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Kultur

Bundestagswahl: Reaktionen aus der Kultur

Die ersten Reaktionen auf das Wahlergebnis waren verhalten. Nun werden die Aussagen deutlicher. Die Reaktionen: Ein "hässlicher Tag für die parlamentarische Demokratie" und die "Stunde der Frauen".

"Nun können Rassisten und Rechtsextreme Mitarbeiter einstellen und mit Geld Themen besetzen", kommentiert Schriftsteller Moritz Rinke das Abschneiden der rechtspopulistischen "Alternative für Deutschland" (AfD). Den etablierten Parteien sei es nicht gelungen, ein neues gesellschaftliches Leitbild zu formulieren, das nicht Angst vor der Flüchtlingspolitik erzeuge, sondern Verständnis und Empathie. Der Autor des Bestsellers "Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel" erwartet nun viel Arbeit für den Bundestagspräsidenten - es sei ein hässlicher Tag für die parlamentarische Demokratie.

"Der Schock sitzt tief"

Regisseur Thomas Ostermeier (picture alliance/dpa/K. Schindler)

Regisseur Thomas Ostermeier ist schockiert

Noch drastischer kommentiert der künstlerische Leiter der Berliner Schaubühne, Thomas Ostermeier, das Ergebnis der Bundestagswahl: "Der Schock sitzt tief. Die AfD ist keine bürgerliche Partei, sondern eine rassistische, homophobe und in vielen Fällen auch frauenverachtende Partei." Die AfD-Wähler müsse man nun durch kluge Argumentation wieder zurückholen. 

"Unpolitischer Wahlkampf"

Richard David Precht (picture alliance/dpa/U. Baumgarten)

Für Richard David Precht war der Wahlkampf "unpolitisch"

Publizist und Philosoph Richard David Precht kritisiert den Wahlausgang als "Quittung für einen unpolitischen Wahlkampf". Dieser Vorwurf richte sich an die beiden großen Parteien, aber auch an die kleineren, sagte Precht. "Die großen Themen, die die Menschen beschäftigten, sind nicht wirklich Wahlkampfthemen gewesen: Zuwanderung, die ökologischen Folgen des Wirtschaftsmodells und die gewaltigen Umbrüche durch die Digitalisierung." Wenn sich die anderen Parteien weiterhin darum drückten, Utopien für eine zukünftige Gesellschaft zu entwerfen, dann werde das den rechtspopulistischen Parteien - insbesondere der AfD - weiterhin großen Auftrieb geben.

"Tiefgreifende kulturelle Verunsicherung"

Olaf Zimmermann, der Vorsitzende des Deutschen Kulturrats, fordert eine Aufarbeitung, wieso die AfD überhaupt so stark werden konnte:


Olaf Zimmermann, Vorsitzender des Deutschen Kulturats (Imago/R.Zensen)

Olaf Zimmermann findet deutliche Worte

Besonders einige Medien seien in den vergangenen Monaten "über jedes Stöckchen gesprungen, das ihnen die AfD hingehalten hat". Viele wichtige Themen hätten im Wahlkampf so gut wie gar keine Rolle gespielt. Dazu gehöre auch die Rolle der Kultur für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Integration. Der Vorsitzende des Deutschen Kulturrats führte das Wahlergebnis grundsätzlich auf eine "tiefgreifende kulturelle Verunsicherung" in der Gesellschaft zurück. 

"Jetzt schlägt die Stunde der Frauen"

Alice Schwarzer vor Titelbildern der Emma (picture-alliance/dpa/R. Scheidemann)

Alice Schwarzer ruft gegen die Vermachoisierung auf

Deutschlands bekannteste Feministin, die Journalistin Alice Schwarzer, sieht nach der Bundestagswahl die "Stunde der Frauen gekommen". Zum Wahlverhalten sagte sie: "Die haben nicht nur im Osten, sondern auch im Westen doppelt so häufig die AfD gewählt wie die Frauen." Jetzt, wo der Karren im Dreck stecke, würde die Stunde der Frauen schlagen. "Die müssen jetzt gegenhalten gegen die Verhetzung und Vermachoisierung der Republik."

"Wenig Einfluss" 

Kulturmanager Kaspar König, Kurator der "Skulptur Projekte Münster", zeigte sich auf Anfrage der DW "erschreckt" über das zweistellige Ergebnis der Rechtspopulisten. Sie hätten im Wahlkampf bewusst eine "unverhohlen rassistische Dumpfstimmung" geschürt, die er auch für Zerstörungen an Kunstwerken der Münsteraner Kunstschau verantwortlich macht.

