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Afrika

Brustverstümmelung in Kamerun

Die grausame Praxis der Genitalverstümmelung ist bekannt. Doch kaum jemand weiß, dass in manchen Regionen Westafrikas jungen Mädchen auch die Brüste verstümmelt werden. Das soll die Sexualität der Mädchen kontrollieren.

Mutter stillt ihr Baby auf der Kinderstation eines Krankenhauses

Beim Stillen haben viele Frauen in Kamerun Schmerzen

Yabassi, ein paar Autostunden nördlich von Douala in Kamerun. Emilienne Ndombi sitzt in ihrer Holzhütte und verzerrt das Gesicht. Sie stillt ihre jüngste Tochter – und dabei hat sie stechende Schmerzen in der Brust. Sie könne das kaum ertragen, klagt sie. Aber in ihrem Dorf hätten alle Mütter große Probleme mit den Brüsten.

Eine gebrochene Frau

Heute ist Emilienne 35 Jahre alt, aber sie sieht viel älter aus. Eine gebrochene Frau, die nie eine Frau sein durfte. Sie ist müde und verlässt ihre Hütte nur noch selten - weil sie sich für ihre Brüste schämt, die nicht nur bei jeder Berührung weh tun, sondern auch voller Narben sind und außerdem viel zu groß für ihren kleinen, ausgezehrten Körper. Seit sie ganz klein war, erzählt Emilienne, habe ihre Mutter ihr immer mit heißen Steinen die Brüste massiert. "Es war sehr schlimm und hat sehr weh getan".

Vor der Hütte sitzt Emiliennes Mutter Anne Kwedi und schüttelt den Kopf. Sie habe nie gewollt, dass ihre Tochter leiden muss. Damals habe sie es doch nur gut gemeint: Mit dem Massieren der Brust fange man bei Mädchen im Alter von ungefähr acht Jahren an, damit sie keine richtigen Brüste bekämen und die Männer ihnen nicht nachliefen.

Ein brutales Ritual

Top-Model Waris Dirie klärt für UNICEF über Genitalverstümmelung auf

Über Beschneidung wird aufgeklärt, über Brustverstümmelung nicht

Brustbügeln - eigentlich eine sehr alte Methode. Früher glaubte man fälschlicherweise, dass die Mädchen dann genug Milch für ihre Kinder produzieren würden. Eine Studie der GTZ, der deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit zeigt, dass mit dieser grausamen Praxis erst seit ein paar Jahrzehnten vor allem das Erwachsenwerden hinausgezögert werden soll. Nicht nur in Kamerun sollen mehrere Millionen Mädchen betroffen sein, sondern auch in Togo, Benin, Nigeria und Äquatorialguinea. Viele Eltern haben panische Angst davor, dass ihre Töchter zu früh und ungewollt schwanger werden. Denn das bedeutet den sozialen Absturz, viele junge Mütter müssen die Schule verlassen und haben kaum mehr Aussicht auf einen Beruf oder eine Ehe – manche Mädchen werden sogar aus ihren Familien ausgeschlossen.

Da die Zahl der Vergewaltigungen und der Teenager-Schwangerschaften in Kamerun steigt, sind Mütter wie Anne Kwedi verzweifelt und glauben, sie könnten die Natur bremsen. Wenn schon nicht die der Männer, dann zumindest die ihrer eigenen Töchter. "Wir legen Steine ins Feuer und reiben damit den Mädchen die Brüste, damit sie nicht so schnell schwanger werden".

Eine Tortur, die nichts bringt

Frau mit Kind (Foto: Stefanie Duckstein)

Eigentlich wollen sie nicht, dass ihre Töchter leiden

Gebracht hat die Tortur nichts. Im Gegenteil. Emiliennes Brüste sind rätselhaft schnell gewachsen, schon mit 15 hat sie ihr erstes Kind bekommen, inzwischen sind es sechs, und die Schmerzen in ihren Brüsten werden immer schlimmer. Trotzdem wird das Brustbügeln in Kamerun und anderswo weiter praktiziert, und Ärzte wie der Kameruner Gynäkologe Dennis Kafunda warnen weiter vor den Folgen. Zellen könnten unkontrolliert nachwuchern, so wie bei Emilienne – und dadurch steige die Gefahr von Brustkrebs.

"Das ist einfach brutal", schimpft Kafunda, "und genau so schlimm wie die genitale Beschneidung". Wachstumshormone ließen sich eben nicht einfach wegbügeln. Aber darüber wisse eben niemand bescheid. Es fehle an Aufklärung – und vor allem an einer ehrlichen Debatte über Sexualität, Bildungsmangel und die Verlogenheit vieler westafrikanischer Gesellschaften. Niemand rede über Verhütung, geschweige denn über verantwortungslose Männer. Am Ende seien es die Töchter, die für die hilflose Angst der Mütter vor einer möglichen Aggression durch die Männer zahlen müssten. Töchter wie Emilienne, die einmal Mädchen waren, und nie wirklich Frau sein durften.

Autor: Alexander Göbel

Redaktion: Klaudia Pape