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Afrika

Burkina Faso: Islamistische Gefahr aus dem Innern

Lange galt Burkina Faso als Modell für eine friedliche Koexistenz unterschiedlicher Religionen. Doch in letzter Zeit häufen sich auch dort islamistische Angriffe. Laut einer Studie kommt die Gefahr nicht nur von außen.

Mehrere spektakuläre Anschläge haben Burkina Faso auf die Weltkarte des internationalen Terrors gebracht. Mindestens 20 Menschen starben im August bei einem Angriff auf das Café Instanbul in der Hauptstadt Ouagadougou. Im Januar 2016 schossen Terroristen von Al-Kaida im Islamischen Maghreb auf Gäste des "Splendid Hotel" und ermordeten 30 Menschen. Internationale Medien berichteten über diese Anschläge, doch viele andere, vor allem in der Nordprovinz an der Grenze zu Mali, sind in den Medien unerwähnt geblieben. "Burkina Faso ist längst ins Visier des islamistischen Terrors geraten", sagt die Westafrika-Analystin der International Crisis Group, Cynthia Ohayon, im Gespräch mit der DW.

Eine kürzlich von der Crisis Group herausgegebene Studie kommt zu dem Schluss, dass - neben internationalen und regionalen Veränderungen - vor allem auch soziale Faktoren für die Eskalation der Gewalt verantwortlich sind: "Anfangs war man in Sicherheitskreisen davon überzeugt, dass die Terrorgefahr von außen, nämlich aus Mali, kam. Aber wenn man sich den Norden Burkina Fasos anschaut merkt man schnell, dass in den vergangenen Jahren eine Menge hausgemachter Probleme dazukamen", fasst Cynthia Ohayon das Ergebnis der Studie zusammen.

Das Erstarken des Terrors im Norden

Obwohl rund 40 Prozent der Bewohner Burkina Fasos unterhalb der Armutsgrenze leben, erhält das Land von der internationalen Gemeinschaft längst nicht soviel Hilfe wie andere, rohstoffreichere Länder der Region. Im Norden, dem Landesteil mit den meisten Muslimen, ist die Not der Einwohner besonders groß. Die Gegend wird oft von Dürren heimgesucht. Die Regierung leistet den Bewohnern, die größtenteils von der Landwirtschaft leben, nur wenig Unterstützung. Sie fühlen sich allein gelassen.

Burkina Faso Kühe bei Ouahigouya (Getty Images/AFP/I. Sanogo)

Immer wieder wird der Norden Burkina Fasos von Dürren heimgesucht

In den vergangenen Jahren habe der Prediger Ibrahim Malam Dicko über eigene Koranschulen und Radiosendungen in diesem besonders strukturschwachen Gebiet Anhänger für seine Terrororganisation "Ansar ul-Islam" ("Verteidiger des Islams") gewonnen, sagt Cynthia Ohayon. Dicko gilt als der Hauptverantwortliche für die Instabilität in Burkina Faso. Es sind immer öfter seine Leute - und nicht Terroristen aus dem Ausland - die für Hinrichtungen, Entführungen, Plünderungen, Angriffe auf Polizei und Armee sowie die Schließung Hunderter Schulen verantwortlich sind.

Wenn man sich die Ursprünge von Ansar ul-Islam anschaue, dann merke man, dass sie mit den sozialen Konflikten zu tun haben. Die Unzufriedenheit habe dazu geführt, dass solche Gruppen vermehrt zur Gewalt gegriffen hätten, so Cynthia Ohayon weiter: "Es war nicht so sehr die religiöse Rhetorik, sondern vor allem die Tatsache, dass ein System herausgefordert wurde, das seit Jahrzehnten besteht und für viel Frustration sorgt, vor allem bei den Unterprivilegierten und den jungen Leuten, auf die die islamistische Bewegung besonders  anziehend wirkt." Radikale Prediger wie Ibrahim Malam Dicko seien so populär geworden, weil sie soziale Ungerechtigkeiten anprangerten und die staatliche Ordnung in den nördlichen Provinzen in Frage stellten, meint Cynthia Ohayon.

Politische Veränderungen verschärften die Terrorgefahr

Der Dschihadismus habe das Land völlig unvorbereitet getroffen, erinnert die Analystin der Crisis Group: "Bis 2015, als die Regierung von Blaise Compaoré noch an der Macht war, gab es praktisch keine Anschläge. Der Machtwechsel brachte aber viele politische Veränderungen mit sich, die zu einer signifikanten Verschlechterung der Sicherheitslage führten." Langzeitpräsident Blaise Compaoré habe im Jahr 2012 im Mali-Konflikt vermittelt und geholfen, Zugeständnisse für die islamischen Extremisten auszuhandeln. Wohl auch deshalb sei Burkina Faso bis zum Jahr 2014 verschont geblieben.

Ouagadougou Burkina Dafo Verhandlungen Tuareg Rebellen Regierung 08.06.2013 (Ahmed Ouoba/AFP/Getty)

Burkina Fasos Ex-Präsident Blaise Compaoré vermittelte zwischen islamistischen Extremisten und der Regierung von Mali

Dann musste Compaoré abtreten, nachdem er erfolglos versucht hatte, die Befristung der Amtszeit des Präsidenten aus der Verfassung zu streichen. Sein Nachfolger Roch Marc Kaboré erlaubte dem französischen Militär, eine Basis im Rahmen der Anti-Terror-Operation "Barkhane" in dem überwiegend islamischen Land zu errichten - und machte es damit zur Zielscheibe für islamistische Terroristen.

Unterstützt werden sie mit Geldern aus dunklen Kanälen, vor allem aus arabischen Öldynastien, meint Cynthia Ohayon: "Wir wissen, dass die Golf-Staaten in Ländern wie Burkina Faso besonders aktiv sind. Sie finanzieren soziale Programme oder Wohltätigkeitsprojekte. Sie bauen aber auch Moscheen." Und dort würden Varianten des Islam gepredigt, die nicht mir einer multikulturellen, multireligiösen Gesellschaft, so wie es sie in Burkina Faso seit Jahrhunderten gibt, zu vereinbaren seien. Islamisten haben Burkina Faso als ideales Betätigungsfeld und Rückzugsgebiet erkannt. In einem politisch, militärisch und sozial labilen Land können sie relativ unbehelligt ihre Ziele verfolgen.

De-Radikalisierung und Entwicklung als Gegenmittel

Wie sollen schwache Staaten wie Burkina Faso reagieren? Die Gegenmaßnahmen müssten auf einer sorgfältigen Analyse der Ursachen beruhen, meint der Politologe Matthias Basedau. Im Gespräch mit der DW sagt der Afrika-Experte des Hamburger GIGA-Instituts, für den um sich greifenden Islamismus in Subsahara-Afrika gebe es vielfältige Gründe: "Wir müssen uns bewusst sein, dass sowohl religiöse Gründe vorliegen als auch nicht-religiöse, und dass sie gleichzeitig bearbeitet werden müssen."

Auf religiöser Seite könne man De-Radikalisierungs-Maßnahmen durchführen, also friedvolle Interpretationen des Glaubens stärken, auch präventiv. In nicht-religiöser Hinsicht gehe es vor allem um langfristige Entwicklung. Das heißt, die Regierungen und Staaten müssten ihren Bürgern Perspektiven liefern. Dies gilt besonders in ländlichen und unterentwickelten Gebieten wie dem Norden von Burkina Faso.

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