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Geschichte

Buch-Autor Šlepikas: "Der Krieg dauert an"

Tausende deutsche "Wolfskinder" flüchteten nach dem Zweiten Weltkrieg nach Litauen. Ihr Schicksal war ein Tabuthema. Bis Alvydas Šlepikas über sie schrieb: "Mein Name ist Marytė", das litauische Buch des Jahres 2012.

Deutsche Welle: Lange Zeit waren "Wolfskinder" in Litauen ein vernachlässigtes Thema. Kaum einer sprach darüber, nicht einmal die "Wolfskinder" selbst. Jetzt wurde "Mein Name ist Marytė" zum Buch des Jahres in Litauen gekürt. Hat Sie das überrascht?

Alvydas Šlepikas: Als das Buch erschien, hatte es eine irgendwie befreiende Wirkung. Vorher war das ein gewisses Trauma. Die Leute haben nicht darüber gesprochen. Natürlich konnte das keiner vorhersagen. Aber ich habe daran geglaubt, dass mein Buch gut ist. Ich habe mich deswegen nicht gewundert, dass es zum Buch des Jahres gewählt wurde. Mich hat vielmehr die Tatsache überrascht, dass so viele Menschen in Litauen mit diesem Thema zu tun haben.

Mehrere tausend "Wolfskinder" kamen aus dem damaligen Ostpreußen nach Litauen - viele Menschen hatten, wie sie sagen, mit den so genannten "kleinen Deutschen" zu tun. Warum wurde bisher in Litauen kaum darüber gesprochen?

Es gibt viele Gründe. Erstens: die Angst, die den Leuten während der Sowjetzeit eingejagt wurde. Man durfte nicht über ein Thema wie "Wolfskinder" sprechen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion gab es diese Angst zwar nicht mehr - aber die Leute waren es vermutlich gewöhnt, zu schweigen. Und zweitens schämen sich vielleicht auch einige Menschen, darüber zu sprechen. Die "Wolfskinder" wuchsen in sehr armen Verhältnissen auf, sie bettelten auf der Straße. Es gab auch junge Mädchen, die von Männern in den Dörfern vergewaltigt wurden. Ich kann mich sehr gut daran erinnern, wie eine Litauerin zu mir sagte: "Warum interessierst du dich für dieses Thema? Weißt du überhaupt, was für Leute diese Wolfskinder waren? Es hat junge Mädchen gegeben, Wolfskinder, und sie haben das ganze Dorf mit Syphilis angesteckt." Ich habe geantwortet: "War ihnen diese Erkrankung denn angeboren?" Es gab viele solche Vorurteile.

Flucht, Misshandlung, Vorurteile - bei der Recherche für Ihr Buch haben Sie mit einigen "Wolfskindern" gesprochen. Worunter leiden die Erwachsenen heute?

Blick über die Memel (Foto: Matthias Krüttgen)

Blick über die Memel ins ehemalige Ostpreußen

Es gibt "Wolfskinder", die in ihren Pässen das Datum 00.00.0000 stehen haben. Denn es ist nicht bekannt, wann sie geboren wurden. Ich habe mit einem Mann gesprochen, der einen solchen Pass hat und er erzählte, dass es mitunter schwierig sei, ins Ausland zu reisen, weil die Grenzbeamten einfach nicht verstehen können, wie so etwas möglich ist. Und er musste wirklich sehr viel erklären, bis sie es verstanden haben. Die "Wolfskinder" haben vieles verloren: Sie haben vor allem ihre Kindheit, ihre Eltern, ihre Verwandten verloren. Sie hatten keine Möglichkeit, eine Ausbildung zu machen. Aber das Schmerzhafteste ist, dass sie ihre Identität verloren haben. Sie können kein Deutsch mehr sprechen. Sie haben zwar vielleicht Verwandte in Deutschland, aber sie können mit denen nicht richtig kommunizieren. Sie hängen irgendwie zwischen den Welten: Sie fühlen sich weder als Deutsche, noch als Litauer. Und das ist ein schrecklicher Zustand für viele.

Ist ihr Buch auch ein Versuch, den "Wolfskindern" eine Identität zurück zu geben?

