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1945: Ende und Aufbruch

Buruma: In Japan kein Konsens über Kriegsvergangenheit

In diesem Sommer jährt sich das Ende des Zweiten Weltkrieges zum 70. Mal. Japan kämpfte noch drei Monate länger als Deutschland. Asien-Kenner Ian Buruma erläutert die unterschiedliche Kriegsaufarbeitung beider Länder.

Deutsche Welle: Worin bestehen Ihrer Meinung nach die wesentlichen Unterschiede zwischen Deutschland und Japan hinsichtlich der Aufarbeitung ihrer Kriegsvergangenheit?

Ian Buruma: Der größte Unterschied besteht darin, dass es in Deutschland einen Grundkonsens über die Vergangenheit gibt. Nur Neonazis würden heute noch das Dritte Reich verteidigen. In Japan existiert ein solcher Konsens nicht.

Sogar der japanische Premierminister Shinzo Abe teilt die revisionistische Position der Rechtsnationalisten, dass Japans Krieg in Asien nicht komplett unehrenhaft gewesen sei. Darstellungen von Kriegsgräueln wie des Massakers von Nanjing im Jahr 1937 sind in dieser Sichtweise bewusste Übertreibungen der chinesischen Propaganda und der japanischen Linken.

Die Gründe für die polarisierten Ansichten über den Zweiten Weltkrieg in Japan sind komplex. Zum einen gibt es historische Gründe. Es gab keinen japanischen Hitler und auch keine japanische nationalsozialistische Partei. Das japanische Kaiserreich führte – so seine Selbstwahrnehmung - in Asien Krieg gegen westliche Großmächte.

So grausam Japans Kriegsverbrechen in China und Südostasien auch waren, so waren sie doch nicht Bestandteil einer systematischen Vernichtungskampagne wie es der Holocaust in Europa war. Japanische Truppen hatten viele unschuldige Zivilisten getötet, aber nicht, um aus ideologischen Gründen eine ganze Rasse oder Volksgruppe zu vernichten.

Die politischen Gründe für die gegensätzlichen Positionen in Japan gehen auf das Jahr 1945 zurück. Während man dem NS-Regime berechtigterweise die Schuld für den Krieg in Europa gab, wurden für den Krieg der Japaner der "Militarismus" und die "Samurai-Kultur" verantwortlich gemacht. Deswegen schrieben die Amerikaner für Japan eine pazifistische Verfassung, durch die die Anwendung militärischer Gewalt verboten wurde.

Die japanische Linke und breite Teile der Öffentlichkeit akzeptieren diese Einschränkung als den notwendigen Preis, den Japan für seine Kriegsverbrechen zahlen muss. Die Rechtsnationalisten wiederum wollen die pazifistische Verfassung ändern und argumentieren, dass es in Japans Kriegsvergangenheit nichts einzigartig Schlechtes oder Ungewöhnliches gab, das eine solche Sonderbehandlung rechtfertigen würde.

Buchautor Ian Buruma. (Foto: Merlijn Doomernik)

Buchautor Ian Buruma

Konservative Politiker in Japan leugnen immer wieder, dass es Zwangsprostitution während des Kriegs gab, sie verharmlosen das Massaker von Nanjing mit rund 300.000 Toten und provozieren die Nachbarländer durch Besuche des Yasukuni-Schreins, in dem auch Kriegsverbrecher verehrt werden. Warum gibt es in Japan nicht stärkeren Protest gegen dieses Verhalten?

Natürlich ist auch öffentliche Kritik an solchen Aktionen wahrzunehmen. Aber der stärkste Widerstand gegen den Rechtsnationalismus kam immer von der Linken, die früher sehr stark in Teilen der Presse, an den Universitäten und in den Gewerkschaften vertreten war. Und wie überall auf der Welt ist auch in Japan die Stimme der Linken in den vergangenen Jahrzehnten schwächer geworden. Die linksgerichtete Zeitung "Asahi" leidet an Leserschwund, an den Universitäten hat der Marxismus an Einfluss verloren, dementsprechend hat der rechte Revisionismus mehr Zuspruch gefunden.

Nach den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki sahen sich die Japaner nicht nur als Täter, sondern auch als Opfer. Inwieweit hat das eine Rolle bei der Vergangenheitsbewältigung in Japan gespielt?

Die Atombomben wurden allgemein als Strafe für das, was Japan während des Kriegs anderen Ländern zugefügt hatte, angesehen. Diese Ansicht mag inzwischen nicht mehr so stark vorherrschen. Die Angehörigen der nachfolgenden Generationen, in Japan ebenso wie in Deutschland, reagieren bisweilen mit Ablehnung, wenn sie sich schuldig oder verantwortlich für einen Krieg fühlen sollen, der für sie weit weg ist.

Wie können Japan und die japanische Gesellschaft es schaffen, sich der Frage der Kriegsschuld zu stellen. Wer könnte den Prozess in Gang bringen?

Es müsste mehr getan werden, um die Kriegsgeschichte ehrlich aufzuarbeiten, damit müsste schon nach der Grundschule angefangen werden. Aber leider würde so etwas von der jetzigen Regierung abgelehnt. Sie will eine sogenannte patriotische Erziehung fördern. Der Nationalstolz soll gefördert werden, anstatt die dunklen Kapitel der Vergangenheit aufzuarbeiten. Es ist auch nicht hilfreich, dass die kritische Geschichtswissenschaft in Japan sehr stark von der marxistischen Ideologie beeinflusst war. Das macht es revisionistischen Strömungen heute leichter.

Deutschland hat nach dem Krieg viele Initiativen wie Schüleraustausch und Städtepartnerschaften auf den Weg gebracht, um die Aussöhnung mit Ländern, die unter Nazi-Deutschland gelitten hatten, voranzubringen.

Solche Programme gibt es auch in Japan, wenn auch in kleinerem Umfang als in Europa. Aber der Erfolg solcher Initiativen erfordert immer die Beteiligung beider Seiten. Chinesen und Koreaner müssen sich dafür offen zeigen, das war bisher nicht immer der Fall. Im Übrigen ist es nicht einfach, mit China einen offenen Dialog zu führen, wo die Meinungsbildung, egal ob über die Geschichte oder die Politik, stark kontrolliert wird. Japan soll vielleicht mehr tun für die Versöhnung, aber Japan kann es nicht einseitig tun.

Welche Rolle soll der japanische Kaiser in diesem Prozess spielen?

Der Kaiser kann nicht viel tun. Sein Job ist es, unumstritten und neutral zu sein. In der Tat haben der Kaiser und auch sein Vorgänger klar gemacht, dass Japan über den Krieg reflektieren und der japanischen Opfer gedenken muss. Insoweit befindet sich die Position des Kaisers links von derjenigen des Premierministers.

China hat Shinzo Abe zur offiziellen Feier anlässlich des 70. Jahrestages des Weltkriegsendes eingeladen. Sollte er nach Peking reisen?

Ja, Premierminister Abe sollte an der Feier teilnehmen. Jede Chance zur Versöhnung soll genutzt werden. Einfach nur wegzubleiben würde die Atmosphäre der Feindseligkeit verlängern. Weder China noch Japan wäre damit gedient.

Ian Buruma ist Autor zahlreicher Bücher unter anderem über asiatisch-westliche Beziehungen. Seine jüngste Veröffentlichung "'45- Die Welt am Wendepunkt" ist eine Globalgeschichte der sogenannten Stunde Null. Er hat eine Professur für Menschenrechte und Journalismus am Bard College im US-Bundesstaat New York.