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Kultur

"Buber-Rosenzweig-Medaille" für Schneider

Der "Chef-Protestant" Nikolaus Schneider ist mit der "Buber-Rosenzweig-Medaille" geehrt worden. Sie zeichnet Persönlichkeiten aus, die sich für den Dialog zwischen Christen und Juden einsetzen.

Die Verleihung am Sonntag (11.03.2012) war Auftakt der diesjährigen "Woche der Brüderlichkeit", die Auszeichnung benannt nach den jüdischen Philosophen Martin Buber (1878-1965) und Franz Rosenzweig (1886-1929). Damit reiht sich der Präses der rheinischen Landeskirche und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ein in die Liste ehrenvoller Preisträger der vergangenen Jahre. Darunter der Islamwissenschaftler Navid Kermani, der New Yorker Star-Architekt Daniel Liebeskind oder der katholische Theologieprofessor Erich Zenger aus Münster.

Die Verleihung der Medaille darf als Fingerzeig gewertet werden. So war die letztjährige Auszeichnung für Navid Kermani durchaus zu verstehen als eine gewisse Öffnung gegenüber den Muslimen in Deutschland, auch wenn der Generalsekretär des Koordinierungsrates, Rudolf Sirsch, noch nicht von einem Trialog der Religionen sprechen mag. 2008 hat der Deutsche Koordinierungsrat (DKR), der Dachverband von 83 Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit, mit Erich Zenger einen kritischen Katholiken gewürdigt.

Erich Zenger (1939-2010)Woche der Brüderlichkeit 2012, Buber-Rosenzweig-Medaille, Copyright: Gesellschaften für Christlich-jüdische Zusammenarbeit - Deutscher Koordinierungsrat (DKR)

Erich Zenger (1939-2010)

Der hatte sich gegen die umstrittene Neubelebung der Karfreitagsfürbitte durch Papst Benedikt XVI. im Jahr 2007 ausgesprochen. In dieser Liturgie wird für die Erleuchtung der Juden gebetet, damit sie zu der Erkenntnis kommen, dass Christus der Retter aller Menschen ist. Diese Annäherung des Vatikans an die Traditionalisten in den eigenen Reihen hatte eine dramatische Störung des katholisch-jüdischen Verhältnisses zur Folge – und die Reaktion des DKR, der zudem massiv die wohlwollende Behandlung der erzkonservativen Pius-Brüder durch Papst Benedikt kritisierte.

Missionierung der Juden – nein danke!

Mit der Auszeichnung von Nikolaus Schneider würdigt der Koordinierungsrat vor allem die Pionierleistung seiner rheinischen Landeskirche. Die wandte sich bereits 1980 als erste evangelische Kirche in dem "Synodalbeschluss zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden" eindeutig von der Judenmission ab. In der Erklärung mit dem spröden Titel heißt es: "Wir bekennen uns zu Jesus Christus, dem Juden, der als Messias Israels der Retter der Welt ist und die Völker der Welt mit dem Volk Gottes verbindet". Doch Nikolaus Schneider wird auch deshalb gewürdigt, weil er sich als Ratsvorsitzender der EKD "ohne Wenn und Aber gegen die Judenmission" positionierte. Vor allem gewisse Gruppen aus dem theologisch konservativen evangelischen Bereich beharren auf der Missionierung von Juden.

Dresdner Synagoge Foto: Matthias Hiekel dpa/lsn +++(c) dpa - Bildfunk+++

Dresdner Synagoge

So skandierten sie im vergangenen Jahr beim evangelischen Kirchentag vor der Dresdener Synagoge: "Juden brauchen Jesus." Sonja Guentner, Vorsitzende der Union Progressiver Juden, befürchtet, dass die Judenmission zu einem massiven Problem werden könnte. "Das ist keine theologische Auseinandersetzung, sondern ein klarer Versuch der Vereinnahmung ohne Respekt vor der religiösen Identität."

"Jesus, ein Jude?"

Die Verleihung der "Buber-Rosenzweig-Medaille" in Leipzig ist zugleich der Startschuss für die "Woche der Brüderlichkeit", zum 60. Mal jährlicher Höhepunkt des christlich-jüdischen Dialogs. Ein Dialog, der vor allem in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten äußerst schwierig war. Zu tief waren nach dem Holocaust die Gräben. Alte antijüdische Nazi-Propaganda zeigte weiter Wirkung. So wurden zwischen 1945 und 1950 fast die Hälfte der jüdischen Friedhöfe in Deutschland geschändet.

Geschändeter jüdischer Friedhof in Schwäbisch Hall (AP Photo/Ufuk Arslan)

Geschändeter jüdischer Friedhof

Der jüdische Publizist Günther Bernd Ginzel, der sich jahrelang im christlich-jüdischen Dialog engagiert hat, berichtet über eine Veranstaltung Ende der 1960er Jahre in einer evangelischen Kirchengemeinde: "Ich sehe noch diesen alten Bauern, der in Tränen ausbrach, als ich über Jesus, den Juden, sprach. Er stand auf und rief erschüttert aus: 'Was? Mein Heiland, eine Judensau?'" Und Ginzel versichert, dass er ähnliche Reaktionen auch in akademischen Kreisen erfahren habe.

Gerade viele Pfarrer und Priester pflegten bis in die 1970er Jahre hinein einen manchmal offen formulierten Anti-Judaismus. Dieser scheint mittlerweile weitgehend überwunden und der christlich-jüdische Dialog sucht nach neuen Themenfeldern. Die sieht Sonja Guentner weder in theologischen Grundsatzfragen noch im Rückblick auf die deutsche Geschichte, sondern eher in christlich-jüdischen Gemeinsamkeiten zu gesellschaftspolitischen oder umweltpolitischen Fragen. Das versucht auch der Koordinierungsrat aufzugreifen. Im Rahmen der Woche der Brüderlichkeit treffen sich Vertreter der christlichen Kirchen und der Rabbinerkonferenzen. Die Themen in diesem Jahr: der Umwelt- und der Tierschutz.

Dialog ungleicher Partner

Woche der Brüderlichkeit 2012, Buber-Rosenzweig-Medaille; Nikolaus Schneider, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD); Copyright: Gesellschaften für Christlich-jüdische Zusammenarbeit - Deutscher Koordinierungsrat (DKR)

Präses Nikolaus Schneider

"In Verantwortung für den anderen" – so lautet das Motto der diesjährigen "Woche der Brüderlichkeit". Doch diese gegenseitige Verantwortung leidet seit den Gründungstagen an einer Schieflage, weil - zumindest theoretisch - rund 50 Millionen Christen in Dialog treten mit derzeit rund 120.000 Juden. Erschwert wird das Miteinander-Reden auch deshalb, weil die meisten orthodoxen jüdischen Gemeinden wenig Interesse am christlich-jüdischen Gespräch zeigen.

Preisträger Nikolaus Schneider sieht ein Problem auch darin, dass für die aus der Sowjetunion eingewanderten Juden der christlich-jüdische Dialog "kein Herzensanliegen" sei und sie dessen Notwendigkeit nicht sehen würden. Schneiders Appell an Juden und Christen: "Wir brauchen die nachwachsenden Generationen, die den Dialog zu ihrer Herzenssache machen. Wir brauchen junge gesellschaftspolitisch engagierte Leute, die sich für den Dialog begeistern lassen." Denn dieser Dialog bleibe auch im 60. Jahr der "Woche der Brüderlichkeit" eine "bleibende Notwendigkeit".

Autor: Michael Hollenbach
Redaktion: Klaus Krämer