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Ostmitteleuropa

Bumerang der Geschichte

Die deutsche Vergangenheit in deutschen Schulbüchern einst und jetzt

Warschau, POLITYKA Nr. 20/2004, poln.

Die Mehrheit der Deutschen ist der Meinung, die Opfer des Zweiten Weltkriegs, das seien sie. Woher kommt diese, für die Polen so schockierende Überzeugung? Die Spur führt auch zu den Schulbüchern.

EWA NASALSKA

Die Inhaltsanalyse von mehr als 30 gängigen Geschichtsbüchern in der DDR, der BRD und jetzt im vereinigten Deutschland, aus denen die heute Sechzigjährigen und die nachfolgenden jüngeren Generationen bis zu den Über-Zwanzig-Jährigen ihr Wissen bezogen, zeigt, dass die Deutschen darin vor allem als Opfer und nicht als Verursacher der im Zweiten Weltkrieg begangenen Verbrechen dargestellt worden sind.

Schulbücher in der DDR

Dem Entstehen des sozialistischen deutschen Staates lag die These von seinen antifaschistischen Wurzeln zugrunde. Nach diesem Mythos waren die Naziverbrecher auf der anderen Seite der Grenze, unter den Westdeutschen, zu finden. Die DDR-Bürger galten offiziell als Opfer des Faschismus. Die Frage der deutschen Verantwortung für die Kriegsverbrechen wurde auf der Grundlage der marxistischen Theorie des Klassenkampfes behandelt. Ein Beispiel dafür ist eine Passage aus einem Schulbuch aus dem Jahre 1952 für die achte Klasse: "Die Hauptschuldigen an all dem Grauen und an den Zerstörungen, die Deutschland der Welt und schließlich sich selbst bereitet hat, waren die Kapitalisten (...). Auf Anregung der Kapitalisten hat die Nazi-Partei Deutschland in den Krieg geführt, das Volk belogen, betrogen und terrorisiert, um seinen Friedenswillen zu zerstören." [Rückübersetzung aus dem Polnischen von MD] Eine solche Interpretation hielt sich bis Ende der achtziger Jahre.

Im Bewusstsein der Jugend wurde also die Überzeugung genährt, dass die Deutschen als Volk nicht nur für den Zweiten Weltkrieg nicht verantwortlich sind, sondern dass sie auch dessen Opfer sind. Ein auf diese Weise gebildetes kollektives Gedächtnis befreite die Deutschen aus der DDR von der Verantwortung für die nationalsozialistischen Verbrechen.

Schulbücher in Westdeutschland

Durch die westdeutschen Schulbücher, insbesondere die bis Ende der sechziger Jahre, zieht sich immer wieder "das betrogene deutsche Volk" wie ein roter Faden. Während in der DDR vor allem "der antagonistischen Gesellschaftsklasse" die Schuld gegeben wurde, wies man in der BRD die Rolle des Schuldigen einer kleinen Gruppe von Naziführern zu.

In den fünfziger Jahren wurde die Frage der Verantwortung für die Kriegsverbrechen vor allem aus dem Blickwinkel der Verluste dargestellt, die die deutsche Zivilbevölkerung in Folge des Krieges erlitten hatte. Die fleißigen Schüler konnten gar den Eindruck gewinnen, dass es das Schuldproblem gar nicht gäbe, wenn die Deutschen diesen Krieg gewonnen hätten und vor allem wenn das deutsche Volk keine Verluste erlitten hätte. Charakteristisch ist folgende Passage aus einem Schulbuch aus dem Jahre 1957 ("Geschichtliches Werden"): "Die Opfer, die das deutsche Volk in dem von Hitler verursachten Krieg bringen musste, waren schrecklich (...). Für die Wirtschaft war urbarer Boden im Osten verloren (...). Millionen Kriegsgefangene blieben in der Hand der Sieger." [Rückübersetzung aus dem Polnischen von MD].

