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Kultur

Brot – nur etwas für Arme?

Essen Sie Brot oder sind Sie schon auf Diät? Hinter manchem Diätwahn verbirgt sich die Sehnsucht nach mehr, meint Christine Hober von der katholischen Kirche.

Wie so oft hatten wir Freunde eingeladen. Kochen gehört zu meinen Leidenschaften und gerne überrasche ich unsere Gäste mit mehrgängigen Menüs. Doch diesmal ging es vor allem um die Geselligkeit, die Einladung war spontan. Und spontan war auch meine Entscheidung für eine klassische Brotzeit. Skeptische Blicke – vor allem bei den Damen – verrieten mir, dass irgendetwas nicht stimmte. Die Erklärung war so simpel wie anmaßend: Brot enthalte nur Kohlenhydrate und sei deshalb schon seit längerem von ihrem Speiseplan gestrichen. Stattdessen gebe es reichlich Fleisch und Fisch in Begleitung von Gemüse oder Salat. Die ideale Art, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, die Eiweißdiät als Garant für schnelles Abnehmen! Brot als Lieferant purer Kohlenhydrate ist für Figur bewusste Zeitgenossen offenbar ein „No-go“.

Ist Brot also heutzutage nicht mehr ist als ein Synonym für Kohlenhydrate? Wie ist dann das Jesuswort „Ich bin das Brot des Lebens“ aus dem Johannesevangelium zu verstehen? Gewiss, Brot ist ein alltägliches Nahrungsmittel, doch Brot ist noch viel mehr: etwas Heiliges, das im Sinne des Wortes lebenserhaltend ist. Brot symbolisiertdie Güte der Schöpfung und des Schöpfers, Brot steht für menschliche Demut und Dankbarkeit.Im Symbol des Brotes treffen sich der gebende Gott und der empfangende Mensch.

Essen als Life-Style

In unserer Gesellschaft gibt es Essen im Überfluss, die Vielfalt der Brotsorten macht auch Brot zu einem Konsumgut. Essen ist Life-Style, Diäten begeistern wie neue Heilsversprechen. Sie stellen Gewichtsabnahme, Traumfigur und damit ein sinnerfülltes und scheinbar unendliches, weil gesundes Leben in Aussicht – und das alles, ohne wirklich etwas entbehren zu müssen. Dabei bedeutet das aus dem Griechischen kommende Wort Diät ursprünglich „Lebensführung“ oder „Lebensweise“. Eine Diät im ursprünglichen Sinne des Wortes hieße dann zunächst, den eigenen Lebensstil auf den Prüfstand zu stellen. Denn eine bewusste Lebensweise bedeutet weit mehr als nur eine Ernährungsumstellung.

Die Entscheidung, eine Diät zu machen, ist häufig Ausdruck eines unbestimmten Unwohlseins. Indem fast alle Diäten schnelle Erfolge versprechen, rückt das ersehnte Ideal des schlanken, sorgenfreien und erfolgreichen Menschen in greifbare Nähe. Und alle Probleme scheinen sich in Luft aufzulösen.

Aber vielleicht sollte man, statt blind in einer Diät sein Heil zu suchen, zunächst einmal innehalten. Überlegen, welchen Stellenwert das Essen im eigenen Leben einnimmt. Sich klarmachen, dass gerade die vielgepriesene Eiweißdiät im Grunde genommen ein Luxus ist, den sich nur Wohlhabende leisten können. Vielleicht einmal ganz bewusst ein Stück Brot zu essen und festzustellen, dass Brotessen etwas Mystisches sein kann – es auf geheimnisvolle Weise mehr sein kann als reine Nahrungsaufnahme. So wie auch Jesus als „Brot des Lebens“ mehr für uns sein will als eine Sättigung unserer Grundbedürfnisse. Hunger und Durst und ihre Stillung stehen seit jeher für die Überwindung von existentieller Angst und Not. Genau deshalb will Jesus für uns Brot sein: Ein ganz besonderes Brot, das mehr vermag als physischen Hunger zu stillen. Ein lebendiges Brot, das eine Verheißung in sich birgt, nach der jeder Mensch aus tiefster Seele verlangt.

Sehnsucht nach dem vollkommenen Leben

Ist also das ersehnte Ideal des schlanken, sorgenfreien und erfolgreichen Menschen vielleicht im Grunde nichts anderes als die uneingestandene Sehnsucht nach einem vollkommenen Leben? Auch wenn ich es nicht klar benennen kann?

Fronleichnam 2003

Ein Leben, das Angst, Leid, Not und Ungerechtigkeit überwindet. Jesus als lebendiges Brot, das vom Himmel kommt, verspricht uns ein solches Leben: „Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben“ (Joh 6,35).

Die Feier von Fronleichnam erinnert daran, dass Jesus Christus als „Brot des Lebens“ mitten unter uns lebt. Der Brauch, die Hostie in einer Monstranz auszustellen und zu verehren und in einer Prozession durch die Straßen zu tragen, macht deutlich, dass wir Jesus nicht suchen müssen: er ist da, mitten unter uns, greifbar, essbar. Er geht mit uns durch unser Leben - mit all seinen Abgründen und Unwägbarkeiten. Das in der Monstranz in die Welt hinausgetragene Brot weist also über sich hinaus auf Gottes „Ich-bin-da-für-Euch“.

Christine Hober Theologin

Dr. Christine Hober, Bonn

Zur Autorin:

Christine Hober, Dr. theol., arbeitet als Verlagslektorin bei Butzon & Bercker. Sie lebt in Bonn, ist verheiratet und hat zwei Kinder.