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Kultur

Bunt, jung, phantasievoll

Ganz Deutschland ist begeistert von seiner jungen Nationalelf. Das Überraschende aber ist gar nicht so sehr der sportliche Erfolg - die Wahrnehmung der Mannschaft und das, was sie transportiert sei das eigentlich Neue.

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Seien wir ehrlich: Für den Fußball ist es auch ein Verlust. Früher, im Mittelalter des Fußballs, also bis 2006, galten deutsche Fußballmannschaften als Verkörperung eines irgendwie furchteinflößenden Landes, als Schurken, die mit hässlichem Gekicke den schön spielenden Mannschaften anderer Länder den Sieg stahlen. Irgendwie typisch Deutsch eben. „Deutsche Panzer“ seien die Spieler – und das gehörte noch zu den positiven Beschreibungen. Ein britischer Autor hat einmal geschrieben, dass eine Fußballweltmeisterschaft ohne Deutschland so etwas wäre wie "star wars" ohne Darth Vader. Darth Vader ist die allerböseste Figur eines amerikanischen Science-Fiction-Films. Und das wurde letztlich auch in Deutschland neidvoll so gesehen: Die anderen konnten dribbeln, die Deutschen

verteidigen und bestenfalls rennen.

Ramón García-Ziemsen

Ramón García-Ziemsen

Und auch die Identifikation mit der eigenen Mannschaft war eine andere: Die anderen freuten sich ausgelassen mit patriotischem Pathos, den Deutschen war das alles zu nationalistisch, ein entspannter Umgang mit nationalen Symbolen kaum denkbar. Und jetzt? Alles ist anders – der Schurke hat das Fach gewechselt, die Deutschen lieben ihre Mannschaft und auf den Straßen erleben wir einen fröhlichen, ungezwungenen Patriotismus.Wie konnte das passieren?

Der Spiegel des Landes?

Wenn Fußballnationalmannschaften wirklich der Spiegel eines Landes sind, dann gefällt den Deutschen, was sie da sehen: Da ist eine multikulturelle Truppe junger Menschen, mit familiären Wurzeln von Tunesien bis Ghana, von Polen bis zur Türkei. Die Welt-Presse zeigt sich erstaunt darüber, wie bunt und international Deutschland mittlerweile ist. Fast die Hälfte aller Deutscher Nationalspieler hat ausländische Wurzeln. Özil, Khedira, Boateng – das heute Normale einer Nationalmannschaft ist Alltag in Deutschland.

Und diese Mannschaft versucht phantasievoll zu sein, Heiterkeit und Lockerheit auszustrahlen – nicht unbedingt Begriffe für die Deutschland in der Welt steht. Da werden auch Fehler verziehen. Man will nicht immer perfekt sein, man will, um in der Fußballersprache zu bleiben, auch mal einen Elfmeter verschießen können, wie das der deutsche Spieler Lukas Podolski bei der WM getan hat. Die Gefahr der Überhöhung ist immer groß – trotzdem: Vielleicht ist auch das eine Erkenntnis über das Deutschland – es darf mal verlieren. Der Ball ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann.

Die armen Nachbarn

Eher traurig dagegen der Blick auf unsere großen Fußballnachbarn: In Italien schämt man sich ob der „Lahmen und Hinkenden“, die nichts Neues wagen würden. Der Zustand der Nationalmannschaft sei wie der des Landes. In Frankreich ist man schockiert über eine zerstrittenen Mannschaft, spricht nach der sportlichen von einer moralischen Niederlage. Die Mehrheit der Franzosen hatte sich das Aus ihrer Mannschaft in der Vorrunde gewünscht - und dann ja bekommen.

Es war auch das Sommermärchen 2006, die Weltmeisterschaft in Deutschland, die so bahnbrechende Erkenntnisse gebracht hat wie: In Deutschland kann die Sonne scheinen, die Deutschen können feiern und sogar lachen, und: Man ist ein guter Gastgeber. Plötzlich wurde Fahne gezeigt, Deutschland erlebte die Rückkehr nationaler Symbole über einen gesunden, nicht nach Nationalismus riechenden Patriotismus. Das war manchen, auch mir, manchmal schon zu viel, aber schließlich galt es da auch einiges nachzuholen. Schließlich war nach 1945 der Umgang mit nationalen Symbolen außerordentlich problematisch: Es war vielen fast unangenehm, die Hymne zu hören, die Haltung zur Nation und zu allem Nationalen war geprägt durch das, was die Deutschen im Nationalsozialismus verbrochen hatten.

Party-Patrioten

Wenn man heute auf die Straße schaut, ist die Deutschlandfahne zu einem beinahe modischem Accessoire geworden, komplett unpolitisch dabei, Ausdruck von Gemeinschaft. Man freut sich über eine konzentrierte und heitere Mannschaft, die phantasievoll den Ball nach vorne spielt, in der Spieler namens Cacau die Tore schießen.

Typisch Deutsch eben.

Autor: Ramón García-Ziemsen
Redaktion: Manfred Götzke