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Habgier als Motiv

BVB-Anschlag: "Eine andere kriminelle Qualität"

Durch den Angriff auf den Mannschaftsbus wollte der mutmaßliche Täter den Kurs der Aktie von Borussia Dortmund drücken. Im Interview spricht der Ökonom Max Otte über das Motiv und andere Beispiele von Marktmanipulation.

Deutsche Welle: Nun wissen wir, dass Habgier das Motiv hinter der Bombe am Bus von Borussia Dortmund war. Der mutmaßliche Täter wollte durch den Tod möglichst vieler Spieler den Kurs der BVB-Aktie zum Absturz bringen und sich selbst bereichern. Ist das ein besonders perfides Beispiel von Gier in der Geschichte der Märkte?

Max Otte: Kriminelle Marktmanipulation hat es schon immer gegeben, aber das ist natürlich hochkriminell und besitzt schon eine andere Qualität. So etwas kommt selten vor, aber ich würde das nicht als Unikat bezeichnen. Der Täter ist in diesem Falle auch sehr dumm gewesen, weil er sich erwischen lassen hat. Ich denke, in der Geschichte wird es so etwas immer mal wieder gegeben haben, aber eben nicht häufig in dieser Form.

Kennen Sie andere historische Fälle, in denen Märkte durch physische Gewalt manipuliert werden sollten?

Es kursieren Theorien, dass einige Akteure mit Optionsscheinen* nach den Anschlägen vom 11. September sehr reich geworden sind. Ich halte das nicht für ausgeschlossen. Zwar gibt es keine Bestätigung, aber ausschließen würde ich das nicht. Man wird beim Thema 11. September immer sehr schnell als Verschwörungstheoretiker diffamiert, aber vieles ist da bis heute nicht geklärt. So besteht meiner Ansicht nach die Möglichkeit, dass selbst Bin Laden Optionsscheine besessen haben könnte. Der 11. September ist für mich in der jüngeren Geschichte aber das markanteste Beispiel, wo so etwas geschehen sein könnte. Viele andere fallen mir nicht ein.

Jetzt haben wir von physischer Gewalt gesprochen. Das ist nicht die einzige Möglichkeit, Kurse zu manipulieren. Welche anderen kommen Ihnen in den Sinn?

Wirtschaftsprofessor Max Otte (picture-alliance/dpa)

Max Otte: Die Dunkelziffer ist sehr hoch

Da gibt es jede Menge. Es ist bekannt, dass Spekulanten manchmal versuchen, ganze Märkte aufzukaufen. Spektakulär waren beispielsweise die Hunt-Brüder, die in den späten 70er Jahren versucht haben, den Weltsilbermarkt aufzukaufen, und so die Preise manipulierten. Oder auch George Soros, der gegen das britische Pfund wettete, durch Leerverkäufe** nachhalf und am Ende Erfolg hatte.

Nun bewegen sich diese Aktivitäten noch in der Grauzone. Was ist mit wirklich illegalen Machenschaften?

Nun, es heißt, dass auch schon die Rockefellers ihre Konkurrenten aus dem Weg geräumt haben sollen, um ihr Öl- und Eisenbahnimperium zu errichten. Aber das ist heute natürlich nicht nachzuweisen. Es wird insgesamt sehr wenig aufgeklärt. Unsere Strafbehörden sind da nicht so erfolgreich. Ich gehe davon aus, dass immer wieder Märkte manipuliert werden und die Dunkelziffer sehr hoch ist.

Der mutmaßliche BVB-Attentäter wollte durch Optionsscheine reich werden. Dabei lässt sich schon mit relativ wenig finanziellem Einsatz viel Geld machen. Erhöhen solche Mechanismen den Anreiz für kriminelle Einzelpersonen, selbst die Dinge in die Hand zu nehmen und so die Kurse zu beeinflussen?

Also so kriminell wie in Fall des Dortmunder Anschlags muss man erst mal sein. Generell würde ich sagen, solche Scheine erhöhen die Zockerleidenschaft bei Privatpersonen, weil sie glauben, zum Kurs einer Aktie eine Meinung zu haben. Es ist ein Anreiz zum Zocken, aber es erhöht nicht die Bereitschaft zu Straftaten - das ginge mir zu weit.

Wäre der ganze BVB-Bus in die Luft geflogen, dann wäre die Aktie wahrscheinlich am nächsten Tag in den Keller gesackt und der Bombenleger ein reicher Mann. Hat ein solches Unterfangen wie in Dortmund also Erfolgsaussichten?

Kurzfristig schon, wenn es funktioniert hätte. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es in der Bank nicht auffällt, wenn jemand, der sonst nicht viele Geschäfte tätigt, auf einmal sehr aktiv ist. Aber wenn die Leute nicht so dämlich sind wie der Attentäter, sondern richtige Profis - da gibt es eine sehr hohe Dunkelziffer. Das betrifft aber vor allem den Bereich Leerverkäufe, die ähnlich ablaufen.

 

Max Otte ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Worms. Er ist Mitbegründer des Instituts für Vermögensentwicklung und Fondsmanager.

 

* Mit Optionsscheinen sichern sich Investoren innerhalb einer gewissen Laufzeit das Recht zu, eine Aktie zu einem bestimmten Preis zu kaufen oder zu verkaufen. Der Attentäter hatte mit sogenannten Put-Optionen darauf gewettet, dass der Kurs der BVB-Aktie sinkt.

** Bei einem Leerverkauf vereinbaren Verkäufer und Käufer einen Aktienhandel in der Zukunft. Beim Abschluss des Geschäfts muss der Verkäufer also noch gar keine Papiere besitzen.

Das Interview führte Nicolas Martin

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