Burkina Faso: Alles auf Anfang | Afrika | DW | 14.08.2015
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Afrika

Burkina Faso: Alles auf Anfang

Der Sturz des burkinischen Präsidenten durch die Bevölkerung im Herbst 2014 kam unerwartet, auch für viele Journalisten. Wo steht das Land? Was versprechen die Wahlen? Antworten gab ein deutsch-burkinischer Mediendialog.

Recherchetermin in einer Stadtvilla früherer Machtinhaber - ein Sinnbild für den Neuanfang in Burkina Faso

Recherchetermin in einer Stadtvilla früherer Machtinhaber - ein Sinnbild für den Neuanfang in Burkina Faso

Das Wort "JUSTICE" ist in schwarzen Buchstaben an die Wand des ehemaligen Wohnzimmers einer Stadtvilla gesprüht. Einer Villa, die vor weniger als einem Jahr noch der herrschaftliche Hauptstadtsitz von François Compaoré, dem Bruder des früheren Präsidenten, war. Nun verkünden auf den bröckelnden Villawänden kunstvolle Graffiti "Gerechtigkeit". Stolz führen die burkinischen Journalisten des DW Akademie Mediendialogs ihre deutschen Kollegen durch die "Stätten der Revolution". "Die Entschlossenheit, mit der die Leute das hier erobert haben, das kann man hier immer noch spüren", sagt Marius Münstermann, freier Print- und Onlinejournalist. "Deshalb ist das hier auch immer noch so ein kleiner Wallfahrtsort."

Teilnehmer des Mediendialogs auf Erkundungstour: Amélie Gue von Lefaso.net (links) und ihre deutsche Kollegin Lea Koch (WDR)

Teilnehmer des Mediendialogs auf Erkundungstour: Amélie Gue von Lefaso.net (links) und ihre deutsche Kollegin Lea Koch (WDR)

In dem kleinen Binnenland in Westafrika steht seit Oktober 2014 alles auf Anfang: Mit einem Volksaufstand jagten die Bürger den Präsidenten Blaise Compaoré aus dem Land. 27 Jahre lang war er zuvor an der Macht gewesen. Die Bewohner Burkina Fasos sprechen bereits vom "Ancien Regime", dem "alten Regime". Die Entourage des Diktators, wie beispielsweise sein Bruder François, hat ihre Privilegien verloren. Jahrelang hatte sie auf Kosten der Bevölkerung gelebt, die meisten Burkinabè hingegen blieben arm.

"Afrikanischer Frühling"

Jetzt hoffen die Menschen auf ein besseres Leben, auf Gerechtigkeit und Demokratie. "Pour le peuple, rien que pour le peuple!", "Für das Volk, nur für das Volk!" lauten die Sprechchöre der Bürgerbewegung "Le Balai Citoyen" ("Bürgerbesen"). Nicht nur die Terminologie erinnert an die Französische Revolution. Mit doch einem entscheidenden Unterschied: Der Volksaufstand forderte kaum Blutzoll und wird daher als friedliche Revolution gefeiert.

Für Oktober 2015 stehen demokratische Präsidentschaftswahlen an, die Burkina Faso - übersetzt "Das Land der aufrechten Menschen" - erneuern sollen. "Afrikanischer Frühling" nennen politische Beobachter diese Phase der Transformation, die mit so vielen Hoffnungen verbunden ist.

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Impressionen: Mediendialog 3.-6. August 2015 (Kamera und Schnitt: Gerlind Vollmer)

Drei Monate vor dem ersten Wahlgang organisierte die DW Akademie im Auftrag des Auswärtigen Amtes Anfang August einen Mediendialog: Sechs deutsche Journalisten reisten nach Burkina Faso und trafen dort vier Tage lang auf sechs burkinische Kollegen. Ein reger Austausch mit vielfältigem Programm, gemeinsamen Terminen und Recherche.

"Die heiße Phase des Wahlkampfs hat noch nicht begonnen, auch wenn die Vorbereitungen bereits anlaufen. Die Situation ist bislang ruhig - ein guter Moment für die Journalisten, um sich jetzt Hintergrundwissen anzueignen", so Gerlind Vollmer, verantwortliche Projektmanagerin der DW Akademie.