Der Titel des Buches bedeutet nicht einfach "Mein Name ist Marytė". Dieser Name "Marytė" hat eine wichtige Bedeutung, denn es ist ein sehr litauischer Name. Der litauische Name eines litauischen Dorfmädchens. Mir haben die Leute erzählt, dass sehr viele der deutschen Mädchen den Namen Marytė bekommen haben, weil das eben ein sehr einfacher Name ist. Und man hat ihnen beigebracht, dass sie - wenn zum Beispiel sowjetische Soldaten ins Haus kommen - einfach sagen: "Mein Name ist Marytė." Dann hat keiner Verdacht geschöpft, denn das war eine große Bedrohung für die ganze Familie! Wenn zum Beispiel die sowjetischen Soldaten erfahren hätten, dass es ein deutsches Mädchen ist, drohte der ganzen Familie, nach Sibirien gebracht zu werden. Mit den Jungen war es ähnlich. Sie haben mit diesem Namen weitergelebt und darüber ihre Identität einfach vergessen. Die Kinder waren zwischen vier und elf Jahren alt - also wirklich kleine Kinder! Für die meisten war es einfach, ihre Vergangenheit zu vergessen.

Auch in Deutschland spricht man erst seit ein paar Jahren über das Schicksal von "Wolfskindern". Wurden sie einfach vergessen?

Das ist einfach das Thema des Krieges mit seinen vielen Problemen, vielen offenen Wunden, die auch heute noch zu spüren sind. Mit diesem Buch habe ich noch eine sehr wichtige Erfahrung gemacht: Wir denken alle, der Krieg sei jetzt zu Ende, schon lange vorbei. Aber in der Tat dauert dieser Krieg immer noch an! Es gibt sehr viele Menschen, die noch immer die Wunden dieses Krieges spüren. Manche von ihnen wissen nicht, wann sie geboren wurden, wo ihre Verwandten leben. Sie haben vieles verloren. Und es gibt auch solche, die nicht einmal ihren richtigen Namen kennen. Also: Dieser Krieg dauert immer noch an.

Geht es Ihnen im Buch auch darum: Dass Krieg sinnlos ist?

Ja, natürlich. Und ich habe bewusst eine dementsprechende Weise des Schreibens für das Buch gewählt: schnell, visuell, mit möglichst vielen Bildern, vielen Ereignissen. Es sollte möglichst an einen Abenteuerroman erinnern, damit es den Jugendlichen leichter fällt, das Buch zu lesen. Denn von Jugendlichen hängt unsere Zukunft ab. Und wenn ich heute Nachrichten sehe, dann verstehe ich, dass sich auf dieser Welt nichts geändert hat. Es gibt immer noch sehr viele Kriege, viel Gewalt, Brutalität. Ich wollte meine Leser daran erinnern, dass Krieg sehr schlecht ist für uns alle. Er hinterlässt nur Wunden und bringt überhaupt nichts Gutes.

Die Geschichten in Ihrem Buch sind wirken sehr positiv und hoffnungsvoll - trotz der Grausamkeit des Krieges.

Autor Alvydas Šlepikas in Vilnius (Foto: Monika Griebeler)

Der Autor Alvydas Šlepikas würde die Geschichte jetzt gerne verfilmen

Wenn ein Schriftsteller ein solches Thema wählt, hat er zwei Gräben vor sich, in die er fallen kann. Der erste Graben besteht darin, dass man sehr leicht beginnen kann, einfach die Schaurigkeit dieser Geschichten sehr ausführlich zu beschreiben und diese Grausamkeiten immer in den Vordergrund stellt. Der zweite Graben: Sentimentalität. Denn hier geht es um Kinder, die schrecklichen Schicksale dieser Kinder! Man kann da sehr leicht sentimental werden. Ich habe versucht, diesen beiden Gräben auszuweichen, die Balance zu halten und ich glaube, es ist mir gelungen. Ich wollte einen hoffnungsvollen Roman schreiben.

Keinen realistischen?

Es gibt Menschen, die sagen, der Roman sei schrecklich. Und es gibt auch Menschen - die Wolfskinder nämlich - die sagen, es gebe nicht genug Grausamkeit in diesem Buch. Denn die Realität war schrecklicher. Meine Aufgabe war eigentlich nicht, alles sehr, sehr realistisch zu schildern. Meine Aufgabe war, über dieses Thema zu berichten, damit die Menschen überhaupt davon erfahren. Und wenn sie sich in das Thema weiter vertiefen möchten, können sie nach bestimmten Dokumenten, nach Erinnerungen suchen, die aufgeschrieben wurden. Mein Buch ist so gesehen ein Kunstwerk.

DW-Journalistin Monika Griebeler war im Rahmen des journalistischen Austauschprogramms "Nahaufnahme" zu Gast in der Redaktion des litauischen Nachrichtenportals delfi.lt. Während dieses Projektes des Goethe-Instituts tauschen Journalisten aus Deutschland und anderen europäischen Ländern für einige Wochen ihre Arbeitsplätze. Im Dezember 2012 war die litauische Journalistin Vytenė Stašaitytė zu Besuch bei der Deutschen Welle.

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