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Bulgarien

Bulgarische Türken vor Referendum gespalten

Hunderttausende bulgarische Türken, die in Bulgarien und in der Türkei leben, sind für das Verfassungsreferendum am 16. April wahlberechtigt. Politiker und Medien versuchen sie immer intensiver zu beeinflussen.

Ahmed Dogan, der starke Mann der türkischen Minderheit in Bulgarien, hat dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan vorgeworfen, das osmanische "Sultanat" wieder errichten zu wollen. Das Referendum über eine Verfassungsänderung zur Einführung eines Präsidialsystems sei "Wahnsinn", erklärte der Ehrenvorsitzende der größten Partei der türkischen Minderheit in Bulgarien, der Bewegung für Rechte und Freiheit (BRF). "Erdogan will die uneingeschränkte Macht und sein Referendum ist eine Gefahr für die Demokratie", so Dogan.

In Bulgarien leben rund 700.000 türkischstämmige Bürger. Mit etwa zehn Prozent der Gesamtbevölkerung ist dies die proportional größte muslimische Minderheit in einem EU-Land. Früher lebten noch wesentlich mehr Mitglieder der türkischen Minderheit in dem slawischen Land, aber seit den 1950er Jahren wurde vom kommunistischen Regime etwa eine halbe Million zur Umsiedlung in die Türkei gezwungen. Heute schätzt man die Anzahl der aus Bulgarien stammenden Türken und ihrer Nachfahren in der Türkei auf über eine Million. Dies- und jenseits der türkisch-bulgarischen Grenze besitzen viele der bulgarischen Türken die doppelte Staatsbürgerschaft, und das macht sie für die Politiker sowohl in Ankara, als auch in Sofia zu einer sehr wichtigen Wählergruppe. Ihre Stimmen sind auch beim Verfassungsreferendum in der Türkei am 16. April sehr begehrt.

Gleichgeschaltete Medien

Die Hälfte der bulgarischen Moslems, und davon sind zwei Drittel Türken, unterstützen Erdogan, zeigt die jüngste Umfrage des bulgarischen Meinungsforschunginstituts "Alpha Research" und der Neuen Bulgarischen Universität aus Sofia.

Bulgarien Sofia Proteste bulgarische Muslime Gerichtsverhandlung gegen bulgarische Imame (BGNES)

Die meisten Muslime in Bulgarien gehören zur türkischen Minderheit

Wie werden aber die aus Bulgarien in die Türkei umgesiedelten Türken und ihre Familien abstimmen? Der BRF-Vorsitzende Mustafa Karadayı hat sie neulich dazu aufgerufen, "nein" anzukreuzen. Die Journalisten Mehmet Ümer und Tayfur Hüseinov von der in Sofia erscheinenden zweisprachigen "Wochenschau" glauben, die Mehrheit wird gegen das Referendum stimmen. Hüseinov weist darauf hin, dass die Umsiedler einen relativ hohen Bildungsgrad besitzen und sich mehrheitlich für die Trennung von Staat und Religion aussprechen.

"Das Hauptproblem besteht allerdings darin: Wie können die Botschaften von Ahmed Dogan und Mustafa Karadayı, die offen den Konflikt mit Erdogan und seiner Partei suchen, diese Menschen erreichen?", fragt Ümer. Er weist darauf hin, dass es allein die DW gewesen sei, die diese Botschaften auf Türkisch verbreitet habe.

Vernachlässigte Minderheit

Mit einem Mangel an Information erklärt der "Wochenschau"-Chefredakteur Ümer auch die Sympathie der türkischen Minderheit in Bulgarien für Erdogan: "Zwei Drittel der TV-Kanäle in den Siedlungsgebieten der bulgarischen Türken verbreiten die Inhalte der über 400 türkischen Sender. Nachdem aber die Oppositionsmedien in der Türkei massenhaft geschlossen wurden und man eine schreckliche, flächendeckende Zensur eingeführt hat, senden diese Kanäle mehrheitlich die Propaganda-Botschaften des Erdogan-Regimes."

Eine Mitschuld trage aber auch der bulgarische Staat, der nicht willig gewesen sei, über das bulgarische öffentlich-rechtliche Fernsehen dem Bedürfnis der türkischen Minderheit mit einem Minimalangebot an Nachrichten in türkischer Sprache entgegenzukommen, betont Tayfur Hüseinov. "Im Unterschied dazu zeigen sich die türkischen Medien sehr gut informiert über den Alltag und die Probleme der Türken in Bulgarien und bieten dem Publikum zusätzlich sehr populäre Seifenopern und Shows."

Bulgarische Türken ziehen in die Türkei um (BTA)

Für viele bulgarische Türken ist die Türkei ein gelobtes Land

Laut "Alpha Research" ist das Vertrauen der bulgarischen Muslime gegenüber der Türkei in den letzten fünf Jahren um zehn Prozentpunkte gewachsen. 70 Prozent von ihnen haben eine hohe Meinung über das südliche Nachbarland, das für sie das beliebteste Land in der Welt ist - gefolgt von Deutschland. Der BRF-Bürgermeister der mehrheitlich mit bulgarischen Türken bewohnten Gemeinde Kirkovo Sinasi Süleyman besteht allerdings darauf, dass man differenzieren müsse: "Es wäre übertrieben zu behaupten, die bulgarischen Türken lieben Erdogan", sagte er der AFP. "Man darf die Einstellung gegenüber der Türkei nicht mit der Einstellung gegenüber Erdogan gleichsetzen. Mit der Türkei haben wir einfach eine biologische Verbindung."

Verunsicherte Grenzgänger

Und nicht nur eine biologische. Zehntausende bulgarische Türken pendeln ständig zwischen beiden Ländern - aus familiären Gründen, geschäftlich oder auf der Suche nach besser bezahlter Arbeit. Die jüngsten Spannungen zwischen Ankara und Sofia nach den Versuchen türkischer Amtsträger, sich in den bulgarischen Wahlkampf einzumischen, haben viele bulgarischen Türken verunsichert. "Hauptsache sie schließen nicht die Grenze! Denn wir pendeln ja ständig zwischen unserem Haus in Bulgarien und dem Haus in der Türkei", bringt es der 59-jährige Bahri Ömer auf den Punkt.

Auch der Journalist Mehmet Ümer macht sich Sorgen, dass der ehemalige "Eiserne Vorhang" zwischen den beiden Ländern jetzt von einem "Angstvorhang" ersetzt wird. Denn nach dem Putschversuch in der Türkei im letzten Jahr sei der kleine Grenzverkehr fast zum Erliegen gekommen, sagt er.