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Sport

Bundestag schließt Akte Pechstein

Kaum war die Doping-Sperre der Eisschnellläuferin abgelaufen, befasste sich der Sportausschuss mit dem Fall und erklärte ihn für abgeschlossen. Dabei ist die Geschichte ein Politikum, das längst noch nicht zu Ende ist.

Claudia Pechstein währemd eines Wettkampfs im schwarz-roten Rennanzug mit Schutzbrille und nach vorn gebeugtem Oberkörper. (Foto: Martin Schutt / dpa)

"Ich fühle mich wohl", sagte Claudia Pechstein auf ihrer ersten Pressekonferenz nach dem Ablauf der zweijährigen Dopingsperre. Passend zu diesem Gemütszustand endete die Krankschreibung der verbeamteten Bundespolizistin. Zum Dienst antreten wird die 38-jährige allerdings erst einmal nicht. Pechstein hat nämlich ihren Jahresurlaub genommen, um sich für das Weltcup-Finale in Heerenveen (4. bis 6. März) und die Einzelstrecken-Weltmeisterschaft in Inzell zu qualifizieren (10. bis 13. März).

Pechsteins Zukunftspläne, aber auch ihr Verhalten während der Doping-Sperre haben etliche Politiker im Sportausschuss des Deutschen Bundestages offenbar ins Grübeln gebracht. "Es ist seltsam, dass jemand, der so lange krank ist, die Zeit hat, ein Buch zu schreiben, Pressekonferenzen zu veranstalten, in Talkshows aufzutreten und an Inlineskater-Wettkämpfen teilzunehmen", wunderte sich der Sozialdemokrat Martin Gerster über die vielseitigen Aktivitäten der fünfmaligen Olympiasiegerin. Winfried Hermann von Bündnis 90 / Die Grünen wetterte, Pechstein sei ihrem Dienstherrn "auf der Nase herumgetanzt". Normale Beamte hätten sich das nicht leisten können, mutmaßte Hermann.

"Menschliche Komponente berücksichtigen"

Claudia Pechstein zieht sich, auf einer Bank in einer Eissporthalle sitzend, ihre Schlittschuhe an. Im Hintergrund stehen andere Sportler an Polster gelehnt, die Eisschnelläufer bei Stürzen vor Verletzungen schützen sollen. (Foto: Herbert Knosowski / AP)

Das Warten hat ein Ende - Claudia Pechstein darf wieder bei Wettkämpfen starten, aber nicht bei allen.

Unterstützung in der Sache erhielt die Berliner Eisschnellläuferin vor allem vom Linken-Abgeordneten Jens Petermann. Die im Februar 2009 von der Internationalen Eislaufunion (ISU) verhängte Doping-Sperre bezeichnete er als "sehr fragwürdig". Außergewöhnlich war die bis heute umstrittene Entscheidung in der Tat, weil Claudia Pechstein niemals des Dopings überführt und die Sperre lediglich aufgrund erhöhter Blutwerte ausgesprochen wurde. Dieser sogenannte "indirekte Beweis" hinterlässt auch beim Christdemokraten Klaus Riegert einen "schalen Nachgeschmack".

Er würde die Sperre "nicht öffentlich verteidigen", sagte Riegert in der öffentlichen Anhörung des Sportausschusses. Man müsse auch die "menschliche Komponente" berücksichtigen, meinte der CDU-Politiker. Allerdings machte er sich nicht die Aufforderung seinen Kollegen Petermann von den Linken zu eigen, der das Gremium aufforderte eine gesellschaftliche Stimmung zu befördern, "um Claudia Pechstein zu rehabilitieren". Das sei nun wirklich nicht die Aufgabe der Politik, waren sich die anderen Mitglieder des Ausschusses einig.

Staatssekretär: "Entscheidung nicht leicht gemacht"

Portrait-Bild Christoph Bergners. (Foto: Jens Wolf)

Christoph Bergner (CDU)

Ausdrücklich lobte die Mehrheit die Entscheidung von Bundesinnenminister Thomas de Maizière, die bald 39-jährige Eisschnellläuferin nicht wieder in die Sport-Fördergruppe der Bundespolizei aufzunehmen. Man habe sich die Entscheidung "nicht leicht gemacht", sagte Staatssekretär Christoph Bergner als Vertreter des Innenministeriums mehrmals. Einerseits sollten mit den begrenzten Fördermitteln junge Talente unterstützt werden, zum anderen habe Claudia Pechstein aufgrund der sogenannten "Osaka-Regel" keine Olympia-Chance mehr, erläuterte Bergner. Demnach zieht eine mindestens sechsmonatige Doping-Sperre einen Ausschluss von den nächsten zwei Winter-Spielen nach sich.

Pechstein und ihr Umfeld träumen trotzdem weiter von einem Start in Sotschi 2014. Mit Hilfe einer Petition soll das Internationale Olympische Komitee (IOC) zu einer Ausnahme-Regelung bewogen werden. Hauptargument ist eine von mehreren Medizinern beglaubigte angeborene Anomalie, die Ursache für Pechsteins immer wieder auftretende überhöhte Blut-Werte sein soll. Darunter litten nach Angaben des Hämatologen Winfried Gassmann allein in Deutschland mehr als 200 000 Menschen.

Hoffen auf den Gerichtshof für Menschenrechte

Der Präsident der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG), Gerd Heinze, hält Pechsteins Vorstoß für erfolgversprechend. Beim IOC sei man "intelligent genug", diesen Einzelfall zu prüfen, sagte Heinze unter Verweis auf den fehlenden direkten Doping-Beweis. Sollte das Start-Verbot aufrecht erhalten bleiben, will die erfolgreichste deutsche Winter-Olympionikin nochmals den Internationalen Sportgerichtshof (CAS) einschalten, der die gegen sie verhängte Doping-Sperre für rechtens erklärt hatte. Unabhängig davon will Claudia Pechstein vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg um ihre Rehabilitation kämpfen.

Das nächste sportliche Ziel will die Berlinerin am 12. Februar in Erfurt erreichen. Sollte sie auf ihrer Parade-Strecke über 3000 Meter eine Zeit von 4:15 Minuten oder schneller laufen, dürfte sie eine Woche später beim Weltcup in Salt Lake City an den Start gehen. Und dort hätte sie die Chance, sich für die Einzelstrecken-WM im März in Inzell zu qualifizieren. Claudia Pechstein hat eine Menge vor, sowohl auf Kufen als auch außerhalb des Eis-Ovals.

Autor: Marcel Fürstenau
Redaktion: Sarah Faupel