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Amerika

Buenos Aires: Die "Murgas" sind da!

Karneval in Lateinamerika - das ist nicht nur Samba in Rio de Janeiro. In Argentinien marschieren die "Murgas" durch die Straßen - politischer Karneval mit viel Musik.

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Murgas - so heißen die Karnevalsgruppen in Buenos Aires. Sie sind eine Art Musiktheater mit Tanz und Gesang

Es ist drückend heiß, obwohl die Sonne schon lange Schatten wirft. Die Luft ist schwer vom Rauch der Grillstände, die "choripan", Brot mit Paprikawurst im Akkord verkaufen. Dazwischen liefern sich Kinder wilde Schlachten mit einer Art weißem Schaumspray. Ihre Haare und Hemden sind schon ganz verklebt. Dann tauchen Clowns auf, Feuerspucker, Stelzengänger, Fahnen werden geschwenkt. Das alles passiert rund um die Straßenecke Corrientes/Medrano - einer der Hauptverkehrsadern der Millionenstadt Buenos Aires in Argentinien. Doch für Autos ist sie heute Abend gesperrt. Der Rhythmus der Trillerpfeifen, Bombos und Candombes, den man schon von weit her hört, verrät warum: Die Murgas sind da. "Der Karneval ist da", ruft ein kleiner, dicklicher Mann in Frack und Handschuhen in die Menge, "der Karneval ist die Stimme des Volkes, die kein Blatt vor den Mund nimmt!".

Mädchen von Karnevalsgruppe Murgas, Buenos Aires Freies Format

Man ist stolz zu einer Murga zu gehören, egal wie alt man ist

Fussballsticker und Pailletten

Murgas - so heißen die Karnevalsgruppen in Buenos Aires. Sie sind eine Art Musiktheater mit Tanz und Gesangseinlagen und ihre Bühne ist die Straße. Fast jedes Viertel in Buenos Aires hat eine eigene Murga. Sich mit dem eigenen Viertel zu identifizieren, es vorzustellen und seine Vorzüge und Besonderheiten zu loben ist Teil der Show. Und so nennen sich die Gruppen zum Beispiel "Die Verrückten aus Boedo", "Die Talentierten aus Parque Patricios" oder die "Trommler aus Almagro". Sie treten in schrill-bunten Kostümen auf, übersät mit kunstvollen Paillettenmustern oder Stickern ihrer Lieblingsfußballclubs. Unter ihren Armen, an Rücken und Stirn wachsen inzwischen die Schweißflecken.

Seidenfrack und Fliege

Jede Murga hat ihre eigenen Farben, gleich aber ist die Zusammenstellung der Kostüme: Seidenfrack, eine enge Hose, Handschuhe und eine Fliege. "Das geht auf den Karneval der schwarzen Haussklaven zurück", erklärt Pedro von den "Talentierten aus Parque Patricios". Diese stahlen sich einmal im Jahr die Kleidung ihres Patrons - den Frack drehten sie auf die Innenseite, trugen das seidig glänzende Futter nach außen, damit er nicht schmutzig wurde. So verkleidet machten sie sich mit bissigen Gesängen und grostekem Tanz über ihre Herren lustig.

Die rhytmische Musik der Candombes, der frenetische Tanz, das alles ist bis heute geblieben. Die Tanzeinlage der Murga nähert sich dem Ende, frenetisch bewegt sich die Gruppe zum Klang der Musik, vollführen Sprünge, Akrobatik, werfen Arme und Beine in die Sommernacht.

Tradition und Improvisation

"Der Tanz der Murgas erlaubt viel Improvisation", sagt Josefina. Sie tanzt bei den "Trommlern von Almagro", die Schminke in ihrem Gesicht - weiß getüncht, die Backen rot, die Lippen lila - ist schon ganz zerlaufen. Die Tanzbewegungen, die Gestik, die Mimik - alles dient dazu, auszudrücken, was man fühlt, sagt sie. Daneben gibt es traditionelle Schritte, die immer wieder auftauchen. Sie konterkarierten einst das Verhalten der Sklavenpatrone. Der Trunkenbold zum Beispiel, der Hin und Her schwankt, der Arrogante, der Hysterische und am Schluss die so genannte Matanza: "Hier springen wir wild umher, wir geben alles". Die Matanza ist Josefinas Lieblingsteil, "weil man hier seine ganze Wut zum Ausdruck bringen kann".

