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Alltagsdeutsch – Podcast

Bunte Sprache

Einheit in der Vielfalt – das bietet die deutsche Sprache. Anpassungsfähig, gastfreundlich und wandlungsbereit ist sie. Manche beklagen dennoch einen Verfall der Sprachkultur.

Musik:

Bläck Fööss, En unserem Veedel

"En d'r Weetschaff op d'r Eck

Ston die Männer an d'r Thek'

Die Fraulückcher setze

Beim Schwätzje zosamme

Es dat vorbei."

Musik:

Massive Töne, Cruisen

"Wir sind die Coolsten, wenn wir cruisen,

Wenn wir durch die City düsen,

Wir sind die Coolsten, wenn die süßen

Ladies uns mit Küsschen grüßen."

Sprecher 1:

Moment mal! Ich verstehe absolut nichts!

Sprecherin:

Immer die Ruhe bewahren, schön cool bleiben. Stimmt schon, die "Bläck Fööss" singen zwar in rheinischer Mundart, die geht aber immer noch als Deutsch durch.

Sprecher 1:

Und? Wer sitzt da beim Schwätzchen zusammen?

Sprecherin:

Die Fraulückcher, Hochdeutsch: die Frauen. Na, da hättest du auch selbst drauf kommen können, das Wort "Frau" steckt doch drin. Die sitzen beim Schwätzchen zusammen, das heißt, sie unterhalten sich.

Sprecher 1:

Aber dieses andere Lied: Der Sänger wechselt ja ständig zwischen Englisch und Deutsch. "Wir sind die Coolsten, wenn wir cruisen", was soll das denn heißen?

Sprecherin:

"Wenn wir durch die City düsen". Rap. So nennt man den Sprechgesang im Hip-Hop. Das ist eine Musikrichtung aus den USA, aber auch in Deutschland sehr populär. Es gibt viele deutsche Rapper, die echt kreativ sind. So rhythmisch zu reimen, ist nämlich eine Kunst. Cruisen ist ein eingedeutschtes Wort aus dem Englischen und bedeutet ursprünglich "fahren", "herumfahren". Man cruist, wenn man mit dem Auto ohne Ziel herumfährt. Sehen und gesehen werden, darum geht‘s.

Sprecher 2:

Switchen nennt man in der Sprachwissenschaft den Wechsel von einer Sprache in die andere. Vom Deutschen ins Englische, wie es Jugendliche häufig tun, so wie in dem Song die jungen Rapper. Türkische Mitbürger wechseln innerhalb eines Satzes schon mal vom Deutschen ins Türkische. Aber auch die Bayern, Rheinländer oder Sachsen zum Beispiel von der Hochsprache in den Dialekt. Auch wenn wir nur eine Sprache sprechen, so können wir doch zwischen verschiedenen Stilen oder "Sprachen" wechseln. Das nennt man Sprachvariation. Man passt seine Sprache den Erfordernissen der jeweiligen Situation an. Meist ist uns das gar nicht bewusst. Doch haben wir alle im Leben verschiedene "Sprachen" erlernt. So genannter Fachsprachen bedienen wir uns im Beruf oder im Hobby. Im Alltag spielen wir verschiedene Rollen und passen uns unterschiedlichen Situationen an. Vergegenwärtigen wir uns nur einmal den Tagesablauf eines Verwaltungsangestellten. Wenn er morgens aufwacht, redet er ganz informell mit seiner Frau und den Kindern. Er nuschelt: "Gu'n Morg'n, Mausilein" und flucht: "Verdammt noch mal, kannst du denn nicht aufpassen!", wenn der Jüngste den Kakaobecher umwirft.

Sprecher 1:

Ich beginne zu verstehen. Wenn er ins Amt kommt, nennt er seine Kollegin natürlich nicht Mausilein, sondern beim Namen. Er wird sich auch bemühen, "Einen wunderschönen guten Morgen allerseits" höflich und gut gelaunt durch den Flur schallen zu lassen. Wenn der Chef ihn bittet, die Verwaltungsvorlage doch bis zum Mittag fertigzustellen, ...

Sprecherin:

... denkt er: "Mist, alter Sklaventreiber, das wird knapp", sagt aber, "Natürlich, Herr Vollmer. Ich hätte da lediglich zur Auslegung von Paragraph 7a, Absatz 2 noch eine Frage zu klären. Es könnte also vielleicht auch Nachmittag werden." Zauberhafter Konjunktiv, wenn wir den nicht hätten! Nach der Arbeit geht er noch kurz in die Kneipe, nen Bierchen trinken. "Hallo Jung, wie is' et?", fragt er seinen Kumpel und diskutiert leidenschaftlich mit ihm über die Bundesliga.

