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Vertrauenskrise in der Bundeswehr

Bundeswehrverband: "Der Stachel sitzt tief"

Die Bundeswehr habe ein "echtes Problem" mit dem Fehlverhalten einzelner Soldaten, sagt Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. Der Bundeswehrverband antwortet: Das hat auch die Ministerin zu verantworten.

DW: Ministerin von der Leyen hat gesagt, die Bundeswehr habe ein "echtes Problem … der Haltung und der Führung vor Ort,  denn sonst hätten diese Fälle … nicht so lange unter der Oberfläche gehalten werden können". Was sagen Sie dazu?

Thomas Sohst: Ich glaube, dass diese Pauschalisierung nicht den Menschen, insbesondere dem Führungspersonal in der Bundeswehr, gerecht wird. Ja, es werden Fehler gemacht. In einem Betrieb von 250.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Soldaten und Zivilbeschäftigten passieren Fehler in der Einschätzung von Lagen, Situationen und so weiter. Daraus zu transportieren, dass wir ein generelles Problem hätten in der Bundeswehr, wirft ein falsches Licht auf diese Bundeswehr.

Frau von der Leyen ist seit dreieinhalb Jahren die zuständige Ministerin. Sie selbst hat gesagt: "Vielleicht hätte ich früher tiefer graben müssen, aber dafür muss man auch wissen, was vor Ort vor sich geht." Ist das eine gültige Erklärung?

Für sie selbst mag das eine Erklärung sein. Aus Sicht der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bundeswehr ist dies nicht ausreichend. Sie gehört zur Bundeswehr dazu; sie darf sich nicht auf die Tribüne setzen und sagen: "Ich guck mal, was meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unten auf dem Spielfeld machen". Und sie hat ausreichend Sensoren, die ihr deutlich machen müssen, wo es Probleme gibt. Diese Sensoren hat sie möglicherweise nicht ausreichend genutzt, aber das hat sie selbst zu vertreten.

Wir haben im Bereich des Zentrums "Innere Führung" einen gesonderten Bereich, der sich mit der inneren und sozialen Lage auseinandersetzt. Wir haben einen Beauftragten für Erziehung und Ausbildung, der unterwegs ist und sich die Dinge anguckt und auch präventiv tätig ist. Wir haben einen Beirat "Innere Führung", der von der Ministerin selbst eingesetzt worden ist. Dieser weist immer wieder darauf hin, wo Defizite im Bereich der Inneren Führung auftauchen. Haltungs- und Führungsprobleme sind Teil der "Inneren Führung". Der Beirat macht auch Vorschläge, wo man ansetzen kann, und wo man genauer hingucken muss.

Die Ministerin hat sicherlich recht, wenn sie sagt: All die Veränderungen innerhalb der Bundeswehr in den vergangenen fünf Jahren haben dazu beigetragen, dass Mitarbeiter der Bundeswehr an dem einen oder anderen Punkt die Orientierung verloren haben; man sich möglicherweise nicht ausreichend mit ihnen unterhalten hat, möglicherweise nicht ausreichend hingehört hat. Aber das haben nicht die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu verantworten.

Die "Innere Führung" ist ein Konzept, das so alt ist wie die Bundeswehr, also zur Geschäftsgrundlage der Bundeswehr gehört. Immer wieder haben einzelne Soldaten Probleme damit. Wie kommt das?

Das ist wie in jeder anderen Firma auch. Eine Unternehmenskultur muss immer wieder in Frage gestellt werden. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind aufgefordert, nicht nur diese Unternehmenskultur zu leben, sondern auch an der Fort- und Weiterentwicklung mitzuwirken. Und immer dann, wenn es Veränderungen in einem Unternehmen gibt, muss man darüber nachdenken, ob es auch Veränderungen in der Unternehmenskultur gibt. Das Prinzip der "Inneren Führung" hat immer wieder Nachbesserungs- und Anpassungsbedarf, und das ist auch in den letzten 60 Jahren passiert. Die Grundlagen sind die gleichen wie zu Beginn der Bundeswehr.

Sie haben die Bundeswehr mit einem Unternehmen verglichen. Dass es zwischen dem Management eines Unternehmens und den Interessensvertretern der Beschäftigten Meinungsverschiedenheiten gibt, ist normal. Ist die derzeitige Auseinandersetzung also ein normaler Vorgang?

Das, was zwischen den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und der Chefin - wenn wir es mal so definieren - passiert ist, geht über das, was normal ist, hinaus. Die Chefin, die sich bisher darum bemüht hat, Teil des Ganzen zu sein, hat sich ein Stück außerhalb gestellt. Ich will nicht unterstellen, dass sie das bewusst gemacht hat. Aber zumindest in der Wahrnehmung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist das so. Das ist nicht gut, das muss repariert und geheilt werden. Die Ministerin hat nach meiner Wahrnehmung erkannt, dass das nicht gut gelaufen ist, und befindet sich zur Zeit auf dem Weg, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Wie schnell das geht, bleibt abzuwarten. Aber der Stachel sitzt tief.

Oberstleutnant a.D. Thomas Sohst ist Landesvorsitzender West und Mitglied im Bundesvorstand des Deutschen Bundeswehrverbandes, einer Interessensvertretung der Angehörigen der Bundeswehr.

Das Interview führte Konstantin Klein.

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