Murgas in Buenos Aires, Vorbereitung

Beim Schminken hilft die ganze Familie

Gemischt wird waghalsige Akrobatik mit Elementen der brasilianischen Capoeira, wie dem Sprung aus der Hocke oder dem Kick in die Luft, daneben gibt es Schritte aus der indigenen Kultur aber auch aus der Cumbia, der Volksmusik aus den Vororten. Die Murga ist eine bunte Mischung aus allem, was die Einwanderungsmetropole Buenos Aires hergibt. Geblieben ist ihre tiefe Verankerung in der Volkskultur.

Von der Straße für die Straße

Denn die Murga aus Buenos Aires kommt aus den Barrios, den Nachbarschaften. Wir sind nicht so professionell wie zum Beipiel die Murgas aus Uruguay, sagt Pedro. Dort wurde die Murga geboren, sagt man. Ein spanischer Zarzuela-Chor hatte sich einst - ohne Geld - in den Straßen von Montevideo verirrt und verdiente sich den Unterhalt mit Straßenspektakel. Da dies enorm erfolgreich war, singen seitdem, jeweils zu Karneval, Männerchöre über Alltag und Gesellschaft.

"Hier ist alles viel freier", sagt Zulema, die selbst aus Uruguay kommt, "die Murga hier ist offen für alle, Junge, Alte, Frauen, Männer, komischerweise sind es viel mehr Frauen, die sich hier in den Murgas einbringen". Die Murga in Buenos Aires wurde in den armen Einwanderungsvierteln geboren und auch heute noch ist sie die Ausdrucksform der unteren Schichten der Gesellschaft. "Jeder kann mitmachen, jeder kann sich ausdrücken." Das ist es, was Pedro, Zulema und alle die anderen fasziniert.

Karneval - lange Zeit verboten

Denn sowohl in Uruguay als auch in Argentinien war der Karneval lange Zeit verboten. Die Militärdiktaturen in den 70er und 80er verbannten kritische Volkskultur von den Straßen. Und in Argentinien erlebte die Tradition der Murgas erst Ende der 1990er Jahre, als die Schere zwischen Arm und Reich immer größer wurde, eine Wiedergeburt. "Doch seit der Krise 2001/2002, als das Land politisch und wirtschaftlich am Boden lag und immer mehr Menschen an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden, da plötzlich haben die Murgas einen enormen Zulauf bekommen", erinnert sich Zulema. 2009 ist wieder ein Jahr der Krise - fast 200 Murgas präsentieren sich in diesem Februar - so viele wie nie.

Zu kritisieren gibt es genug

Nach dem Tanz kommt das Eigentliche, der Kern jeder Murga-Aufführung: Auf einer recht abenteuerlich zusammengezimmerten Bühne präsentiert ein mehrstimmiger Chor Lieder mit bissiger politischer Satire. Es geht um die galoppierende Inflation, die das Land derzeit - einmal wieder - erlebt, und um die Regierung, die sie kleinreden will und Steuergelder ins Ausland schafft. Besungen werden korrupte Staatsdiener, Klientelismus sowie die Bildungs-, Engergie und Finanzkrise, Thema ist aber auch die Fremdenfeindlichkeit, die Misere der Straßenkinder, die Paco, eine Art Crack rauchen, statt zur Schule gehen zu können.

Auftritt Murgas in Al Magro, Buenos Aires Freies Format

Murgas - so heißen die Karnevalsgruppen in Buenos Aires. Sie sind eine Art Musiktheater mit Tanz und Gesangseinlagen und ihre Bühne ist die Straße.


Aber nicht nur Argentinien ist Thema, sondern die Miseren, die jeden Tag, überall, weltweit stattfinden. All das wird vorgetragen in einer sehr subtilen Sprache, durchsetzt mit Wörtern aus dem Lunfardo, dem Straßenslang von Buenos Aires. Für einen Außenstehenden ist er kaum zu verstehen, aber die Menge applaudiert, es geht um sie und ihren Alltag.

Die Murga zieht weiter. Nicht ohne sich zu verabschieden. "Wir haben gesagt, was wir sagen mussten"- singen die Murgueros auf der Bühne - "bis zum nächsten Karnaval singen wir ein letztes Lied, aus den Tiefen unseres Herzens, für euch." Drei letze Schläge auf den Candombes, ein strahlender Blick von Zulema zu Pedro zu Josefina. "Der Karneval ist da!", ruft die nächste Murga-Gruppe.

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