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Fokus Osteuropa

Bulgarien: Atomkraft im Erdbebengebiet

Atomkraft ist wieder in der Diskussion – auch in Bulgarien. Nach der Schließung eines maroden AKWs stimmte auch die EU dem Bau einer neuen Anlage zu. Doch die entsteht in einem Erdbebengebiet und ist umstritten.

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AKW in Belene willkommen

Bulgarien setzt weiter auf Atomstrom. Zwei veraltete Reaktoren mussten im vergangenen Jahr zwar abgeschaltet werden – die Europäische Union hatte das zur Bedingung für den EU-Beitritt des Landes gemacht. Doch als Ersatz sind zwei neue Reaktoren geplant: drei Autostunden von Sofia entfernt, am südlichen Donauufer bei der Kleinstadt Belene. Umweltschützer sind entsetzt. Nicht nur, dass die Technik aus Russland kommt, das Atomkraftwerk liegt dazu in einem Gebiet mit hohem Erdbebenrisiko, sagen sie. Trotzdem hat die Europäische Kommission Ende vergangenen Jahres grünes Licht für den Bau gegeben. Und auch den deutschen Energiekonzern RWE hindert das nicht daran, sich als Investor und Mitbetreiber zu bewerben.

Gefahr erkannt

Am Bauzaun der ewigen Großbaustelle Belene: Gelbe Kräne ragen in den Himmel, ein paar Verwaltungsgebäude sind schon fertig, ebenso ein knallrotes Besucherzentrum. Hier sollen einmal die beiden Blöcke des neuen bulgarischen Atomkraftwerks stehen. Gegen alle Vernunft, wie die bulgarische Umweltaktivistin Albena Simeonova sagt: „Schon 1984 haben russische Wissenschaftler gesagt, dass das hier eine Erdbebenregion ist und solche Projekte deshalb sehr riskant sind. 1990 hat die bulgarische Akademie der Wissenschaft das bestätigt – in einem Bericht von fast 500 Seiten."

Kontroverse Gutachten

Anfang der 90er Jahre wurde der Bau gestoppt – auch aus wirtschaftlichen Gründen. Doch vor vier Jahren hat die bulgarische Regierung das Projekt wieder aufgenommen. Ein neues Gutachten wurde in Auftrag gegeben. 17 Jahre später werde plötzlich behauptet, dass es kein Risiko gebe, wieder mit Verweis auf Experten der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften - andere Experten natürlich, empört sich Albena Simeonova. „Aber die Wahrheit ist, dass die Regierung dafür bezahlt, dass sie Ergebnisse bekommt, die ihr passen. Denn wie sagt man in Bulgarien: Wer zahlt, bestimmt die Musik", meint die Umweltaktivistin.

Erdbebenrisiko

20km weiter flussabwärts findet Albena Simeonova Unterstützung für ihren Vorwurf. Hier, in dem kleinen Universitätsstädtchen Swischtov, bebte am 4. März 1977 die Erde. Andrei Zachariew, Mitglied des Stadtparlaments, zeigt Fotos, die das Ausmaß der Zerstörung dokumentieren. „Jeder in Swischtov kann sich noch an 1977 erinnern. Das Erdbeben hat mehr als zwei Drittel der Gebäude zerstört, egal ob sie aus Ziegeln, Steinen oder Beton gemacht waren. 120 Menschen sind gestorben. Das kann hier niemand vergessen."

Doch in dem jüngsten Risiko-Gutachten, auf das sich die bulgarische Regierung beruft, wird das Erdbeben überhaupt nicht erwähnt. Von einem absolut sicheren Standort ist da die Rede. Kein Wunder, meint Stadtrat Zachariew, denn die Regierung habe eine private Firma beauftragt, die gleichzeitig Kunde des staatlichen Energiekonzerns NEK ist. „Millionen Dollar wurden bezahlt, für einen Bericht, der in nur drei Monaten fertig gestellt wurde. Umweltexperten haben dann aber über 200 gravierende Fehler in dem Dokument gefunden", so Zachariew.

Schwacher Widerstand

In Ljubenovo, einem kleinen Dorf etwa 20 km westlich von Belene, ist Albena Simeonova zu Hause. Die Ökobäuerin ist Umweltaktivistin der ersten Stunde – ein Engagement, das nicht immer ungefährlich war. Vor zwei Jahren hat sie von Greenpeace einen Leibwächter an die Seite gestellt bekommen. „Es hat immer irgendwelche Drohungen gegeben. Aber vor zwei Jahren, da haben sie eine Grenze überschritten. Es kamen Leute vorbei, die sich vorstellten und sagten: Hör besser auf, gegen das AKW zu arbeiten, sonst wirst du Probleme bekommen."

Eigentlich sollte noch in diesem Jahr mit den Bauarbeiten am Reaktor begonnen werden. Doch noch immer ist die Finanzierung nicht gesichert. Zahlreiche Banken haben sich schon wieder zurückgezogen – zu riskant war ihnen nach eingehender Prüfung das Engagement. Hier liegt die Hoffnung von Albena Simeonova. Denn im atomkraftbegeisterten Bulgarien ist der Widerstand nur sehr schwach. Auch in Belene selbst sind fast alle für das Atomkraftwerk.

Dirk Auer

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