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Fokus Osteuropa

Bulgarische Medienpartner der WAZ-Gruppe in der Kritik

Die zwei auflagenstärksten bulgarischen Zeitungen, die der WAZ-Mediengruppe angehören, haben sich an einer Hetzkampagne gegen eine Wissenschaftlerin beteiligt. Nun will die WAZ ihre Redaktionspolitik überdenken.

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WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach in Erklärungsnot

Die Unabhängigkeit der redaktionellen Arbeit ihrer Zeitungen hat sich die WAZ-Mediengruppe seit langem schon auf ihre Fahnen geschrieben. Wie sehr es sich aber rächen kann, wenn man sich zu stark um die Auflage und fast gar nicht um den Inhalt und die Qualität der journalistischen Tätigkeit kümmert, hat der Essener Medienkonzern jetzt zu spüren bekommen. Der Vorfall um die bulgarische Wissenschaftlerin Martina Baleva, die beschimpft und bedroht wurde, unter anderem von den Seiten der beiden WAZ-Blätter, weil sie es gewagt hat, an einem Mythos der Nationalgeschichte Bulgariens zu rütteln, bringt WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach in Erklärungsnöte. "Wir hatten in der Vergangenheit ein Prinzip, welches ich nicht fortschreiben möchte: dass wir Verträge gemacht haben, dass wir uns für das rein Wirtschaftliche und die anderen für das rein Inhaltliche verantwortlich fühlen. Da muss es neue Formen geben, damit der Name WAZ auch international verbunden ist mit Qualitätsarbeit. Ich möchte, dass die Leute sagen, was in der Zeitung steht, ist wahr. Und daran müssen wir arbeiten."

Redaktionspolitik in der Kritik

Qualitätsarbeit war bis jetzt nicht unbedingt das Wahrzeichen der WAZ-Blätter in Bulgarien, die stark auf das Sensationelle, manchmal auch Flache gesetzt haben, stets nach der Devise: Hauptsache, die Auflage stimmt. Wer sich für ernsthaft recherchierte Themen und Hintergründe interessiert, greift zu anderen Blättern. In den südosteuropäischen Ländern ist zudem vielfach die Kritik zu hören, die WAZ habe vorsätzlich den Boulevardstil in der Berichterstattung toleriert, um das Wohlwollen der Regierenden nicht mit allzu kritischen Meinungen zu riskieren. Von einem guten Verhältnis zwischen der Regierung und ausländischen Investoren und Partnern hängt in einem Land wie Bulgarien vieles ab, weil der Staat zu den wichtigsten Auftraggebern von Werbung gehört.

Nur ein kulturelles Missverständnis?

Was den Fall der deutsch-bulgarischen Wissenschaftlerin betrifft, will Hombach die Angelegenheit umfassend untersuchen lassen. Baleva hatte behauptet, die Zahl der Opfer eines bulgarischen Aufstandes gegen die türkischen Herrscher Ende des 19. Jahrhunderts sei nicht so hoch gewesen wie bisher allgemein angenommen. Das hatte für allgemeine Empörung gesorgt und eine nationalistische Hysterie geschürt, zu der auch die WAZ-Blätter ihren Kommentar abgegeben hatten. Jetzt will Hombach auf Einladung des bulgarischen Staatspräsidenten Parvanov, der Geschichtswissenschaftler ist, nach Bulgarien reisen und sich dort mit Experten aus Deutschland und dem Internationalen Journalistenverband zu dem Thema austauschen. Bereits jetzt geht Bodo Hombach allerdings davon aus, dass es sich um ein kulturelles Missverständnis handelt. "Ich glaube, dass die junge Kunsthistorikerin im Sinne einer kunsthistorischen Schule – dem Dekonstruktivismus – Bilder interpretiert und darauf hinweist, unter welchen Umständen zu welchen Zeiten diese entstanden sind, dass aber eine solche Interpretation von vielen Bulgaren nicht als ein technisch-wissenschaftlicher Prozess verstanden wurde, sondern als ein Rütteln an nationalen Symbolen und Identitäten."

Kriterien der OSZE als künftige Grundlage

Hombach ist überrascht von der aufgewühlten Gemütslage in Bulgarien zu diesem Thema, will aber die WAZ- Ausgaben, die bei der Hetz- und Schmähkampagne gegen Baleva mitgemacht haben, nicht in die nationalistische Ecke gedrängt sehen. Er erinnert daran, dass die Chefredakteure selbst Opfer von Überfällen der nationalistischen Partei Ataka geworden sind. Auch aus diesem Grund ist ihm an einer sehr tiefgehenden Aufarbeitung des Geschehenen gelegen. Für die Zukunft will er die journalistische Aus- und Weiterbildung verstärken und auf die Kriterien der OSZE setzen – nämlich die Menschenwürde zu schützen, Toleranz zu üben und der Wahrheitsliebe verpflichtet zu sein.

Bistra Seiler, DW-Bulgarisch

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