Die Verantwortung, die Einzelnen zugeschrieben wurde, befreite das ganze Volk vom Schuldgefühl. Das Hervorheben des von der Führung betrogenen Volkes war auch die Antwort auf Vorwürfe seitens anderer Staaten. In dem mehrfach neu aufgelegten Schulbuch "Deutsche Geschichte" nehmen die Autoren Stellung zu diesen Vorwürfen, indem sie die Entstehung des Dritten Reiches auf eine besondere "Verflechtung von Umständen" zurückführen.

Im Jahre 1960 erschütterte der deutsche Philosoph Karl Jaspers die öffentliche Meinung durch eine Äußerung, in der er die Teilung Deutschlands als gerechte Strafe für die Herbeiführung des Krieges bezeichnete und die Schuld für das Geschehene den Deutschen selbst gab. Diese Äußerung war der Beginn der Offenlegung der Wahrheit über die Verbrechen des Dritten Reiches. Der Meinung, die Deutschen seien die Opfer des Nationalsozialismus gewesen wurde die Feststellung der Tatsache entgegengesetzt, dass sie vor allem ihn in die Praxis umgesetzt haben. Es war aber ein langwieriger Prozess. Noch in den siebziger Jahren fand die Ansicht, alle Deutschen seien an den Verbrechen schuld, in den meisten Schulbüchern keine Widerspiegelung. Ihre Autoren bedienten sich nach wie vor einer rhetorischen Strategie, die das betrogene deutsche Volk in den Vordergrund stellt.

Das Argument, dass die einfachen Deutschen vom Schuldgefühl befreien soll, ist erstens das Unwissen und zweitens die Tatsache, dass sie sich zwar in Massen Hitlers Befehlen untergeordnet haben, dies aber ohne Enthusiasmus getan haben. Das demonstriert beispielsweise eine Passage aus dem Schulbuch "Zeiten und Menschen" vom Jahre 1978.: "Anders als 1914 gab es beim deutschen Volk keinen Kriegsenthusiasmus, man war auch nicht gegen die Führung, deren Politik, die zum Krieg führte, von der Mehrheit nicht verstanden wurde". (Rückübersetzung aus dem Polnischen von MD) Diese Feststellung entspricht nach geschichtlichen Quellen der Wahrheit. In Deutschland gab es keine Euphorie wegen des Kriegsbeginns gegen Polen, Proteste gab es aber nur sporadisch.

In den siebziger Jahren wird die These vom betrogenen deutschen Volk jedoch allmählich an die Behauptung geknüpft, die meisten Deutschen hätten ihren Anteil an den Naziverbrechen. Zum Beispiel: "Es lässt sich nicht leugnen, dass das deutsche Volk in seiner Mehrheit sich von Hitlers Versprechen blenden ließ und tatenlos zusah, wie das Recht mit Füßen getreten wurde." ("Geschichte", 1973).(Rückübersetzung aus dem Polnischen von MD).

Die Haltung zum Nationalsozialismus wird auch bei der Behandlung des Nürnberger Prozesses deutlich. Er wurde als Versuch der Siegesjustiz gedeutet. Ein Beispiel ist folgende Passage aus dem Schulbuch "Damals und heute" (1977), in dem den Siegermächten vorgeworfen wird, nur über "Kriegsverbrechen der Besiegten" zu urteilen, was "daran zweifeln lässt, dass der Nürnberger Prozess die damaligen Erwartungen erfüllt hat". (Rückübersetzung aus dem Polnischen von MD). In Veröffentlichungen aus jener Zeit ist oft zu lesen, Urteile über die Deutschen seien ungerecht gewesen, da sie nach von den Siegermächten diktierten Kriterien gesprochen worden seien. Eine solche Strategie hätte zur Relativierung der deutschen Verbrechen im Bewusstsein der jungen Generation führen können.

