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Wirtschaft

Bundesregierung drängt auf Smart Grids

Europäische Stromtransits und erneuerbare Energien drohen die deutschen Stromnetze zu überfordern. Ein Ausbau ist dringend nötig. Doch ohne ein schlüssiges Energiekonzept aus Berlin will keiner den ersten Schritt wagen.

Ein Strommast vor der tief stehenden Sonne (Foto: apn)

Das deutsche Stromnetz ist bald hoffnungslos überfordert

Windräder vor dunklen Regenwolken nahe dem brandenburgischen Jacobsdorf (Foto: dpa)

Jeden Tag müsste ein neues Windrad ans Netz

Der Paragraph 13 des deutschen Energiewirtschaftsgesetzes ist so etwas wie ein Notstandsgesetz für die Betreiber von Stromnetzen. Er findet Anwendung, wenn es einen Überschuss an elektrischer Energie gibt. Das sei wegen der wachsenden Zahl an Windparks immer häufiger der Fall, sagt Wilfried Fischer vom Stromerzeuger Vattenfall. "Wenn es Starkwind gibt und aus der Erzeugung der Windenergie viel Strom eingespeist wird und gleichzeitig in den fünf neuen Bundesländern wenig Strom verbraucht wird, haben wir einen extremen Überschuss an Windenergie, der abtransportiert werden muss. Das schafft uns immer wieder Probleme an den Stromleitungen. Vor allem eine spezielle Leitung, die von Thüringen nach Bayern führt, ist dann hoffnungslos überlastet."

Rund 150 Mal musste allein Vattenfall im vergangenen Jahr Windparks drosseln oder sogar ganz abschalten, weil es sonst zu erheblichen Sicherheitsrisiken gekommen wäre. Das bestehende Leitungsnetz stammt aus einer Zeit, als Strom in Kraftwerken nach Bedarf erzeugt wurde. Im Zeitalter von Wind-, Wasser- und Sonnenenergie mit schwankendem Ertrag ist das anders, sagt auch Joachim Schneider, Präsident des VDE, des Verbandes der Elektrotechnik. "Das Netz wurde immer als etwas angesehen, was da ist und was sowieso alles leistet. Aber jetzt kommt man doch mehr und mehr zu der Erkenntnis, dass das Netz mal für eine andere Struktur entwickelt und gebaut worden ist."

Ohne Netz kein Strom

Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einem Besuch des Kernkraftwerks in Lingen, Niedersachsen (Foto: apn)

Kanzlerin Merkel auf Energiereise: "Große Widerstände"

Es sei inzwischen klar, dass ohne einen Ausbau der Netze die Wende zu einer ökologischen Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien nicht zu machen sei, denn ohne Netz komme der Strom nicht zum Verbraucher, sagt Schneider. Die meisten dieser Verbraucher befinden sich allerdings im Westen und Süden Deutschlands, während die meisten Windkraftwerke im Norden stehen. Dazu kommt, dass Deutschland auch beim Strom mittlerweile das Transitland Nummer eins in Europa ist. Es müsse daher überlegt werden, so Schneider, ein großes Zusatznetz über das Land zu legen. Die neue Technik könnte mit höherer Spannung arbeiten, wäre also leistungsfähiger. Die Masten wären dann aber 70 statt 54 Meter hoch und 46 Meter statt 28 Meter breit. Die Trassen wären entsprechend breiter.

Erneuerbare Energien über große Entfernungen zu transportieren war in Europa bisher kein Thema. In anderen Wirtschaftsräumen, zum Beispiel in Südamerika oder in China, habe man schon vor Jahrzehnten angefangen, die Netze so auszubauen, dass große Leistungen über große Entfernungen transportiert werden. In Deutschland hingegen sind bislang nicht einmal zehn Prozent der neuen Hochspannungsleitungen gebaut worden. Das hat viele Ursachen, angefangen von den Kosten über die Reaktion von Anwohnern, wenn eine neue Freilandleitung gebaut werden soll, bis hin zu fehlenden politischen Rahmenbedingungen und bürokratischen Hindernissen.

Risiken und Nebenwirkungen

Ein Mann vor Computerbildschirmen der Strombörse Leipzig (Foto: dpa)

Strombörse Leipzig: Deutschland wird zum Strom- Transitland

Schätzungen gehen davon aus, dass der Umbau zu einem zukunftsfähigen Stromnetz, das nicht nur auf die Erfordernisse der erneuerbaren Energien, sondern auch auf den wachsenden europäischen Stromhandel ausgelegt wäre, in den nächsten zehn Jahren 20 Milliarden Euro kosten würde. Das sei eine Menge Geld für ein Energieunternehmen, sagt Joachim Schneider - und ein Risiko, das belohnt werden müsse. Finanzielle Anreize fehlen aber bislang, genauso wie ein schlüssiges politisches Energiekonzept. Zwar erklärte die Bundeskanzlerin jüngst auf ihrer sogenannten Energiereise, sie sei betrübt, dass noch so viele Widerstände in der Frage des Netzausbaus auftreten würden, Lösungsvorschläge hielt sie indes nicht bereit. Auch im Bundesumweltministerium hält man sich bedeckt.

Auf einer Energiekonferenz in Berlin erklärte Staatssekretärin Katherina Reiche Anfang September lediglich, dass es zum jetzigen Zeitpunkt kein konkretes und vor allem kein abgestimmtes Paket von Förderung, von Regulierung und von Anreizsystemen gebe. "Es muss sich lohnen, das ist wahr. Es wird aber keine komplette Absicherung aller Risiken geben. Aber ein Anreiz zum Investieren muss da sein. Den Punkt sehen wir, in der Tat."

Der Bundesregierung läuft die Zeit davon. Rein rechnerisch müsste jeden Tag eine Windturbine ans Netz gehen, um das Ziel zu erreichen, bis zum Jahr 2050 zwei Drittel des Strombedarfs aus erneuerbaren Energien zu speisen. Die Realität sieht anders aus. Das liegt auch am Widerstand der Bevölkerung. Eine Studie der Deutschen Umwelthilfe ergab, dass die Bürger strikt gegen neue Strommasten sind, wenn sie vor ihrer eigenen Tür stehen sollen. Dieser Widerstand, so warnte die Kanzlerin auf ihrer Energiereise, könne sich zu einem ernsten Hindernis entwickeln. Es müsse eine "nationale Bereitschaft" geben, den Ausbau der Infrastruktur zuzulassen, so Angela Merkel. Doch davon ist Deutschland derzeit noch weit entfernt.

Autorin: Sabine Kinkartz

Redaktion: Rolf Wenkel