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Welt

Bruce Riedel: "Pakistan ist das größere Problem"

Bruce Riedel, Architekt der US-amerikanischen Afghanistan-Strategie, erklärt, warum er an einen Erfolg des NATO-Einsatzes glaubt - und warum die USA Afghanistan als Basis für Angriffe in Pakistan brauchen.

Bruce Riedel war als Experte für Südasien und den Nahen Osten leitender Berater der letzten vier US-Präsidenten. (Foto: Brookings)

Bruce Riedel

DW: Herr Riedel, ist Afghanistan das Vietnam der NATO?

Bruce Riedel: Nein. Die NATO verlässt ein Afghanistan, das ihren strategischen Hauptzielen entspricht: Al-Kaida daran zu hindern, Afghanistan als Basis für weitere Terroranschläge in Nordamerika und Europa zu nutzen und die Taliban daran zu hindern, das Land zu kontrollieren. Die Formel, auf die sich die NATO bei ihrem Gipfel in Chicago geeinigt hat, bedeutet einen verantwortungsvollen Rückzug unserer Truppen, eine langfristige strategische Verpflichtung für Afghanistan und eine afghanische Armee, die Al-Kaida und die Taliban daran hindern kann, erneut die Macht zu ergreifen.

Das bezweifeln viele Beobachter. Die Armee hat damit zu kämpfen, dass viele Soldaten bereits nach kurzer Zeit wieder abspringen. Nur ein winziger Teil der Einheiten kann ohne ausländische Unterstützung operieren.

Ich glaube, die Situation ist ein bisschen anders als dieses düstere Bild. Die afghanischen Sicherheitskräfte, die acht Jahre lang von der NATO vernachlässigt worden waren, sind in den vergangenen drei Jahren auf eine Größe von rund 350.000 Personen angewachsen. Der ISAF-Kommandeur, General John Allen, hat erklärt, dass sie sich sowohl quantitativ als auch qualitativ besser entwickeln als er erwartet hatte. Niemand weiß, wie gut sie sich nach 2014 schlagen werden; das ist die Zukunft und die entzieht sich nun einmal menschlicher Erkenntnis. Aber es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln, dass sie die Taliban in den großen Städten und in einem Großteil Nord- und Zentralafghanistans daran hindern können, die Kontrolle zu ergreifen. Die Taliban sind keine Titanen, sondern eine paschtunische Armee von Analphabeten, die vor allem deshalb überlebt, weil sie von Pakistan unterstützt wird.

Der Trend scheint in eine andere Richtung zu weisen: Die Zahl der zivilen Opfer steigt seit Jahren, ebenso steigen - mit Ausnahme von 2011 - die Verluste der US-Armee. Laut einer Studie der International Crisis Group ist es den Taliban gelungen, immer größere Gebiete zu kontrollieren.

Das entspricht nicht den Daten, die die NATO-Führung in Afghanistan veröffentlicht hat. Zivile Opfer sind ein Problem. Heute werden aber von der NATO mehr Regionen als vor drei Jahren - Kandahar, Helmand und andere Provinzen - als halbwegs sicher betrachtet. Präsident Obama hat in Chicago gesagt, dass die Stoßkraft der Taliban in den vergangenen drei Jahren gebrochen wurde und dass dies den Rückzug der Kampftruppen der Vereinigten Staaten und anderer NATO-Länder ermöglicht. Und letzen Endes bin ich eher bereit, dem Präsidenten mein Vertrauen zu schenken als der International Crisis Group.

In einem Wahljahr eine Niederlage einzuräumen, wäre kaum eine Alternative gewesen.

Ich glaube nicht, dass wir geschlagen sind. Die NATO ist dabei, ihre sicherheitspolitischen Minimalziele zu erreichen, nämlich dass Afghanistan künftig keine Basis für Terroroperationen sein kann. Darüber hinaus gestattet ein Abkommen mit den Afghanen den Vereinigten Staaten für das nächste Jahrzehnt den Zugang zu afghanischen Militärbasen, um von dort aus Antiterror-Einsätze in der Region durchzuführen. Das ist ebenfalls eine wichtige Errungenschaft. Durch das langfristige strategische Abkommen können wir sicher sein, dass wir bis 2025 Einsätze wie die Tötung von Osama bin Laden im Mai 2011 und Drohnenangriffe von Afghanistan aus durchführen können.

Ist Afghanistan zu einer Basis für Angriffe auf Pakistan geworden?

Nun, Pakistan gewährt der Taliban-Führung noch immer Unterschlupf. Eine NATO-Studie, die auf Verhören von 4000 gefangenen Taliban basiert, kam zu dem Schluss, dass Pakistans Militärgeheimdienst ISI den Aufenthaltsort aller Taliban-Führer kennt und sich regelmäßig mit ihnen trifft, darunter der Taliban-Anführer Mullah Omar. Aber Sie haben recht: Afghanistan ist zur Basis für Antiterror-Missionen in Pakistan geworden. Es ist klar geworden, dass Pakistans Regierung nicht entschlossen gegen Terroristen vorgehen wird. Drei der fünf meistgesuchten Terroristen auf der Liste der amerikanischen Regierung sind in Pakistan. Hafiz Saeed, der Kopf von Lashkar-i-Toiba, erscheint sogar regelmäßig im Fernsehen und tritt bei Großkundgebungen auf.

