt Leonid Jaremenko, 21, zu. Der in Luhansk geborene Trompeter studiert zur Zeit in Sewerodonezk. "Wir lernen viel von unseren Orchesterkameraden."

Fortsetzung folgt beim Beethovenfest

Für einen Austausch wird es noch viele Möglichkeiten geben: Im September folgt die nächste gemeinsame Probenphase der deutschen und ukrainischen Musiker in Bonn für gemeinsame Auftritte beim Beethovenfest (Start: 14. September) sowie in Berlin, wo die Deutsche Welle zu einem Konzert in der Elisabethkirche am 15. September einlädt. Auf dem Programm stehen Werke deutscher und ukrainischer Komponisten, darunter das Tripelkonzert von Beethoven mit einem deutsch-ukrainischen Solistenensemble sowie eine Weltpremiere, ein Auftragswerk des Lwiwer Komponisten Bohdan Sehin, geschrieben im Auftrag der DW.

Die Deutsche Welle wird das Campus-Projekt im Fernsehen und Online begleiten.

 

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