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Kultur

"Bullshit"

Kunst soll provozieren – und das hat der diesjährige Turner-Preis auch wieder vorzüglich verstanden. Der Preisträger Keith Tyson freut sich. Das Establishment ist entsetzt.

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Der stolze Preisträger: Keith Tyson

Die Verleihung des Turner-Preises hat auch in diesem Jahr in Großbritannien lebhafte Diskussionen ausgelöst. Die mit 20. 000 Pfund (32.000 Euro) dotierte bedeutendste Auszeichnung für britische Gegenwartskunst ging am Sonntag (08.12.02) an den 33-jährigen Maler und Bildhauer Keith Tyson.

Schwarze Säule, summend

Tyson erhielt den Preis unter anderem für zwei Gemälde und eine überdimensionale schwarze summende Säule, in der sich Computer befinden. "Kalter, mechanischer, konzeptioneller Bullshit", urteilte Großbritanniens Kunstminister Kim Howells wenig diplomatisch über die Werke Tysons und seiner Mitbewerber.

Keith Tyson Installation 1

Tyson selbst sprach nach der Verleihung in der Kunsthalle "Tate Modern" in London von einer großen Ehre. "Ich bin aber auch sehr erleichtert. Nicht weil ich gewonnen habe, sondern weil der Druck einem sehr zusetzt. Ich glaube, ich wäre genauso erleichtert gewesen, wenn ich ihn den Preis nicht bekommen hätte", so Tyson. Die Auszeichnung war von Daniel Libeskind, dem Architekten des Jüdischen Museums in Berlin, überreicht worden.

"Poetisch, logisch, humorvoll, phantastisch"

Die Werke des diesjährigen Preisträgers Tyson sind stark von Elementen aus Wissenschaft, Philosophie und Science Fiction geprägt. Er ist seit Jahren der erste Maler, der den "Turner" erhält. Die Jury wertete sein Schaffen als "poetisch, logisch, humorvoll und fantastisch". Tyson ist vor allem dafür bekannt, dass er einen Computer mit Daten füttert, die dieser willkürlich zu neuen Begriffen zusammensetzt.

Keith Tyson Installation 2

Keith Tyson Werke: Im Vordergrund: "Anticipating a Tumbling Coin from the Cherubic Mint", 2002, 70 x 200 x 200 cm. Hintergrund: "Now Capacitor", 2002, 244 x 244 x 6 cm. Rechts: Selected Studio Wall Drawings, jeweils 157 x 126 cm.

In den vergangenen Jahren hatten bei der "Turner"- Entscheidung jeweils Konzeptkünstler im Vordergrund gestanden: etwa Damien Hirst mit seinem in Formaldehyd eingelegten Kuhkopf.

Die britischen Medien räumten der Preisverleihung am Montag (9.12.2002) viel Platz ein, reagierten aber oft mit Unverständnis auf die Jury-Entscheidung. "Das Allerbeste der Britischen Kunst: Eine große, schwarze Kiste, die summt", titelte etwa ironisch die Zeitung "Daily Mail" über Tysons Werk "The Thinker" ("Der Denker"). Als "Demütigung für das künstlerische Establishment" wertete "The Guardian" die Verleihung und schloss sich weitgehend der Sichtweise des britischen Kunstministers an. Dieser hatte auf einem Zettel an einer Ausstellungswand seiner Wut freien Lauf gelassen. "Wenn dies das Beste ist, was britische Künstler hervorbringen, dann ist die britische Kunst verloren."

Porno, Porno an der Wand

Der Turner Preis wurde 1984 gestiftet, um junge Talente zu fördern. In diesem Jahr waren vier Künstler für spektakulärste Preisverleihung Englands nominiert. Eine von ihnen hat es geschafft, dem Preis wieder kontroversen Ruhm zu verschaffen: Die britische Künstlerin Fiona Banner hat in krakeliger, pinker Schrift eine sehr bildlich und detaillierte Beschreibung eines Pornos an die Wand eines der hohen, hellen Räume in der Londoner Tate Gallery geschrieben.

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