Die Drohnenangriffe in Pakistan haben unter Obama massiv zugenommen. Von völkerrechtlichen und moralischen Fragen einmal abgesehen: Tragen die gezielten Tötungen nicht zur Destabilisierung Pakistans bei?

Es ist eine harte Entscheidung. Da Pakistan nicht willens ist, das terroristische Frankenstein-Monster zu kontrollieren, das es zu erschaffen geholfen hat, müssen wir Maßnahmen treffen, es zu zerstören. Wir können uns nicht den Luxus leisten, darauf zu hoffen, dass die Terroristen liebe Jungs sein und keine Anschläge auf die Vereinigten Staaten oder Europa verüben werden. Die Drohnenangriffe hatten einen verheerenden Effekt auf Al-Kaidas operative Fähigkeiten. Al-Kaida ist in Pakistan im Vergleich zu 2009, als Präsident Obama das Amt antrat, stark geschwächt. Das ist fast ausschließlich die Folge der amerikanischen Einsätze. Wir hatten praktisch keine Unterstützung der pakistanischen Regierung. Pakistan war im vergangenen Jahrzehnt eher ein Hindernis als eine Hilfe im Kampf gegen Al-Kaida.

Sie haben die gegenwärtige US-Politik maßgeblich mitgestaltet: Nach dem Amtsantritt von US-Präsident Barack Obama im Jahr 2009 wurde die Afghanistan-Strategie unter Ihrer Leitung überarbeitet. Was waren Ihre wichtigsten Vorschläge?

Es gab zwei fundamentale Veränderungen. Die erste war die Erkenntnis, dass Pakistan das schwerwiegendere Problem ist und dass Pakistans Toleranz gegenüber - wenn nicht gar Komplizenschaft bei - der Unterstützung von Terrorismus eine große Bedrohung nicht nur der Vereinigten Staaten ist. Und wir haben, wie gesagt, die Anstrengungen verstärkt, mit diesem Problem umzugehen. Die zweite Veränderung war die Erkenntnis, dass für den Aufbau einer afghanischen Armee bis 2008 zu wenige Ressourcen und Gelder bereitgestellt worden waren und die Taliban in der Folge in ein Vakuum stoßen konnten. Wir waren 2001 und 2002 in einer Position, in der wir Afghanistan mit einer relativ kleinen Anzahl ausländischer Truppen und mit größeren Hilfsprogrammen hätten stabilisieren können. Das haben wir völlig versäumt. Die Bush-Regierung war von ihrem Irak-Einsatz besessen. Als die Obama-Regierung antrat, hatte sie keine Zeitmaschine, um die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren. Unsere Lösung bestand darin, die afghanische Armee so zu stärken, dass sie mit finanzieller und anderer Unterstützung, aber ohne ausländische Kampftruppen mit den Taliban fertigwerden kann. Das ist keine perfekte Lösung des Afghanistan-Problems. Der Bürgerkrieg zwischen den Taliban und der demokratisch gewählten und international anerkannten Regierung wird wahrscheinlich weitergehen. Es wäre wesentlich besser, wenn die Taliban in einen politischen Prozess einträten, aber wir können sie nicht dazu zwingen. Wir können nur zeigen, dass wir dem offen gegenüberstehen.

Wie wird Afghanistan - im ungünstigsten und im besten Fall - in zehn Jahren aussehen?

Im schlimmsten Fall geht der Bürgerkrieg weiter und die Taliban kontrollieren Teile des Südens und des Ostens des Landes. Das wäre eine Tragödie. Es hieße, dass die Schrecken des Krieges, die Afghanistan bereits 30 Jahre durchlebt hat, ein weiteres Jahrzehnt weitergingen. Der beste Ausgang wäre es, wenn die Taliban der Teilnahme an einem politischen Prozess zustimmen, eine Waffenruhe und eine politische Aussöhnung erreicht wird und die äußere Einmischung in Afghanistans innere Angelegenheiten zu einem Ende kommt, während wir die Afghanen ihre Probleme durch einen politischen Prozess lösen lassen - und nicht durch Gewalt.

Bruce Riedel war als Experte für Südasien und den Nahen Osten leitender Berater der letzten vier US-Präsidenten. Von Präsident Barack Obama wurde Riedel beauftragt, die Überarbeitung der US-Politik gegenüber Afghanistan und Pakistan zu leiten; die neue Strategie stellte Obama im März 2009 vor. Zuvor war Riedel 30 Jahre lang in verschiedenen Funktionen für den Auslandsgeheimdienst CIA tätig. Riedel gehört heute der Washingtoner Denkfabrik Brookings Institution an. Er ist Autor verschiedener Bücher, darunter "Deadly Embrace: Pakistan, America, and the Future of the Global Jihad".

Das Gespräch führte Dennis Stute

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