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Kultur

Bungee-Jumping für den Gaumen

Im Frankfurter Westend wird die Mahlzeit zur Mutprobe: Lars Obendorfer bietet an seiner Imbissbude Snack-Point die vielleicht schärfste Currywurst der Welt an.

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Nur scheinbar unschuldig -
die Currywurst

"Wir machen hier Bungee-Jumping für den Gaumen", sagt der 35-Jährige. Am 27. Mai lädt er zum zweiten so genannten Chili Contest ein. Gut 30 Teilnehmer essen dann "brutal scharfe" Chilisoßen im Wettkampf - vorher müssten sie aber einen Haftungsausschluss unterschreiben, sagt Obendorfer. Die Suche nach dem Kick beim Essen, das Austesten der Geschmacksnerven - betrieben von Sterne-Köchen, anderen Gourmets und Spezialisten - treibt hier wunderliche Blüten.

"Der Wirkstoff von Chili ist Capsaicin, von Pfeffer das verwandte Piperin", schreibt der Lebensmittelchemiker und Autor Udo Pollmer in seinem Buch "Prost Mahlzeit!". "Sie bringen den Mund zum Brennen und treiben uns die Tränen in die Augen. Was wir als Schärfe empfinden, ist in Wirklichkeit ein Schmerzeindruck. Durch die Schmerzen der Schärfe werden körpereigene Opiate freigesetzt, die so genannten Endorphine." Sie erzeugten Zufriedenheit und Glück. Deshalb seien einige Menschen regelrecht süchtig nach scharfem Essen, erklärt Pollmer.

Gaudi mit Überschätzungspotenzial

Currywurst mit Kick

Lange Wartezeiten an Obendorfers Imbissbude

Obendorfer in Frankfurt bestätigt das. "Scharf essen kann eine Gaudi sein. Hier wird viel gelacht. Manchmal kippen Kunden aber auch um, weil sie sich überschätzen." Trotzdem ist der Andrang riesig: Manche Kunden müssen mittags bis zu 45 Minuten auf die "Best Worscht in Town" warten.

Acht verschiedene Soßen bietet der Snack-Point an - von normalem Ketchup über Lemon Curry bis hin zu X-Mas, einer Weihnachtskreation mit Zimt und Koriander. Der Schärfegrad der jeweiligen Soße ist frei wählbar. Er geht von A (Curry mit einem Hauch EU-Chili) bis F (der so genannten Burning Injection). Anders ausgedrückt: von "leicht würzig" bis zu "tausend Mal schärfer als Tabasco". Von Stufe D an verlangt Obendorfer übrigens, dass der Kunde volljährig ist.

Die meisten geben auf

Schärfe wird nach den Worten des Lebensmittelwissenschaftlers der Uni Gießen, Hans Brückner, in Scoville-Einheiten gemessen. "Wilbur Scoville war ein Pharmazeut aus Detroit. 1912 war er der erste, der versucht hat, die Schärfe von Chilis vergleichend zu messen." Daraus seien die so genannten Scoville Heat Units (SHU) entstanden.

Bei der Messung geht es darum, Extrakte von Chili-Proben immer weiter zu verdünnen, bis keine Schärfe mehr auf der Zunge spürbar ist. "Das Extrakt der bekannten Sorte 'Tabasco' muss zum Beispiel im Verhältnis 1:120.000 verdünnt werden. Die Chili-Sorte 'Orange Habanero' hat hingegen 210.000 SHU." Das chemisch reine Capsaicin hat laut Brückner 16 Millionen SHU. Obendorfer sagt, dass seine schärfste Soße mehr als 600.000 SHU habe. Etwa sechs Kunden, vor allem Männer, probierten sie täglich. "Davon schaffen vielleicht zwei, sie aufzuessen. Der Rest gibt auf." (wga)

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