Kaspar König (Foto: imago/Sven Simon)

Kaspar König beklagt die von AfD verbreitete "Dumpfstimmung"

So hatten Unbekannte eine Skulptur der US-Amerikanerin Nicole Eisenman enthauptet. Die Gipsfigur ist Teil der Installation "Sketch for a Fountain". Andere Werke wurden mit Hakenkreuzen beschmiert. "Da gibt es einen  klaren Zusammenhang", ist sich König sicher. Im Bundestag, prognostiziert er, werde "sich die AfD selbst zerlegen" und auf die Kulturpolitik im Lande wenig Einfluss nehmen können.

Staeck glaubt an einen Weckruf

"Enttäuscht" reagiert auch der Plakatkünstler Klaus Staeck  auf den Wahlausgang. Der frühere Präsident der Akademie der Künste in Berlin beklagt vor allem den Absturz der SPD, für die er sich noch im Wahlkampf stark gemacht hatte. Seinem Wahlaufruf in Zeitungsanzeigen waren prominente Kulturschaffende gefolgt, darunter die Schauspielerinnen Iris Berben, Katja Ebstein, der Schriftsteller Johanno Strasser oder auch der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann. 

Klaus Staeck (picture-alliance/dpa)

Klaus Staeck

Für die deutsche Kulturlandschaft rechnet Staeck jedoch kaum mit nennenswerten Veränderungen. "Die AfD mit ihrem absurden Geschichtsverständnis wird keine Koalitionspartner finden", sagte Staeck gegenüber der DW, "aber für die Kulturschaffenden im Lande ist dieses Ergebnis ein Weckruf!"

Als solchen versteht offenbar auch Carolin Emcke, Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels, das Abschneiden der AfD. Mehr noch: Sie befürchte "Schlimmstes", wenn sie die Sprachwahl von AfD-Vize Alexander Gauland höre, schrieb die Autorin noch am Wahlabend auf Twitter.

 

"Kultur litt am meisten unter den Nazis "

Rudolf Zwirner (Foto: picture-alliance/Tagesspiegel/T. Rückeis)

Galerist Rudolf Zwirner fürchtet den Kultur-Hass der AfD

"Kultur", glaubt der Kunstmarktexperte und Art Cologne-Gründer Rudolf Zwirner im DW-Interview, "ist für die AfD" überhaupt kein Thema. Zu nebulös seien die kulturpolitischen Vorstellungen der "Retropartei", die beim Wahlvolk mit einfachen, nationalistischen Ideen gepunktet habe. Das Abschneiden der Rechten habe seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt, ihr massiver Einzug in den Bundestag sei eine schlimme Nachricht: "Nie hat die Kultur so massiv gelitten wie unter den Nazis." Im Wahlkampf hatte Zwirner für die FDP geworben. Sollten die Liberalen in die Regierung eintreten, erhofft er sich eine Nachbesserung des von der Großen Koalition aus Union und SPD verabschiedeten Kulturgutschutzgesetzes.

Wahlaufrufe des Fotokünstler Tillmanns

Noch am Wahltag hatten zahlreiche Künstler und Kulturinstitutionen zum Urnengang aufgerufen, das Kölner Museum Ludwig ebenso wie die Elbphilharmonie in Hamburg. "Mach Dein Kreuz!" twitterte das neue Konzerthaus. Der deutsche Comedian Oliver Pocher postete ein Foto, auf dem er lächelnd eine Wahlwerbung der AfD in die Mülltonne wirft. Sein Kommentar: "Ich habe mich getraut!"

Nicht nur die Skulptur Projekte Münster posteten im Vorfeld der Bundestagswahl ein Motiv des deutschen Fotokünstlers Wolfgang Tillmans mit Aufrufen zum Urnengang, sondern auch zahlreiche Museen in Deutschland, wie das Städelmuseum in Frankfurt am Main.

Schon vor Tagen hatte der Turner-Preisträger Tillmanns eine Plakatserie entworfen und zur Weiterverbreitung in den Sozialen Medien angeboten. "Mach mit bei der Wahl. Sonst entscheiden andere für Dich." Oder: "Kein Bock auf Nationalismus. Für eine gemeinsame Zukunft in Europa", war darauf zu lesen. Zu seiner Motivation erklärte der in Berlin und London lebende Fotograf, der sich zuvor schon mit einer Plakataktion gegen den Brexit engagiert hatte: "Ich kann wohl keinen AfD-Wähler umstimmen, aber ich verspüre eine Bürgerpflicht, mich zu engagieren."

 

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