1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Politik & Gesellschaft

Bundespräsident in der Bredouille

Bundespräsident Wulff gerät in der Affäre um seinen Hauskredit weiter unter Druck. Die "Bild"-Zeitung bestätigte jetzt, dass er mit Drohungen versucht habe, erste Veröffentlichungen über den Vorgang zu verhindern.

Bundespräsident Wulff (Foto: dapd)

Viele offene Fragen: Bundespräsident Wulff muss sich erklären

Ein guter Rutsch ins neue Jahr sieht anders aus. Kaum zwei Tage ist es alt, und Bundespräsident Christian Wulff gerät immer tiefer in Bedrängnis. Die "Bild"-Zeitung bestätigte am Montag (02.01.2012) Medienberichte, wonach sich Wulff persönlich beim Chefredakteur Kai Diekmann bemüht habe, einen Bericht des Blattes über einen Privatkredit für sein Eigenheim zu verhindern.

Diekmann sei auf Dienstreise in New York gewesen. Deshalb habe Wulff auf seine Mailbox gesprochen. "Der Bundespräsident zeigte sich darin empört über die Recherchen zu dem Hauskredit und drohte unter anderem mit strafrechtlichen Konsequenzen für den verantwortlichen Redakteur", heißt es in einem vorab veröffentlichten Beitrag für die Dienstagausgabe des Blattes.

Der Bundespräsident wütet am Telefon

'Bild'-Chefredakteur Kai Diekmann (Foto: dpa)

Lies sich nicht beeinflussen: Chefredakteur der "Bild"-Zeitung, Kai Diekmann

Die "Süddeutsche Zeitung" und die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" hatten zuvor berichtet, in dem Telefonat habe Wulff mit dem endgültigen Bruch mit dem Springer-Verlag gedroht, sollte der Bericht dennoch erscheinen. Von einer "unglaubliche Geschichte", von "Krieg führen" sei die Rede gewesen und davon, dass der "Rubikon" überschritten sei.

Bei diesem Anruf ist es nicht geblieben. Wulff habe auch beim Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer AG, Mathias Döpfner, in dessen Verlag die "Bild"-Zeitung erscheint, interveniert, teilte der Konzern in Berlin mit. Der Konzernchef habe ihm aber in knapper Form beschieden, sich nicht in die Belange der Redaktion einmischen zu wollen. Laut einem Bericht von "Cicero online" hat Wulff auch bei Springer-Mehrheitsaktionärin Friede Springer angerufen. Ein Springer-Sprecher sagte jedoch auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa: "Dazu ist uns nichts bekannt."

Wulff war eingeweiht

Springer-Hochhaus (Foto: AP)

Auch hier fand Wulff kein Gehör: die Zentrale des Axel-Springer-Verlages in Berlin

Die "Bild"-Zeitung hatte am Montagmorgen noch jede Stellungnahme abgelehnt. Wulff habe sich zwei Tage später für Ton und Inhalt seines Anrufs entschuldigt. Da waren erste Berichte über seinen 500.000 Euro-Kredit bereits erschienen.

Wie das Boulevardblatt weiter mitteilte, sei dem Bundespräsidenten vor der Veröffentlichung des Berichts Gelegenheit zu einer ausführlichen Stellungnahme gegeben worden. Wulff habe diese zunächst abgegeben, aber am 12. Dezember kurz vor Redaktionsschluss zurückgezogen.

Aufklärung gefordert

DJV-Chef Konken (Foto: dpa)

Erinnert an das Recht auf freie Berichterstattung: DJV-Chef Michael Konken

Die Drohanrufe des Bundespräsidenten sorgten derweil für Empörung. Die SPD-Bundestagsfraktion forderte eine "persönliche Erklärung" zu den umstrittenen Telefonaten. Es wäre "unwürdig", wenn der Bundespräsident tatsächlich auf diese Art versucht haben sollte, kritische Berichterstattung zu verhindern, sagte Fraktionsvize Hubertus Heil. Die Bundesgeschäftsführerin der Grünen, Steffi Lemke, sagte: "Das alles ist nicht schön, und es beschädigt ihn als Person und das Amt".

Kritik kam auch vom Deutschen Journalistenverband. Prominente müssten sich kritische Berichterstattung als Teil der Meinungsäußerung gefallen lassen, sagte der Vorsitzende Michael Konken. Der Deutsche Presserat nannte Wulffs Vorgehen bedenklich.

Knappe Reaktion des Präsidialamtes

Schloss Bellevue (Foto: AP)

Der Bundespräsident schweigt

Das Bundespräsidialamt reagierte lediglich mit einer knappen Stellungnahme. "Die Presse- und Rundfunkfreiheit ist für den Bundespräsidenten ein hohes Gut. Über Vieraugengespräche und Telefonate gibt der Bundespräsident grundsätzlich keine Auskunft."

Kenner der Szene im Bundesland Niedersachsen erinnern sich, dass Wulff als Oppositionsführer in Hannover und später als Ministerpräsident die ihn betreffende Berichterstattung sehr genau verfolgt hat. Über unliebsame Artikel habe er sich schon mal telefonisch beschwert.

Autor: Gerhard M Friese (dpa, afp, dapd, rtr, epd)

Redaktion: Pia Gram

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema