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Bush möchte Reagans Enkel werden

19. Juni 2004

Was hätten die USA und Europa zu erwarten, falls US-Präsident George W. Bush in eine zweite Amtszeit gewählt würde? Antworten auf diese Frage gibt Jackson Janes von der Johns Hopkins Universität in Washington.

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Helmut Kohl hat sich stets stolz als Enkel Konrad Adenauers bezeichnet. George W. Bush wollte beim Begräbnis von Ronald Reagan wohl eine ganz ähnliche Botschaft über seine Beziehung zu Reagan aussenden. Dieser Ansicht waren jedenfalls etliche Kommentatoren. Sie bewerteten Bushs Lobrede auf seinen verstorbenen Amtsvorgänger als Versuch, sich mit Reagan, dessen Stil und Politik in eine Reihe zu stellen. Allein dieser Versuch offenbarte eher einen großen Unterschied zwischen Bush und Reagan als Gemeinsamkeiten. Dennoch fordert die Aussicht auf eine zweite Amtszeit Bushs eine Analyse heraus, welche Auswirkungen seine Wiederwahl auf die US-Außenpolitik haben könnte.

Reagan hat den Kalten Krieg gewonnen, heißt es. Man darf dabei freilich nicht vergessen, dass ihm dieser Sieg durch einen starken Partner ermöglicht wurde: Michael Gorbatschow. Seit ihrem ersten Treffen im Jahr 1985 in Genf bis zum Ende des Kalten Kriegs stellten sich zunehmend gemeinsame Interessen und Ziele der beiden heraus.

Gleichgewicht des Schreckens

Sollte George W. Bush in eine zweite Amtszeit gewählt werden, wird er dann einen ähnlichen Pfad einschlagen wie Reagan? Das ist schwer vorstellbar. Erstens mangelt es Bush an einem mit Gorbatschow vergleichbaren Gegenspieler, mit dem er Frieden schließen könnte. Zweitens ist die Welt eine andere geworden. Obwohl wir damals unter der Bedrohung von 50.000 Nuklear-Waffen auf beiden Seiten leben mussten, sind die Gefahren, denen wir uns heute gegenüber sehen, ähnlich furchteinflößend. Es fehlt heute jedoch ein vergleichbares Gleichgewicht des Schreckens, das früher existierte und eine Verwendung der Waffen verhinderte. Die Erfahrungen des 11. Septembers und weitere terroristische Attentate auf der ganzen Welt haben dagegen unsere fortschreitende und weltumspannende Verletzbarkeit offenbart.

George W. Bush definiert sich selbst als Kriegs-Präsidenten. Diese Erbschaft habe er angetreten, und er müsse die Nation und die Welt gegen den Terrorismus verteidigen. Dieses Mandat ähnele dem, das bereits Ronald Reagan übernommen hatte, sagte Bush bei dessen Begräbnis. Reagan sei zuversichtlich gewesen, so Bush, "dass ein starkes Amerika den Frieden auf der Welt fördern kann; und er baute die Stärke auf, die diese Mission erforderte. Er war zuversichtlich, dass sich Freiheit überall dort entfallen wird, wo immer sie gepflanzt wird, und er verteidigte die Freiheit überall dort, wo sie bedroht war. (…) Wenn er das Böse am Horizont erblickte, dann nannte er es bei seinem Namen." Freilich betonte Reagan aber genau zu der Zeit, als er nach Moskau flog, dass die Sowjetunion nicht länger das Reich des Bösen sei.

Die Probleme bleiben

Präsident Bush würde in einer zweiten Amtszeit genau dieselben Probleme vor sich haben, die er heute als das Böse bezeichnet - sei es im Iran oder in Nordkorea. Würde er anders an diese Herausforderungen herangehen als in seiner ersten Amtszeit? Eine andere Politik machen? Partnern und internationalen Institutionen wie der UNO weniger feindlich begegnen? Das sollte man nicht von ihm erwarten. Hier liegen die Unterschiede zwischen Reagan und Bush. ...... Wo Reagan Kompromisse auslotete und Platz für schrittweisen Wandel suchte, sieht Bush die Gelegenheit für einen paradigmatischen Richtungswechsel - sei es der Einsatz von Gewalt, um als unrechtmäßig erachtete Regierungen zu stürzen, sei es das Recht auf präventive Militärschläge zur Abwehr terroristischer Angriffe, oder sei es der Umbau des Nahen Ostens. In seinem Buch "A Charge to Keep", das er vor seiner Wahl zum Präsidenten schrieb, erläuterte Bush einige seiner politischen Grundsätze. So glaube er, dass ein Politiker sein politisches Kapital einsetzen sollte, solange er darüber verfüge. Andernfalls verwelke und sterbe es. Er schreibt auch, dass sein Vater dies nach dem ersten Golf-Krieg versäumt habe, und dass er gelernt habe, solche Fehler zu vermeiden. Schließlich erklärt er, sein Glaube gebe ihm die Freiheit "das richtige zu tun, selbst wenn es in Meinungsumfragen schadet".

Große Risiken

Präsident Bush geht wesentlich größere Risiken ein als sein Vater oder Ronald Reagan. So riskiert er für den Mittleren Osten nicht nur seine Präsidentschaft, sondern auch die ökonomischen und politischen Ressourcen der USA und die Zukunft überhaupt. Bob Woodward diktierte er für dessen Buch "Plan of Attack", dass er keine Zweifel an seinen Entscheidungen habe. Darum ist es unwahrscheinlich, dass eine zweite Amtszeit einen nennenswerten Wandel in seiner Außenpolitik bringen wird, egal ob Colin Powell Außenminister bleibt oder nicht.

Sollte Bush diese Gelegenheit nach dem 2. November 2004 erhalten - und der Kongress weiterhin von einer republikanischen Mehrheit dominiert werden -, dann können Deutsche und Amerikaner von ihm eher eine Verstärkung seiner Anstrengung erwarten, große Veränderungen in den verbleibenden vier Jahren herbeizuführen. Das gilt sowohl für die Innen- als auch für die Außenpolitik. Bush strebt Umwälzungen an, die - so sie denn erfolgreich sind - die Welt von Grund auf verändern werden. Ebenso wie Reagans Präsidentschaft die Welt in eine andere verwandelte, als jene, die sie vor seinem Amtsantritt war. Bush kann jedoch auch scheitern - im Inland wie im Ausland. Und zwar wenn er seine Pläne zu aggressiv oder zu schnell umsetzt, oder wenn er ein Erbe hinterlässt, das für jeden Nachfolger eine untragbare Last darstellt. In dem Fall könnte Bushs politisches Kapital schnell vorzeitig erschöpft sein. Welches Schicksal er auch immer vor sich haben mag, es ist unwahrscheinlich, dass er selbst sich ändert, ob er nun in Washington bleibt oder heimkehrt nach Texas.

Dr. Jackson Janes ist Executive Director des American Institute for Contemporary German Studies der John Hopkins University in Washington D.C.