Bundespräsident Steinmeier in Ghana und Gambia | Afrika | DW | 15.12.2017
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Diplomatie

Bundespräsident Steinmeier in Ghana und Gambia

Trotz heikler Regierungsbildung in Berlin ist Bundespräsident Steinmeier nach Ghana und Gambia gereist. Dort wollte er ein Zeichen gegen illegale Einwanderung nach Deutschland setzen. Claus Stäcker berichtet.

Video ansehen 02:39
Jetzt live
02:39 Min.

Bundespräsident Steinmeier in Gambia

So sehr sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auch bemühte, seine Reise nach Ghana und Gambia in einen größeren Kontext von Demokratie und wirtschaftlicher Entwicklung zu stellen - das Thema Migration holte ihn immer wieder ein, in Gambia sogar auf höchster Ebene: Präsident Adama Barrow ist selbst ein Rückkehrer, einst unerwünscht in Deutschland. Als 22-Jähriger war er 1988 - angelockt durch die die angeblichen Erfolgsgeschichten seiner Freunde und Cousins - nach Europa gekommen. Wie alle jungen Leute habe er geglaubt, dass in Deutschland das Geld an Bäumen wachse, erinnert sich Barrow.

Sein Asylantrag in Karlsruhe wurde abgelehnt, Barrow in die Heimat abgeschoben. Eine Welt sei damals zusammengebrochen, erzählt der Staatschef vor jungen Leuten im Berufsbildungszentrum GTTI in der Hauptstadt Banjul zum ersten Mal öffentlich. Aber er habe nicht aufgegeben. Er habe seinen Glauben zurückgewonnen und Gambia zu seinem Deutschland, zu seinem Europa, zu seinem Amerika gemacht: "Wenn du einmal diese Überzeugung gewonnen hast, dass du es in deinem eigenen Land schaffen kannst, dann wird dich nichts aufhalten, dann wird es keine mehr Grenzen geben. Lasst uns dieser Überzeugung folgen, dann werden wir als Land vorankommen. Daran glaube ich, und das ist meine Botschaft."

Auswanderung aus Gambia noch nicht gestoppt  

Erst im Januar hat Barrow nach 22 Jahren Diktatur mit einer Sieben-Parteien-Allianz die demokratische Wende eingeleitet. Und nun steht er plötzlich als lebendes Symbol für eine erfolgreiche Rückkehr vor den jungen Leuten, von denen viele nur ans Weggehen denken. Mustafa Sallah ist von der unerwarteten Ansprache beeindruckt. Er ist ein Rückkehrer wie Barrow. In der Sahara wäre der 26-Jährige dieses Jahr fast verdurstet. Er schaffte es bis ans Mittelmeer, wartete nur noch auf besseres Wetter für die Überfahrt. Der IT-Spezialist und Grafikdesigner dachte, jede Uni in Deutschland würde ihn nehmen und ihm ein Stipendium geben. Aber dann wurde er in Tripolis festgenommen, verbrachte mehrere Wochen im Gefängnis, hörte all die Horrorgeschichten der anderen.

Hätte er die ganze Wahrheit über die Strapazen  gewusst, sagt Mustafa heute, wäre er nicht gegangen. Deshalb wolle er nun alles dran setzen, andere Jugendliche von dem gefährlichen Weg abzuhalten. "Wir haben es doch am eigenen Leib erlebt, deshalb werden sie uns zuhören. Wenn ich so jemanden vorher gekannt hätte, hätte ich jedenfalls nicht mein Leben riskiert".

Mit einer Gruppe anderer Rückkehrer gründete Mustafa den Verein "Jugend gegen irreguläre Migration" und möchte von Schule zu Schule ziehen. Bezahlt wird er dafür nicht. Mustafa hat - wie 70 Prozent seiner Altersgenossen - kein offizielles Einkommen. Noch immer zieht es deshalb Tausende in den Norden, politische Wende hin oder her. 8.000 Gambier allein in diesem Jahr - gemessen an der kleinen Bevölkerungszahl von knapp zwei Millionen noch immer der höchste Anteil afrikaweit.

