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Europa

Bulgarische Rentnerinnen: Die Armut "wegzaubern"

Wie lebt man in der EU von 165 Euro im Monat? So wenig bekommen bulgarische Rentner im Durchschnitt. Mariya Ilcheva hat Seniorinnen in Bulgarien besucht, die sich trotzdem nicht entmutigen lassen.

"Alles ist uns egal! Alle sind uns egal! Mit Liedern und Lachen gehen wir durchs Leben, denn wir wollen lange leben!" Zwölf Seniorinnen singen diese Zeilen und heben dabei die Beine - bei den sogenannten "Leibesübungen für Omas" im "Haus der Kultur" der bulgarischen Stadt Assenowgrad. 90 Minuten lang werden hier jeden Morgen die Arme gestreckt, die Beine gedehnt und der Rücken gestärkt. "Der Sport hält uns fit und gesund. Und noch wichtiger: Dabei vergessen wir die Geldsorgen", sagt Kursleiterin Maria Ivanova (Artikelbild).

Die gelenkige Rentnerin ist vor zwei Tagen 80 geworden. Für ihre Geburtstagsfeier habe sie monatelang gespart. "Frikadellen, Torte, Wein und Schnaps: Für alles hatte ich selbst gesorgt", sagt sie - nicht ohne Stolz. Dafür musste sie ihre halbe Rente ausgeben. "Aber was soll's: Man lebt nur einmal", sagt sie schnell, als wollte sie sich nicht anmerken lassen, wie groß der Aufwand für sie war.

Jenseits des "normalen" Lebens

Umgerechnet 110 Euro im Monat bekommt Maria vom bulgarischen Staat, nachdem sie 35 Jahre lang in einer Textilfabrik gearbeitet hat. Wegen zwei Krebs-Operationen kommen 35 Euro dazu - eine Art "Behindertenzuschlag" für die verwitwete Seniorin. Das macht insgesamt 145 Euro monatlich: Eigentlich braucht man in Bulgarien doppelt so viel, um "ein normales Leben führen zu können", heißt es in einem Bericht der "Vereinigung der unabhängigen Gewerkschaften Bulgariens" (KNSB).

Bulgarische Rentnerinnen beim Gymnastik (Foto: Copyright: DW/M. Ilcheva)

Sport macht glücklich: Bulgarische Rentnerinnen beim Gymnastik-Kurs

Doch davon können die meisten bulgarischen Rentner nur träumen. 60 Prozent von ihnen bekommen weniger als 150 Euro im Monat und leben somit unter der Armutsgrenze - so wie Maria. Ein Viertel der Rentner bezieht sogar nur eine Mindestrente von 80 Euro - der geringste Satz in der ganzen EU. Auch bei der Durchschnittsrente ist Bulgarien mit 165 Euro das Schlusslicht der Union. Im Nachbarland Rumänien sind es immerhin 198 Euro, in Polen 469 Euro und im krisengebeutelten Griechenland 663 Euro.

Milch als Luxus

Wie lebt man mit so wenig Geld in Bulgarien, wo manche Lebensmittel sogar teurer sind als in Deutschland? "Wir sind Weltmeister im Verzichten", sagt Maria. Nach dem Sport kocht sie zu Hause ein preiswertes Mittagessen - meistens Bohnen, Linsen oder Kartoffeln. Fisch oder Fleisch stehen nur sehr selten auf ihrem Speiseplan. Auch Milch trinke sie kaum, denn ein Liter kostet umgerechnet mindestens einen Euro. "Ich habe gehört, dass man sie in Deutschland schon für die Hälfte kriegt. Stimmt das?", will die Rentnerin wissen.

Die bulgarische Rentnerin Stanka (Foto: DW/Ilcheva)

Stanka macht mit 66 immer noch Hausbesuche als selbstständige Krankenschwester

Doch Maria will nicht nur über Geld reden, also holt sie einen Bund Medaillen aus der Schublade. Viermal Gold und dreimal Silber habe sie in den letzten Jahren bei Senioren-Meisterschaften gewonnen. "Beim 100-Meter-Lauf am Strand bin ich unbesiegbar", sagt die 80-Jährige. "Der Sport macht mich glücklich. Ich möchte nicht wie viele andere Senioren von morgens bis abends über den harten Alltag in unserem Land meckern." Auch deshalb suche sie sich nur "positive Freundinnen" aus - wie Stanka Atanassova, die auch zu den besten Senioren-Sportlerinnen in Assenowgrad gehört. "Stanka ist reich", sagt Maria anerkennend auf dem Weg zu ihrer Freundin.