Neuanfang auch für Berichterstattung

Gemeinsam mit der Ortskraft der DW Akademie in der Hauptstadt Ouagadougou, Boureima Salouka, konnte ein umfangreiches Programm erstellt werden: Begegnungen mit Augenzeugen der Revolution, maßgeblichen Anführern der Protestbewegung "Le Balai Citoyen" und ein Besuch beim Staatsfernsehen RTB waren Teil des Austausches - außerdem Gespräche mit Experten der sogenannten Versöhnungskommission, Verfassungsrechtlern, Vertreter der Anti-Korruptionskommission und Wirtschaftswissenschaftlern. Besonders eindrucksvoll war vor allem für die deutschen Teilnehmer das Treffen mit traditionellen Clanchefs, unter anderem dem Minister der Verwaltung des Königtums Boussouma.

Eine Nahaufnahme eines Landes, das im vergangenen Oktober die Welt mit einer friedlichen Revolution überraschte. Wenn das Volk in wenigen Wochen an die Wahlurnen geht, wird sich das internationale Medieninteresse wieder auf Burkina Faso richten. Die deutschen Teilnehmer des Mediendialogs sind dafür nun vorbereitet und hatten die Möglichkeit, tief in die lokalen Zusammenhänge einzutauchen, Besonderheiten Burkina Fasos zu verstehen und Kontakte zu knüpfen. "Mit dem Mediendialog möchten wir die Berichterstattung über Burkina Faso in Deutschland unterstützen. Im afrikanischen Kontext werden die Ereignisse als Modell für einen friedlichen Transitionsprozess gehandelt und sehr intensiv beobachtet", sagte Michael Tecklenburg, Leiter Afrika der DW Akademie. "Hier gibt es eine außerordentlich gut organisierte Zivilgesellschaft. Darüber wird bei uns noch zu wenig berichtet."

Michael Tecklenburg, Leiter Afrika der DW Akademie (Mitte) und Wayalgin Naaba du Diima (rechts), Minister der Verwaltung des Königreich Boussouma. Die Königreiche in Burkina Faso bestehen neben den Institutionen der Republik

Michael Tecklenburg, Leiter Afrika der DW Akademie (Mitte) und Wayalgin Naaba du Diima (rechts), Minister der Verwaltung des Königreich Boussouma. Die Königreiche in Burkina Faso bestehen neben den Institutionen der Republik

Die burkinischen Kollegen profitierten von neuen journalistischen Ansichten - und auch von den vielen Nachfragen. "Dadurch habe ich manches hier neu gedacht", sagte beispielsweise Idrissa Barry, Chefredakteur des unabhängigen Magazins Mutations.

Gemeinsame Recherche

Als Höhepunkt des Mediendialogs wurden sechs binationale Reporterteams gebildet. Jeweils ein burkinischer und ein deutscher Journalist suchten sich gemeinsam ein Thema aus wie beispielsweise die Entstehung der Protestbewegung und produzierten zusammen einen Beitrag. Eine spannende Erfahrung für beide Seiten.

Simone stellt unermüdlich Fragen und geht sehr in die Tiefe, zeigte sich Idrissa Barry (links) beeindruckt von Kollegin Simone Schlindwein

Idrissa Barry (links) und Kollegin Simone Schlindwein

"Mein Tandempartner ist extrem gut vernetzt und hat viele Gesprächspartner organisiert", sagte Simone Schlindwein, Afrika-Korrespondentin unter anderem für die Tageszeitung taz und Deutschlandradio. "Und ich habe viel von Idrissa lernen können. Er ist Aktivist und einer der beiden Medienberater der Protestbewegung Le Balai Citoyen. Journalist zu sein und gleichzeitig Position zu beziehen, das geht hier immer miteinander einher." Wenn auch nicht so offensichtlich, so sei dies weltweit der Fall. "Das ist mir hier erst richtig klar geworden", so Schlindwein. Chefredakteur Idrissa Barry hingegen zeigte sich beeindruckt von der journalistischen Hartnäckigkeit seiner Kollegin "Simone stellt unermüdlich Fragen und geht sehr in die Tiefe."

Nach vier Tagen intensivem Programm kehrten nun die zwölf Journalisten in ihren Arbeitsalltag zurück. Die burkinischen Kollegen nehmen viele neue Fragen und Anregungen mit in ihre Redaktionen. Und in deutschen Medien wird man über das westafrikanische Land in Zukunft mehr erfahren - und damit ein vollständigeres Bild von der Vielfalt Burkina Fasos zeichnen.

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  • Datum 14.08.2015
  • Autorin/Autor Vera Möller-Holtkamp, Projektmanagerin
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