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Nahost

Bunte Fenster gegen die Hitze

Mosaik-Fenster zieren fast jedes Haus im Jemen und sorgen für kühle Zimmer. Ghalib al-Nouar hat seine eigene traditionelle Qamariya-Werkstatt. Dort stellt er mit seinen Angestellten die bunten Fenster in Handarbeit her.

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Qamariya-Fenster im Jemen

Noch einmal genau nachmessen. Mit lang ausgestrecktem Arm legt Ghalib al-Nouar das Meterband an den feuchten Gips. Al-Nouar ist Mitte dreißig, seine Hände sind weiß vom Gips. Jede Qamariya ist ein Einzelstück, nach Maß und in Handarbeit gefertigt – fünf bis sechs Stück schafft al-Nouar am Tag. "Der Hausbesitzer kommt und gibt mir den Auftrag. Dann fahre ich zu ihm und messe alles aus. Erst dann baue ich die Fenster", erklärt al-Nouar, während er sich in seiner kleinen Werkstatt eine Zigarette ansteckt. Es ist später Vormittag in Sana’a.

Bunte Fenster sorgen für kühle Zimmer

Durch die Tür der kleinen Qamariya-Werkstatt scheint die Sonne. Die Qamariya-Fenster sind die Antwort der Jemeniten auf die brütende Hitze in ihrem Land. Sie sind nicht nur Dekoration, sondern bunte Hitzeschilde. Sie lassen zwar Tageslicht ins Haus, direkte Sonnenstrahlen aber nicht. "So bleiben die Räume immer kühl und sind trotzdem nicht düster", erzählt Ghalib al-Nouar. "Und die bunten Qamariya-Fenster tauchen die Zimmer in ein verwunschenes Licht", sagt er und schaut auf den Boden. Zwischen harten Gipstropfen stehen Wassereimer, offene Gipssäcke. Zigarettenstummel. Zum Aufräumen kommt al-Nouar selten, er hat viel zu tun.

Qamariya Fenster im Jemen

Die Arbeit an einem Qamariya-Fenster verlangt Fingerspitzengefühl

Die kunstvoll geschwungenen Rahmen der Fenster werden aus Gips gefertigt, der im Innern mit Metallstreben verstärkt ist. Die Gips-Wasser-Mischung hat Ghalib al-Nouar schon am frühen Morgen angerührt und daraus ein 10 Zentimeter starkes und 70 mal 90 Zentimeter großes Gips-Brett gegossen: den Rohling für ein Fenster. Der lehnt nun an der Wand. In den noch weichen Gips hat al-Nouar bereits die Verzierungen eingeritzt. Das Fenster wird diesmal ein klassischer Halbkreis, von organisch geschwungenen Streben durchzogen. Mehr als 150 traditionelle Muster gibt es, hinzukommen die individuellen Kreationen der Qamariya-Hersteller. Mit den Jahren hat auch Ghalib al-Nouar unzählige Papierschablonen ausgeschnitten, als Vorlagen für seine Fensterformen.

Von der Gipsplatte zum verzierten Rahmen

Der Name Qamariya ist vom arabischen Wort für Mond abgeleitet. Vermutlich werden die Fenster so genannt, weil sie die Zimmer in ein mondscheinartiges Licht tauchen. Oder weil viele der Fenster die Form einer liegen Mondsichel haben. Für ein halbkreisförmiges Fenster verlangt Ghalib al-Nouar zwischen 3.000 und 8.000 jemenitische Rial, umgerechnet zwischen zehn und 25 Euro. Die Höhe des Preises hängt vom verwendeten Glas ab.

"Ich habe alles nur durch Zusehen gelernt"

Ghalib al-Nouars Mitarbeiter Muhammad zeichnet schon das nächste Fenster an. Er arbeitet seit sechs Jahren in Sana’a. "Alles was ich über die Qamariya-Fenster gelernt habe, hat mir Ghalib beigebracht. Ich bin mit Nichts in die Stadt gekommen und habe mir alles durch Zusehen angeeignet." Ghalib al-Nouar und Muhammad kommen aus demselben Dorf.

Auch in Neubauten werden die traditionellen Fenster eingebaut

DW / Benjamin Braden

Qamariya Fenster im Jemen

Muhammad geht auf die Straße und schleppt ein bereits fertig ausgekratztes und getrocknetes Fenster hinein. Bis zu drei Tage braucht ein Qamariya-Fenster, um auszuhärten.. "Jetzt bauen wir das Glas ein." Die letzten Arbeitsschritte sind für geübte Fensterbauer in einer halben Stunde erledigt. Und Muhammad ist geübt.

Billig-Stuck aus China macht Ghalib al-Nouar Sorgen Offiziell liegt die Arbeitslosigkeit im Jemen bei 11,5 Prozent, inoffiziell bei 30-40 Prozent. Die Qamariya-Hersteller sind davon nicht betroffen. Ihre Fenster sind das ganze Jahr über gefragt. Auch Neubauten schmücken sich meist mit den bunten Mosaiken. Doch hier und da sind in Sana’a Häuser zu sehen, die nur noch Aluminiumfenster haben. Das missfällt Ghalib al-Nouar. "Ich merke schon, dass viele Leute sparen müssen. Jedes Aluminiumfenster ohne Qamariya darüber heißt für mich: weniger Arbeit." Noch mehr Sorgen macht sich al-Nouar allerdings um sein zweites Standbein. Er arbeitet auch als Stuckateur. Seit aus China Stuck als Meterware angeboten wird, sieht es schlecht aus für Ghalib. „Den Billigstuck bauen zwei Männer in zwei Tagen in ein Haus ein, früher konnte ich ein paar Männer für einige Tage damit beschäftigen.“ Halb so teuer sei der Stuck aus Fernost, sagt er. Doch er hat noch nicht aufgegeben. „Das ist ganz schlechte Qualität. In fünf Jahren fällt der von der Decke, dann kommen die Leute zu mir zurück. Und: Billig-Qamariya-Fenster aus China, die gibt es glücklicherweise noch nicht“, lacht er.