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Kultur

Buchpreis geht an Holocaustforscher

Es ist eine schöne Tradition: Zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse wird der Buchpreis zur Europäischen Verständigung verliehen. In diesem Jahr geht er an zwei Holocaustforscher.

Sie gehören unterschiedlichen Generationen an, forschen aber schwerpunktmäßig in derselben Epoche. Ian Kershaw, geboren 1943 in Großbritannien, gilt als einer der bedeutendsten Experten der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Seine zweibändige Hitler-Biografie, die 1998 und 2000 erschien, gilt längst als Standardwerk. Und der US-Amerikaner Timothy David Snyder, Jahrgang 1969, hat sich der Osteuropäischen Geschichte und der Holocaustforschung verschrieben.

Vom Hobby zur Berufung

der britische Historiker Ian Kershaw vor seiner zweibändigen Hitler-Biografie (AP Photo/Graham Heathcote)

Ian Kershaw

Ian Kershaw lehrte bis zu seiner Emeritierung als Professor für Zeitgeschichte an der University of Sheffield in England. Dass die Geschichte des Nationalsozialismus dabei frühzeitig in den Mittelpunkt rückte, geht auf ein Hobby des jungen Kershaw zurück. Er hatte nämlich in den siebziger Jahren angefangen, am Goethe-Institut in Manchester Deutsch zu lernen. Und er muss eine inspirierende Lehrerin gehabt haben. Denn sie hat, wie der Historiker einmal in einem Interview erzählte, den ganzen Kurs für deutsche Kultur, Literatur, Kunst, Politik und Geschichte begeistert.

Ian Kershaw wechselte daraufhin von der Mittelalterforschung zur deutschen Zeitgeschichte, studierte die Sozialgeschichte des Dritten Reichs und schrieb schließlich im Rahmen eines Forschungsprojekts Bücher über Volksmeinungen in Bayern während der NS-Zeit und über den Hitler-Mythos. Damit hatte er seine Berufung gefunden. Schließlich legte Kershaw ein schmales Buch über Hitlers Machtprofil vor und dann, nach jahrelangen Studien, seine zweibändige Hitlerbiografie.

Darin zeigt er Hitler als Produkt der Gesellschaft und unternimmt den Versuch, ihn zu entdämonisieren. Er weitet die moralische Schuld an den Verbrechen des Nationalsozialismus aus und benennt all die kleinen Mitmacher, allesamt Räder in der komplexen Maschinerie. Dieses große erzählerische Werk hat den uneingeschränkten Zuspruch der Fachwelt gefunden und Kershaw darüber hinaus eine breite Leserschaft beschert.

Der Untergang des NS-Staates

In den vergangenen drei Jahren hat sich der britische Historiker nun mit dem Untergang des nationalsozialistischen Deutschland beschäftigt. Seine Studie "Das Ende. Kampf bis in den Untergang" beschreibt die finale Phase des "Dritten Reichs" fakten- und detailreich und geht dabei einer zentralen Frage nach: Warum haben die 1944 militärisch besiegten Deutschen noch beinahe ein Jahr lang weiter gekämpft? Warum haben sie bis zur flächendeckenden Verwüstung des Landes durchgehalten? Tugenden wie Pflichtgefühl und Ehre, so Kershaws These, seien von den Nazis instrumentalisiert und missbraucht worden. Viele Menschen hätten zudem keine Alternative zum herrschenden System gesehen und den Terror von SS und Gestapo ebenso gefürchtet wie die Rote Armee und den Bolschewismus.

1994 erhielt der britische Historiker für seine Verdienste um die deutsche Geschichte das Bundesverdienstkreuz. 2002 schlug ihn Königin Elisabeth II. zum Ritter. Nun wird Ian Kershaw für dieses Buch mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet.

Erinnerung an Stalins Terror

Porträt des Historikers Timothy D. Snyder

Timothy D. Snyder

Zweiter Preisträger ist in diesem Jahr ein Historiker, der an der renommierten Yale Universität und zeitweilig in Wien lehrt. Wie Kershaw hat auch Timothy David Snyder ein Buch vorgelegt, das zum tieferen Verständnis der europäischen Schreckensgeschichte beiträgt. Mit "Bloodlands. Europa zwischen Stalin und Hitler" mahnt er eine Korrektur des westeuropäischen Geschichtsbildes an. Da fehle nämlich oft, dass die Bewohner Zentralpolens, Weißrusslands, der Ukraine und der baltischen Staaten zwölf Jahre lang unter sowjetischen wie deutschen Okkupationen zu leiden hatten.

Etwa 14 Millionen Menschen, Zivilisten allesamt, sind in diesen Jahren Opfer der beiden diktatorischen Systeme geworden. Sie wurden grausam ermordet, deportiert und gezielt dem Hungertod ausgeliefert. Akribisch zählt Snyder die Gräueltaten beider Regime auf, dabei präzisiert er ihre unterschiedlichen Methoden und Ziele und verdeutlicht das unvorstellbare Leid der Menschen anhand bewegender Einzelschicksale. Stalins Terror richtete sich vor allem gegen das eigene Volk, die Nationalsozialisten hingegen töteten Millionen von Menschen, die ihnen während ihres Eroberungskrieges im Weg standen.

Neue Einsichten

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verschwand die Erinnerung an all diese Gräueltaten in der Dunkelheit hinter dem Eisernen Vorhang. Mit "Bloodlands" macht der mehrfach ausgezeichnete Timothy D. Snyder sie wieder sichtbar. Und er stellt seine Interpretation dieses Kapitels der europäischen Geschichte zur Diskussion.

Der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ist mit 15.000 Euro dotiert. Er wird traditionell zur Eröffnung der Buchmesse im Gewandhaus Leipzig verliehen.

Autorin: Silke Bartlick
Redaktion: Gabriela Schaaf

Die Bücher:
Ian Kershaw: "Das Ende - Kampf bis in den Untergang - NS-Deutschland 1944/45". Aus dem Englischen von Klaus Binder, Bernd Leineweber und Martin Pfeiffer. DVA 2011; 704 Seiten; EUR 29,99.

Timothy Snyder: Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin. Übersetzung: Martin Richter. C.H. Beck 2011. 522 S. EUR 29,95.

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