In den achtziger Jahren nahm das Interesse der westdeutschen Öffentlichkeit an der neuesten Geschichte zu. Ausdruck davon und teilweise auch der Grund dafür war der so genannte Historikerstreit. Die Diskussion begann mit einem 1986 publizierten Artikel von Ernst Nolte und der polemischen Antwort von Jürgen Habermas. Nolte stellte die These auf, die Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten sei zum großen Teil das Ergebnis des Gefühls der Bedrohung durch die Bolschewiken gewesen. Besonders lebhaft wurde die Forderung diskutiert, den Nationalsozialismus mit dem Stalinismus zu vergleichen, die als Versuch angesehen wurde, die deutschen Verbrechen zu relativieren. Die Haltung Noltes stieß auf scharfe Kritik der meisten deutschen Historiker. Habermas warnte vor einem Bruch in der Kontinuität der deutschen Kultur, die "ohne die Übernahme der Verantwortung für jene Zeit, in der Auschwitz möglich war", nicht aufrechtzuerhalten ist.

Schulbücher im vereinigten Deutschland

Das westdeutsche Schulsystem wurde an die Bildungsstrukturen der alten Länder angepasst. Gleichzeitig wurde eine Reihe von Empfehlungen, die bisher im Hinblick auf den Geschichtslehrplan in der BRD galten, für veraltet erklärt.

Verändert wurden die Schulbuchinhalte, die die deutsche Abrechnung mit der Nazi-Vergangenheit betrafen. In den meisten von ihnen wurde die These vom betrogenen deutschen Volk in Frage gestellt sowie die These, dass die einfachen Deutschen von den Verbrechen nichts wussten. Typisch dafür ist eine Passage über das Thema Zwangsarbeiter: "Anders als der Mord an Juden und Roma hinter Stacheldrähten der Konzentrationslager waren der Hunger und der Tod von Zwangsarbeitern in der deutschen Öffentlichkeit schwer zu übersehen" ("Geschichte und Geschehen", 1997).(Rückübersetzung aus dem Polnischen von MD).

In dem zitierten Abschnitt finden wir einen begrenzten Kreis von KZ-Opfern. Nicht genannt wurden Häftlinge polnischer Nationalität. Einen Hinweis auf Polen gibt es hingegen in Bezug auf die Diskussion über Zwangsarbeiterentschädigungen. In dem bekannten Schulbuch "Anno" (1997) taucht dieses Thema in einer Hausaufgabe auf: "Setze einen Brief eines ehemaligen sowjetischen oder polnischen Zwangsarbeiters auf, in dem er von einer deutschen Firma eine finanzielle Entschädigung für seine ehemalige Zwangsarbeit fordert." (Rückübersetzung aus dem Polnischen von MD).

Bei der Behandlung der deutschen Abrechnung mit der Zeit des Nationalsozialismus wird nach wie vor hauptsächlich der Nazi-Führung die Verantwortung gegeben. Dass dies dem öffentlichen Bewusstsein weiter verhaftet ist, davon zeugt die Diskussion, die anlässlich der im Jahre 1995 organisierten Ausstellung "Die Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944" entbrannt ist. Sie zog die allgemein akzeptierte These in Zweifel, wonach Einheiten der SS auf Befehl der Nazi-Führung die Kriegsverbrechen begangen haben. Die deutsche Armee, in der einfache Deutsche dienten, wurde aus der Verantwortung herausgenommen. Während des Krieges wurden etwa 20 Millionen Menschen in die Wehrmacht einberufen. Dass diese These ins Wanken geriet bedeutete, dass fast alle schuldig waren.

Ein Durchbruch in der Auslegung der Frage der deutschen Schuld erfolgte in der neuen Ausgabe des Schulbuchs "Geschichte und Geschehen" (1997), in dem die Autoren zu folgendem Urteil gelangen: "Viele Deutsche leugneten ihre Verantwortung oder beschönigten sie, indem sie der nationalsozialistischen Führung die Schuld gaben oder versuchten, das Unrecht gegeneinander aufzuwiegen, indem auf eine Waagschale die deutschen Verbrechen gelegt wurden und auf die andere die Bombardements der alliierten oder die Verbreibungen der Deutschen aus den Ostgebieten." [Rückübersetzung aus dem Polnischen von MD]. Möglicherweise ist dies ein Vorbote einer neuen Auslegung der braunen Vergangenheit. Es ist aber nicht nur eine Angelegenheit des deutschen öffentlichen Gedächtnisses, sondern ein Element des kollektiven Gedächtnisses der europäischen Gemeinschaft. (TS)

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