Hilfe für die Enkelkinder

Die 66-jährige "Reiche" hat 30 Jahre lang als Krankenschwester gearbeitet. Dafür bekommt sie 160 Euro Rente im Monat. Doch sie macht gelegentlich Hausbesuche als selbstständige Krankenpflegerin und verdient so rund 100 Euro im Monat dazu. Addiert mit der Rente ihres Ehemanns kommt das Paar zusammen auf 460 Euro, was einem bulgarischen Durchschnittsgehalt entspricht. Und dann gibt es noch die beiden Zimmer im Dachgeschoss, die sie an junge Menschen vermieten, zählt die Seniorin bei Kaffee und Kuchen auf.

Stanka und ihr Ehemann haben ihr Haus noch während der kommunistischen Diktatur in Bulgarien gebaut. Heute ist es ihre Rettung. Laut Eurostat leben 84 Prozent der Bulgaren in den eigenen vier Wänden. In Deutschland ist es gerade mal jeder zweite.

Minitomaten in Joghurt- und Kaffeebechern auf Nelis Balkon (Foto: Copyright: DW/M. Ilcheva)

Minitomaten in Joghurt- und Kaffeebechern auf Nelis Balkon

Stanka gibt einen Großteil ihrer Einnahmen weiter - an ihre Töchter und Enkelkinder. Sie glaubt, das unterscheide sie von den Westeuropäern. "Ich habe gehört, die Deutschen wollen vor allem ihren Lebensabend genießen", sagt sie. Die ehemalige Krankenschwester hat jahrelang ihre Enkelkinder betreut, Tag für Tag. Heute übernimmt sie das tägliche Kochen und finanziert den privaten Englisch- und Musikunterricht der Enkel: "In Bulgarien haben junge Menschen wenig Chancen, deshalb muss man ihnen unter die Arme greifen. Sonst fliehen sie wie viele andere ins Ausland".

Die Dritte im Club der rüstigen Großmütter ist die 70-jährige Neli Argirova. Sie begrüßt Maria und Stanka mit einem Glas Pfirsichnektar aus eigener Produktion. "Wir haben einen Acker mit Obstbäumen und Gemüse", erzählt die Rentnerin. Und auf ihrem Balkon wachsen kleine Tomaten in ehemaligen Joghurt- und Kaffeebechern.

Geld sparen für den Sarg

Auch Neli war früher Krankenschwester, bekommt aber nur 80 Euro im Monat - die Hälfte der Rente von Stanka. Einige Jahre nachdem sich Neli in den Ruhestand verabschiedete, wurden die Renten stark erhöht - doch das kam ihrem Jahrgang nicht zugute. "Ich hatte Pech. Stanka hatte Glück": So kommentiert sie das - ohne jegliche Bitterkeit.

Neli Argirova in ihrer Küche (Foto: Copyright: DW/M. Ilcheva)

Neli hat mehrere Jahre für eine Waschmaschine gespart

"Wir haben immerhin ein Dach über dem Kopf, aber fragen Sie uns lieber nicht, wann wir unser Haus zuletzt renoviert oder neu ausgestattet haben", sagt Neli und löst bei ihren Freundinnen einen Lachanfall aus, bei dem sie selbst lachen muss. Für eine Waschmaschine sparte Neli mehrere Jahre, ihre Möbel wurden noch in den Fabriken der bulgarischen Planwirtschaft gebaut. Für neue Kleider, Kino- oder Theaterbesuche reicht das Geld nicht. "Die drei Euro für die Eintrittskarte habe ich nicht", sagt sie und kann diesmal ihre Traurigkeit nicht verbergen.

Neli und Maria erzählen, dass auch sie vor mehreren Jahren zum letzten Mal Kleidung gekauft haben: Schöne, schwarze Kostümchen. Darin könnten sie auch bestattet werden, sagen sie. "Eigentlich bräuchte ich einen neuen Backofen, aber dann würde den Kindern das Geld für meinen Sarg fehlen - das kann ich ihnen nicht antun", sagt Neli und holt eine Flasche selbstgebrannten Schnaps aus der Küche.

"Schluss mit Geldnöten und Bestattungen", ruft sie und prostet ihren Freundinnen zu. "Wir sind nicht arm, denn unsere Seelen sind reich", trösten sich die drei Seniorinnen gegenseitig. "Und wir alle sind noch Sportskanonen. Nicht wahr?". Hoch sollen sie leben: "Nazdrave - Prost!"

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