Sprecher 2:

Halten wir fest: Je nach Kommunikationssituation und Aufgabe steht uns ein großes Repertoire an Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung. Das zeigt sich nicht nur in unserer Aussprache, ob wir zum Beispiel Endungen verschlucken oder salopp, je nach Region, "nee" oder "nö" statt "nein" sagen. Vor allem hat es Folgen für unseren Wortschatz. Unsere Wortwahl wiederum beeinflusst ganz verschiedene Sprachstile. Sitzen wir in einer lockeren Runde mit Freunden zusammen, bestimmen flotte Sprüche, originelle Vergleiche, Ironie und spontane Wortneuschöpfungen unsere Unterhaltung. Ein Pedant dagegen moralisiert, spricht im übertragenen Sinne ständig mit dem erhobenen Zeigefinger und stellt eine hierarchische Beziehung zu seinem Gegenüber her. Behörden- und Rechtssprache bemüht sich um Sachlichkeit. Viele Hauptwörter, mitunter wahre Wortungetüme, der häufige Gebrauch des Passivs und Infinitivs, die Aussagen in verschachtelte Sätze verpackt, stolpert diese Sprache dann allerdings hölzern daher.

Sprecherin:

Kann auch Heiterkeit auslösen: "Abweichend von Paragraph 2 werden bei Schafböcken, die in einem Kreuzungszuchtprogramm als Väter von Endprodukten verwendet werden sollen, die Zuchtwertteile Fleischleistung und Zuchtleistung einheitlich für alle Kreuzungszuchtböcke des Kreuzungszuchtprogramms festgestellt." Das stammt aus einer Verordnung der Europäischen Unionsbürokratie. Furchtbar so ein Nominalstil, der taucht oft da auf, wo es offiziell wird. Zum Glück spricht kaum jemand so, außer Politiker und Juristen vielleicht.

Sprecher 2:

Die Sprache der Literatur und Dichtung ist, im Gegensatz zur starren, unbeholfenen Amtssprache, bildhaft und voller gedanklicher Assoziationen.

Sprecherin:

Farben, Metaphern, Rhythmus. Lebendig halt! Und trotzdem präzise!

Sprecher 2:

Wie sehr unsere Wortwahl unseren Stil beeinflusst, verdeutlichen auch Synonyme. Zum Beispiel sagen wir in der Alltagssprache schnörkellos: "Frau Maier ist dick". Die Verkäuferin drückt sich da schon gepflegter aus und empfiehlt das passende Kostüm für die füllige oder starke Dame. In der Gassensprache ist Frau Maier grob gesagt einfach nur fett. Natürlich gehen nicht alle Menschen gleich sorgfältig und gewandt mit der Sprache um. Unser Wortschatz und unsere Sprachfähigkeit hängen eng mit sozialer Herkunft, Erziehung und gesellschaftlicher Stellung zusammen. Der Sprachforscher Basil Bernstein hat Sprache und Lebensweise der Unterschicht und der Mittel- beziehungsweise Oberschicht untersucht und festgestellt, wie sie sich unterscheiden. In Familien der oberen Schichten diskutieren Eltern und Kinder, erklären, rechtfertigen sich und sprechen über ihre Gedanken und Gefühle. Hier lernen die Kinder den so genannten elaborierten Code, ein facettenreiches Spektrum sprachlicher Ausdrucksmöglichkeiten. In der Unterschicht machen die Familienmitglieder kaum große Worte, lange Diskussionen sind eher unüblich.

Sprecherin:

Aufräumen! Aber plötzlich!

Sprecher 2:

Bernstein spricht von restringiertem Code, man könnte auch sagen von eingeschränkten Ausdrucksmöglichkeiten: "Sehn Sie, Herr Doktor, manchmal hat einer so 'n Charakter, so ’ne Struktur. Aber mit der Natur ist’s was anders, sehn Sie; mit der Natur, das ist so was, wie soll ich doch sagen..." In der Literatur haben Schriftsteller häufig die sozial bedingte Ausdrucksweise zur Charakterisierung ihrer Protagonisten gewählt, wie zum Beispiel Georg Büchner in "Woyzeck". Wir unterscheiden also nicht nur zwischen Dialekten, sondern auch zwischen Soziolekten. Ob Mundart, Fach- oder Jugendsprache: Sie dient dazu, sich sozial zu positionieren und schafft ein Identitätsgefühl.

Sprecherin:

"Die Grenzen unserer Sprache sollen die Grenzen unserer Welt sein? Wie sieht dann die Sprache einer global und medial geprägten Gesellschaft aus, in der sich Grenzen verwischen, verblassen, sich auflösen? Und wie sieht die Sprache einer Generation aus, die sich nicht mehr durch nationale Identität, sondern durch global verbindliche Stile, Szenen, Moden und Marken definiert? Welche Mode jemand trägt, welche Musik er hört oder welche Wörter er benutzt, ist weniger personen- als situationsabhängig. Smart zu sein, heißt, anpassungsfähig, flexibel, kreativ, offen und schnell agieren zu können. Entsprechend reagiert die Sprache. Wer vor dem Computer sitzt, ist ein User. Wer auf der Party ein User ist, konsumiert Drogen."

