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Politik

Burgpredigt mit Langzeit-Visionen

Trotz aller Versprechen: In punkto Abrüstung kann auch Barack Obama die Welt nicht von einem Tag auf den anderen verändern, sondern muss sich mit kleinen Schritten begnügen, kommentiert Susanne Henn.

Themenbild Kommentar (Foto: DW)

Ja, er kann! Barack Obama ist wahrscheinlich der einzige Mann auf der Welt, der eine Abschaffung aller Atomwaffen fordern kann, ohne belächelt zu werden. Vor der Kulisse der Prager Burg warb er mit einer gehörigen Portion Idealismus für seinen Fahrplan zur globalen Abrüstung im Allgemeinen und die Abkehr von Atomwaffen im Besonderen.

Susanne Henn (Foto: DW)

Susanne Henn

Den nordkoreanischen Raketentest vom selben Morgen als warnendes Beispiel zur Hand, präsentierte der neue US-Präsident sich und sein Land als Vorkämpfer für eine friedlichere Welt. Die "moralische Verpflichtung zu handeln" kauft man Obama sogar ab. Die USA sind bisher die einzige Nuklearmacht, die Atombomben auf ein Land abgeworfen hat. - So weit sollte es nie wieder kommen, bekräftigte Obama.

Neuauflage der Bergpredigt als Burgpredigt?

War die mit Spannung erwartete Rede also eine Absage an alle Formen der Gewalt, wie Jesus sie vor gut 2000 Jahren in seiner Bergpredigt gefordert hatte? Sozusagen in einer Neuauflage als Burgpredigt? Sicher nicht. In punkto Abrüstung kann auch Obama nicht auf dem Wasser gehen, sondern muss sich mit kleinen Schritten an Land begnügen.

Anfang der Woche hatte er sich mit dem russischen Präsidenten Medwedjew auf eine Reduzierung der Sprengköpfe auf beiden Seiten des Atlantiks geeinigt. Immerhin. Bis 2012 sollen es jeweils nur noch zwischen 1700 und 2200 sein - statt wie jetzt über 3000. Des Weiteren will er innerhalb des nächsten Jahres in den USA einen weltweiten Gipfel zur nuklearen Sicherheit abhalten und bis dahin auch den Vertrag gegen Atomtests ratifiziert haben. Alles Schritte in die richtige Richtung. Gemeinsam mit Europäern und Russen will der US-Präsident außerdem den Iran davon abhalten, zur atomaren Bedrohung zu werden. Doch das ist aufgrund der politischen Differenzen bekanntermaßen ein sehr heikles Unterfangen.

Keine messianischen Mächte

So dient auch der geplante US-amerikanische Raketenschild in Osteuropa der Abschreckung in Richtung Iran. Ein schwierigeres Thema für den US-Präsidenten in Prag: 70 Prozent der Tschechen sind gegen die US-Radarbasis in ihrem Land. Dass ausgerechnet Prag zum Schauplatz für die erste große Europarede Obamas nach der Amtseinführung wurde, ist zwar nur der Tatsache geschuldet, dass die Tschechen im Moment die EU-Ratspräsidentschaft inne haben. Für ein Abrüstungs-Plädoyer war die Stadt jedenfalls ein spannender Ort.

In Zeiten, in denen Obama von den NATO-Partnern - zu denen seit zehn Jahren auch Tschechien gehört - mehr Engagement im Afghanistan-Einsatz fordert, ist es ein schlauer Zug, die Erwartungen an seine heilbringenden Kräfte herunter zu schrauben. Gut hat Obama in jedem Fall daran getan, vor den 30.000 Zuschauern zu bekräftigen, dass er keineswegs naiv sei. Und zuzugeben, dass es vielleicht zu seinen Lebzeiten auch gar nicht mehr mit einer Welt ohne Atomwaffen klappen wird. Auch wenn Obama wie ein Messias der Neuzeit die Menschen begeistert mag - so viel Macht hat er wohl doch nicht.

Bisher gab es jedenfalls keinerlei ernst zu nehmende Initiativen der Mächtigen, eine Welt ohne Atomwaffen zu erreichen - mal abgesehen von vagen Plänen, die Ende der 80er-Jahre US-Präsident Reagan und der sowjetische Präsident Gorbatschow geschmiedet haben sollen. Sollten die Inhalte von Obamas Burgpredigt tatsächlich Realität werden, hätte er wirklich ein Wunder vollbracht.

Autorin: Susanne Henn
Redaktion: Julia Elvers-Guyot