Afrika Bundespräsident Steinmeier in Gambia (picture alliance/dpa/B. v. Jutrczenka)

Bundespräsident Steinmeier ermutigt die gambischen Gastgeber zum Aufbruch - ohne illegale Migration

Steinmeier wirbt für „afrikanische Lösungen"

Gambia wartet auf Signale der neuen Regierung, auf den "Nationalen Entwicklungsplan", mit dem im Januar auf einer Geberkonferenz die Unterstützung der Europäischen Union gewonnen werden soll. Das ist es, was Bundespräsident Steinmeier immer wieder betont, ob in Ghana oder Gambia: Ohne Eigenanteil wird es nicht gehen. "Wir glauben nicht, dass wir als Europäer die Antworten auf Afrikas Herausforderungen haben. Ich glaube, nur afrikanische Lösungen können am Ende den Kontinent voranbringen." 

Historischer Staatsbesuch

Dass Steinmeier als erster deutscher Präsident Gambia besucht, das kleinste Land Afrikas, wird dort als "historisch" eingestuft. Die Gambier jubeln und winken, und es wirkt ehrlich. Viele fühlen sich nach den "verlorenen Jahrzehnten", wie sie sagen, in ihrem mühevollen Neuanfang bestärkt. Der Papierwarenhändler Sani Muchawa sagt, er sei begeistert, dass der Präsident einer Nation wie Deutschland nach Gambia komme, das sei ein Schritt in die richtige Richtung. Denn Gambia brauche in vielen Bereichen Hilfe.

Er sei so glücklich, schwärmt der Taxifahrer Modu Jalloh, das werde die kleine Nation beflügeln: "Wir brauchen Leute wie ihn, die Investitionen herbringen und Arbeitsplätze schaffen, Schritt für Schritt." Dieser Besuch werde dem Land hundertprozentig helfen, pflichtet ihm der Zeitungsverkäufer Fadab Omas bei, dessen Blätter viel besser gehen, seit wieder Pressefreiheit herrscht. "Deutschland hat die Kapazität, uns voranzubringen."

Afrika Bundespräsident Steinmeier in Gambia (picture alliance/dpa/B. v. Jutrczenka)

Frank-Walter Steinmeier ist der Bundespräsident, der Gambia besucht hat

Hohe Erwartungen

Entsprechend hoch sind die Erwartungen an die deutsche Delegation, der auch 18 hochrangige Wirtschaftsvertreter angehören. Mit dem viel größeren und rohstoffreicheren Ghana wurde eine Reformpartnerschaft vereinbart. Viele Unternehmer sehen das als klassische Entwicklungshilfe. 100 Millionen Euro als Kredite zur Anschaffung von Solaranlagen - in China hergestellt, bemerkt einer zynisch. Ein Investitionsförderprogramm sei das weder für deutsche noch für afrikanische Unternehmen.

Für das ungleich kleinere Gambia sehen die Unternehmer vor allem im Energiebereich Chancen. Viele sind eher positiv überrascht von dem Land im Umbruch, dessen politische Verhältnisse noch fragil sind. Relativ spontan wurden Arbeitsgruppen in fünf Kernbereichen gegründet, die im Schnellgang vorangetrieben werden könnten - wenn beide Regierungen mitmachen. Einige deutsche Firmen haben offenbar Lust bekommen, statt immer neuer großer Abkommen lieber Nischenmärkte wie Gambia voranzutreiben.

Für das Land, dessen Tiefseehafen in einem Jahr so viel umschlägt wie Hamburg an einem Tag, bedeuten schon diese Absichtserklärungen viel. Der Rückkehrer Mustafa Sallah fühlt sich jedenfalls regelrecht beflügelt. Er glaube, dass sich die beiden Präsidenten ernsthaft engagierten für eine bessere Zukunft der jungen Generation in Gambia. "Unser Präsident war einer von uns. Ein Opfer der irregulären Migration, so wie ich. Wer weiß, vielleicht bin ich in 20 Jahren auch Präsident dieses Landes."

Audio und Video zum Thema