Sprecher 2:

Das schreiben Dirk Nitschke und Peter Wippermann in ihrem Vorwort zum "Wörterbuch der Szenesprachen". Wie sehr Sprache im Fluss ist, unterschiedliche Strömungen aufnimmt, sich Lebensstilen oder auch Moden anpasst, zeigt sich deutlich in den so genannten Szenesprachen: Fun- und Streetsport, Musik und Mode, Internet und Cyberspace bereichern das Deutsche um Neuschöpfungen oder verleiben sich Wörter aus dem Englischen ein. Sie beschleunigen die Sprache und beeinflussen auf diese Weise den Sprachwandel. Denn der hängt eng mit Sprachvariation und gesellschaftlichen Einflüssen zusammen. Im Lauf der Jahre verändert sich natürlich nicht nur unser Wortschatz, wenn wir zum Beispiel Begriffe aus der informellen Sprache in die Standardsprache aufnehmen. Auch der Satzbau kann sich ändern.

Sprecherin:

"Ich fahre erst morgen nach Hamburg, weil ich bekomme heute Abend noch Besuch von Ingrid."

Sprecher 2:

Die Konjunktion "weil" gibt den Grund für ein Geschehen an und leitet einen Nebensatz ein. In der gesprochenen Sprache, der Umgangssprache, hat sich nun aber eingebürgert, die so genannte Verbklammer zu missachten, sprich, das Verb wandert in diesem Fall nicht mehr ans Satzende. Halten wir fest: Sprache wandelt sich.

Sprecherin:

"Frodo, du bist sooooooooooo lieb! knuddelumarmküsschengeb. ich kann mich nicht einloggen, da kommt immer eine meldung mit server error. grrrrrrrr! ich find das soooooo gemein!"

Sprecher 2:

Ob sich hinter dem Pseudonym ein junger Mann oder ein 12-jähriges Mädchen verbirgt, mag die Online-Gemeinschaft wissen, die regelmäßig mit "Frodo" chattet, sprich im Internet kommuniziert. Der Chat, zu deutsch "die Unterhaltung", sowie der Austausch in so genannten Newsgroups oder den Gästebüchern von Online-Foren haben einen Sprachgebrauch irgendwo zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit entstehen lassen. "Du bist sooooooooooo lieb" schreibt man wie man es spricht, mit beliebig lang gedehntem Vokal. Man gibt sich ein Pseudonym, knuddelt sich virtuell – "umarm" – und tauscht sich über bestimmte Interessensgebiete aus. Das Geflecht persönlicher Beziehungen im Internet hat eine eigenständige Form der Sprachvariation hervorgebracht, deren Entstehungsprozess noch längst nicht abgeschlossen ist. Spontane lautmalerische Äußerungen von Emotionen wie zum Beispiel "grrrrrrrrr!", aus Comics bestens bekannt, gehören genauso dazu wie Emoticons: Zeichen aus Strich- und Punktkombinationen. Sie drücken Emotionen aus oder ersetzen die Mimik im Gespräch. Man freut sich zum Beispiel oder zeigt seine Zuneigung mit dem Zeichen für "lächeln". Mit einem Augenzwinkern wird klar: Achtung, die Aussage ist ironisch gemeint, nicht so ernst nehmen! Akronyme, Abkürzungen von Wörtern, die zu einem neuen Wort verschmelzen, tauchen ebenso häufig auf. "BRB" heißt es dann zum Beispiel "be right back".

Sprecher 1:

Bin gleich wieder da, das haben wir auch früher schon gesagt. Auf Deutsch allerdings, aber das scheint ja aus der Mode gekommen zu sein. Ansonsten kann ich nur sagen: "grrrrrrrrr!"? Wer will denn auf diese Weise kommunizieren? So würde ich ja noch nicht einmal mit meinem Hund sprechen. Nennen Sie es Sprachvariation, ich nenne es Verfall der Sprachkultur. Am Ende erfindet jeder noch seine eigene Version des Deutschen.


Fragen zum Text:

Ein sprachlicher Pedant ist jemand, der …

1. gerne den erhobenen Zeigefinger nutzt.

2. flotte Sprüche drauf hat.

3. neue Worte erfindet.

Der Fachbegriff für die Sprachvariationen verschiedener Gesellschaftsgruppen lautet: …

1. Soziolekt.

2. Dialekt.

3. Regiolekt.

Akronyme sind …

1. Abkürzungen von Wörtern, die zusammengezogen wurden.

2. spontane, lautmalerische Äußerungen.

3. Zeichen aus Punkt- und Strichkombinationen zum Ausdruck von Gefühlszuständen

Arbeitsauftrag:

Schreiben Sie zwei Dialoge über ein Thema mit jeweils unterschiedlichen Personen (z. B. zwischen Chef und Angestelltem, zwei Jugendlichen auf der Straße). Benutzen Sie dabei einmal eine lockere Sprache mit einigen Fremdwörtern. Den zweiten Text schreiben Sie sehr sachlich.

Autorin: Gisela Shinawa

Redaktion: Beatrice Warken

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