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Kultur

Burkina Faso: Theater als Mitmach-Unterricht

Burkina Faso gehörte auch im vergangenen Jahr wieder zu den fünf ärmsten Staaten der Welt. In den Städten vibriert die Kulturszene. Mehrere deutsche Entwicklungshilfeorganisationen nutzen das auch auf dem Land.

Theaterszene in Guegueré Foto: Christine Harjes

Aus dem Leben gegriffen: Theaterszene in Guegueré

Eine Sandpiste mit tiefen Schlaglöchern führt zu dem kleinen Dorf Guegueré im südwestlichen Burkina Faso. Jetzt im Frühjahr ist es hier trocken und staubig. Immer wieder tauchen einzelne, flache Lehmhäuser am Rand der Strecke auf. Esel und Ziegen suchen nach Futter - trockene Halme - sonst nichts. 40 Grad Hitze und eine hohe Luftfeuchtigkeit verlangsamen den Rhythmus - für die Tiere und für die Menschen, die Burkinabé, die hier leben.

Premieren-Stimmung

Rund 1700 Menschen leben in dem Dorf Guegueré, dem Zentrum einer ländlichen Gemeinde. Die meisten von ihnen sind heute auf dem zentralen Dorfplatz zusammengekommen, es ist Markttag. Ausladende grüne Bäume spenden hier Schatten. Die Bauern haben ihre winzigen Tomaten, den großblättrigen Spinat und die bunten Gewürze auf aufgetrennten Plastik-Reissäcken ausgebreitet.

Markt in Guegueré Foto: Christine Harjes

Markt in Guegueré

Die Mehrheit der Dorfbewohner trägt farbenfrohe afrikanische Kleidung. Eine ungewohnt quirlige Stimmung liegt über dem Marktplatz. Hien Bertrand, Gemeinderatsmitglied und Berater des Bürgermeisters, hat schon seit Tagen Werbung für das heutige Ereignis gemacht: Ein Theaterstück, organisiert von der Gemeinde Guegueré mit Unterstützung der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) und dem Deutschen Entwicklungsdienst (DED).

Gewürze auf dem Markt von Guegueré Foto: Christine Harjes

Gewürze auf dem Markt von Guegueré

Die deutschen Organisationen haben bis jetzt in zehn Landgemeinden Aufführungen mit der lokalen Schauspielgruppe "Union de la Jeunesse Fraternelle Diébougou" gefördert. Die Aktion findet im Rahmen des Programms "Dezentralisierung und Gemeindeentwicklung" - kurz PDDC statt. ("Programme de Décentralisation et Développement communal").

Astrid Sagebiel Foto: Christine Harjes

Astrid Sagebiel

Klingt alles ziemlich kompliziert, ist es aber nicht: Das Ganze diene einfach dazu, die Leute auf dem Land besser über ihre Rechte und Pflichten zu informieren, sagt Astrid Sagebiel vom DED. "Sie sollen erkennen, warum es sinnvoll ist, dass die Kommunen Verantwortung tragen. Und auch, wie sie selbst dazu beitragen können. Und sei es nur, dass sie ihre Steuern zahlen."

Kühe brauchen keine Schule!

Acht junge Schauspieler geben unter dem riesigen Mangobaum auf dem Dorfplatz die Vorstellung. Auch wenn das Stück in erster Linie lehrreich sein soll, fühlen sich die Zuschauer bestens unterhalten. Mehrere hundert Kinder, Frauen und Männer sitzen gebannt auf den schmalen Holzbänken oder auf dem Boden im Sand und verfolgen die Handlung: Da streitet eine Bürgermeisterin mit der Bevölkerung über neue Ideen, dem Steuereintreiber will niemand Geld geben, und der Präfekt nutzt seine Macht aus. Schon während des Stückes kommentieren die Zuschauer das, was da auf dem staubigen Platz passiert. Die Geschichten spiegeln ganz offensichtlich ihre eigenen Erfahrungen wider. "Meine Kühe brauchen doch keine Schule", hält der Viehbesitzer der Bürgermeisterin entgegen. Großes Gelächter. Dabei ist das Thema ernst: rund 75 Prozent der Burkinabé können nicht lesen und schreiben. Schulbildung aber bedeutet einen wichtigen Schritt auf dem Weg zur nachhaltigen Entwicklung.

Gebannte Zuschauer: Kinder in Guegueré Foto: Christine Harjes

Gebannte Zuschauer: Kinder in Guegueré

"Ich glaube, es ist das oberste Ziel des Theaters, zu sensibilisieren und dem Publikum eine Nachricht zu vermitteln", sagt Baurisse Palm, Leiter der Theatergruppe und Lehrer. Wenn man stark auf das Theater setze, könne man eine Veränderung erreichen. "Denn das Theater zieht an und man hört viel mehr hin. Es stimmt zwar, dass das Stück eine Komödie ist, aber wenn man gut zuhört, kommt die Botschaft eben auch sehr viel besser rüber."

Hier kommt die Botschaft bei jedem gut an. Und das liegt auch einfach daran, dass jeder die Schauspieler verstehen kann. Denn in dieser Gegend in Burkina Faso leben mit den Dian, den Dagara, den Lobi und den Mossi viele verschiedene Volksgruppen zusammen und jede Ethnie hat ihre eigene Sprache. Deshalb reden auch die Darsteller in dem Stück in verschiedenen lokalen Sprachen durcheinander. So versteht jeder etwas. Französisch - die Sprache der ehemaligen Kolonialherren - kommt hier gar nicht vor.

Zuschauer als Schauspieler

Als sich die Schauspieler dann am Ende des Stückes vor den Dorfbewohnern verbeugen, geht's erst richtig los. Jetzt sind die Zuschauer dran: Jeder Schauspieler tritt einzeln vor die schwarzen Leinwände, die die Bühne markieren und stellt sich dem Urteil des Publikums. Die große Frage: Hat sich der Charakter in dem Stück richtig verhalten oder falsch? Ein Mann ruft laut seine Verbesserungsvorschläge in die Runde, und eine Dorfbewohnerin erklärt sich selbstbewusst bereit, eine Szene noch einmal nachzuspielen. Dieses Mal in ihrer Version - mit korrektem Verhalten.

Schauspieler und Zuschauerin Foto: Christine Harjes

'Ich hätte es so gemacht...' Eine Frau aus dem Publikum (links) tritt vor die Zuschauer

"Gute Sache"

Valentin Somé, der Bürgermeister, sitzt nach dem Stück in seiner weißen traditionellen Kleidung und der farblich passenden Baseballkappe im Schatten und genießt den Nachmittag auf dem Dorfplatz.

Bürgermeister Valentin Somé Foto: Christine Harjes

Bürgermeister Valentin Somé

Er sei sehr zufrieden, sagt der ausgebildete Lehrer und Journalist. "Die Botschaft, die hier vermittelt wurde, ist sehr gut angekommen. Die Leute haben verstanden und von hier an werden sie sich ändern", sagt der Bürgermeister optimistisch. "Alle sind sensibilisiert worden, und das ist eine sehr gute Sache."

Über den Erfolg der Theatertournee sind sich alle Beteiligten einig. Rund 4000 Burkinabé haben das Stück jetzt gesehen, und es wird mit neuen Stücken weitergehen, denn auch in Zukunft wollen GTZ und DED weiter auf das Theater setzen, um über Rechte und Pflichten der Bevölkerung aufzuklären. In einem Land, in dem die große Mehrheit nicht lesen und schreiben kann, einer der wenigen Wege, um möglichst viele Menschen zu erreichen.

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