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Kultur

Bunter Mix aus neuem und altem Orient

Die Veranstaltungsreihe "Der Neue Orient" im Rhein-Main-Gebiet möchte mit Orientklischees aufräumen und einen "neuen Orient" präsentieren. Leider ist die Umsetzung des ambitionierten Konzepts nur teilweise gelungen.

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Klischees sind allgegenwärtig

Seit kurzem hat in Düsseldorf, Köln, Bonn und Duisburg die Veranstaltungsreihe "Der Neue Orient" begonnen. In den kommenden Monaten sollen zeitgenössische Kunst und Kultur aus dem arabisch-türkisch-iranischen Raum vorgestellt werden. Das grüne Programmheft mit der geöffneten Tür auf dem Titel ist knapp hundert Seiten stark und verspricht Literatur, Musik, Filme, Bildende Kunst, Tanz und Theater, ergänzt durch eine Reihe wissenschaftlicher Vorträge.

Ein Mammutprogramm also, das den Anspruch erhebt, dem Publikum "eine neue Sichtweise jenseits der traditionellen Wahrnehmung zu ermöglichen". Goethes Beziehungen zum Orient sollten deshalb herausgelassen werden.

"Die Konzentration auf das Zeitgenössische hat im Vordergrund gestanden", sagt Andreas Loesch, Leiter des Kulturamtes Bonn und verantwortlich für die Koordination innerhalb der Rheinland AG, zu der sich die genannten vier Städte zusammengeschlossen haben.

Märchen, 1001 Nacht, fliegende Teppiche – dies seien die gängigen Klischees, die, so Loesch, den meisten Leuten zum Thema Orient in den Köpfen herumspukten. Mit diesem "geistigen Sperrmüll", wie es im Programm heißt, soll aufgeräumt werden.

Keine Klischees?

Schaut man die konkreten Programmpunkte genauer an, so sind die vertrauten Klischees jedoch wieder versammelt: Da ist der Erzähler, der seine Geschichten – "in bester orientalischer Tradition" – frei vorträgt, so dass man die Kamele riechen könne und die unbarmherzige Wüstensonne spüre.

"Mustapha mit dem Bauchladen" ist der palästinensische Abend überschrieben, der eingerahmt wird von "typischen Dabka-Volkstänzen". Und der "tunesische Abend" findet gar in einem "typischen Zelt der Region" statt, ein Einblick in die "Zauberkraft der arabischen Märchenwelt" wird versprochen.

Anspruch und Wirklichkeit liegen hier also ein Stück auseinander. Zwar sind tatsächlich eine ganze Reihe von Veranstaltungen dabei, die andere Perspektiven einnehmen und auf gängige Klischees locker verzichten können – gänzlich herausgelassen aber wurden sie nicht.

Herausgekommen ist eher eine bunte Mischung verschiedenster Orientbilder und -vorstellungen, so wie auch im Programm an einer Stelle ein "genialer Mix aus neuem und altem Orient" angekündigt wird. So hätte man die Veranstaltungsreihe vielleicht ankündigen sollen, anstatt sie mit "neuer Orient" zu überschreiben.

Viele bekannte Gesichter

Denn auch "neu" sind viele der eingeladenen Künstler nicht. Vielmehr sind sie wieder alle versammelt, von Adonis über Vénus Khoury-Ghata bis zu Daniel Hees oder Ferhan & Ferzan Önder. Das erste Mal in Deutschland sind die wenigsten.

Dabei sind das Film- sowie das Tanz- und Theaterprogramm als sehr viel gelungener hervorzuheben. So etwa die Inszenierung "Letters from Tentland" oder der Film "Paradise Now". Die ausgewählten Filme und Inszenierungen, die alle aus den letzten Jahren sind, greifen aktuelle Themen und Fragestellungen, wie sie zum Beispiel nach dem 11. September entstanden sind, auf, und sind – zum Teil zumindest – das erste Mal in Deutschland zu sehen.

Im Literaturprogramm hingegen hat man sich fast gänzlich auf altbekannte Gesichter beschränkt, was sich am Alter der Autoren deutlich ablesen lässt. Dass diese "Crème de la crème" der arabischen Literatur wieder eingeladen wurde, ist prinzipiell natürlich positiv.

Die Argumentation "neu bedeutet zeitgenössisch, und zeitgenössisch ist, wer noch lebt", wie Winfried Gellner, zuständig für die Fachgruppe Literatur, sie versucht, überzeugt jedoch nicht. Genauso wie wohl kaum jemand eine Lesereihe mit Günter Grass und Christa Wolf als "Neue deutsche Literatur" bezeichnen würde – auch wenn diese Autoren ohne Zweifel noch leben und schreiben.

Schade ist ebenso, dass die Veranstalter wieder einmal auf den Begriff "Orient" zurückgegriffen haben. Hier habe man vielleicht zu eurozentristisch gedacht, gibt Andreas Loesch zu. Eine Gruppe von Staaten sollte mit einem Wort benannt werden, und da sei der Begriff "Orient" am einfachsten, um an das Vorwissen des Publikums anzuknüpfen – die Unterschiede zwischen den Ländern seien ihnen jedoch durchaus bewusst.

Begriff des Orients ist stark besetzt

Durch diesen Titel zementieren die Veranstalter allerdings, was sie eigentlich vermeiden wollen. Denn der Begriff "Orient" selbst steht für all die gängigen Klischees, die in dieser Reihe hinterfragt werden sollen. Zu stark ist er mit Vorstellungen, Assoziationen und der europäischen Konstruktion des "Orients" verknüpft, als dass er mal kurz umgedeutet und neu besetzt werden könnte.

Hier hätte man konkreter sein und die verschiedenen Länder, die repräsentiert werden sollen, als solche für sich stehen lassen können, anstatt zu versuchen, sie in einem Schlagwort zusammenzufassen.

Letztlich entsteht der Eindruck, dass in diesem ohne Zweifel sehr ambitionierten und begrüßenswerten Projekt versucht wurde, sowohl den anspruchsvollen Zielen auf der einen Seite, als auch dem Wunsch nach Zuspruch und Erfolg bei breiten Bevölkerungsschichten auf der anderen Seite, gerecht zu werden.

Dies lässt sich aber nur schwer vereinbaren: Unbekannte, neue Autoren oder Künstler locken natürlich weniger Publikum, als ein Alafenisch. Wenn mit Orient-Klischees geworben wird, spricht dies eine breitere Masse an, als deren Dekonstruktion. Der Anspruch, mit alten Klischees aufräumen zu wollen, kann so jedoch nicht aufrecht erhalten bleiben.

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