Britisches Gesundheitssystem krankt am Brexit | Europa | DW | 11.01.2018
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Europa

Britisches Gesundheitssystem krankt am Brexit

Das britische Gesundheitssystem NHS sollte durch den Ausstieg aus der EU besser werden, haben die Brexit-Befürworter versprochen. Doch das Gegenteil dürfte eintreten.

Großbritannien London - Proteste gegen Kürzungen für NHS (Getty Images/J. Talyor)

Demonstration für mehr Geld im Gesundheitssystem

Früher galt der National Health Service (NHS) als leuchtendes Beispiel für ein öffentlich finanziertes und doch bezahlbares Gesundheitssystem für alle. Wie sich die Dinge geändert haben! Verschiedenen Londoner Regierungen ist es nicht gelungen, die Probleme ausufernder Kosten, zurückgehender Investitionen, schwindender Ressourcen und eines immer ernsteren Fachkräftemangels in den Griff zu bekommen. Die amtierende Premierministerin Theresa May hat sich erst am Mittwoch wieder bei Patienten entschuldigt, deren Operationen verschoben werden mussten.

Während der Kampagne zum Brexit-Referendum 2016 wurde das NHS von den Befürwortern eines britischen EU-Austritts politisch missbraucht. Sie behaupteten, die 350 Millionen Pfund (umgerechnet knapp 400 Millionen Euro), die die britische EU-Mitgliedschaft wöchentlich kostet, würde man bei einem Brexit sparen und man könnte das Geld stattdessen ins NHS stecken. Das stellte sich als große Lüge heraus, dürfte aber für die Brexit-Entscheidung mitverantwortlich gewesen sein.

Wie wird sich der Brexit nun in puncto Personal, Finanzierung und medizinische Forschung auf ein jetzt schon schlecht funktionierendes Gesundheitssystem auswirken?

England NHS Notaufnahme (picture alliance/empics/PA Wire/P. Byrne)

Britische Notaufnahme: Es fehlt Geld und Personal

Schwachpunkt ausländisches Personal

Das NHS ist schon lange auf Beschäftigte aus dem EU-Ausland angewiesen, um Engpässe auszugleichen. 2017 waren 60.000 Menschen aus anderen EU-Staaten im eigentlichen NHS beschäftigt, weitere 90.000 anderweitig im sozialen Bereich. Bereits heute wandern EU-Ausländer aber ab, weil sie nicht wissen, ob sie nach dem Brexit im Land bleiben können und ob sie künftig als Beschäftigte weniger Rechte haben werden als Einheimische.

Der Londoner Gesundheitsexperte Prof. Martin McKee ist Mitautor einer umfassenden Untersuchung zu den Auswirkungen des Brexit auf das britische Gesundheitssystem. Er sieht die Zukunft düster: "Die frühesten Zeichen waren ein dramatischer Rückgang bei den Neueinstellungen von EU-Ausländern. Die Zahl der Bewerbungen von Krankenschwestern und Pflegekräften ging gleich nach dem Brexit-Votum um 96 Prozent zurück. Und viele derer, die schon im NHS beschäftigt waren, gehen seitdem in ihre Heimatländer zurück", sagt McKee der Deutschen Welle.

Kann das britische Gesundheitssystem die Lücken füllen? "Wir haben bereits große Probleme, ausreichend Personal für unsere Krankenhäuser zu finden", sagt McKee. "Erst heute soll ein Krankenhaus Alarm geschlagen haben, weil es möglicherweise die Chemotherapie für Krebspatienten verschieben muss, und zwar schlicht deshalb, weil dafür das Fachpersonal fehlt. Von den Ärzten stammen zehn Prozent aus anderen EU-Ländern. Viele von ihnen haben gesagt, sie überlegten wegzugehen."

Die Brexit-Befürworter haben immer gesagt, Großbritannien könne ja das fehlende Personal aus anderen Teilen der Welt rekrutieren. Doch McKee meint, damit würde man vieles zunichtemachen, was man in mühevoller Arbeit aufgebaut habe: "Die EU hat zum Beispiel bei der Angleichung und gegenseitigen Anerkennung von Qualifikationen viel geleistet, damit man staatsübergreifend Personal anheuern kann."

Großbritannien Brexit-Bus (picture-alliance/empics/S. Rousseau)

Die Brexit-Freunde hatten versprochen, statt nach Brüssel werde Geld ins Gesundheitssystem (NHS) fließen

Der wirtschaftliche Aspekt

Abgesehen davon, dass sich der Brexit wahrscheinlich negativ auf die britische Wirtschaft insgesamt auswirken wird, wird man das nach Meinung von Prof. McKee im britischen Gesundheitssystem auch ganz praktisch spüren: "Das Pfund ist heute viel weniger wert, und das NHS ist natürlich darauf angewiesen, aus anderen Ländern große Mengen Arzneimittel und Medizintechnik einzukaufen." Das werde nun teurer.

Außerdem hat das NHS seit 2001 günstige Kredite von der Europäischen Investitionsbank in Höhe von rund 3,5 Milliarden Euro für Infrastrukturinvestitionen erhalten. "Wenn diese zinsgünstige Finanzierung verlorengeht", so McKee, "müssten Krankenhäuser auf dem normalen Kapitalmarkt Kredite zu weit höheren Zinsen aufnehmen."

Seine Kollegin und Mitautorin Prof. Tamara Hervey von der Universität Sheffield sagt, NHS-Patienten profitierten auch von Projekten, zum Beispiel beim Zugang zu neuen Medikamenten oder medizinischen Geräten, die von der Europäischen Union mitfinanziert würden. "Wir wissen, dass jede qualitativ hochwertige medizinische Forschung mehrere Staatsgrenzen überschreitet. Das bedeutet, selbst wenn Großbritannien die EU-Finanzierungslücke schließt, wären die Patienten schlechter dran als heute, weil man den Nutzen der Zusammenarbeit verliert", so Hervey.

NHS Schwester Krankenhaus Medizin Großbritannien (Getty Images/Christopher Furlong)

Die Bewerbungen von Krankenschwestern aus dem EU-Ausland sind dramatisch zurückgegangen

Der Faktor Forschung      

Es ist kein Geheimnis, dass sich die wissenschaftliche Gemeinschaft ganz überwiegend gegen den Brexit ausgesprochen hat. Abgesehen davon, dass der bevorstehende Brexit dazu geführt hat, dass zahlreiche EU-Wissenschaftler britische Universitäten wieder verlassen haben", sagt McKee, "gibt es noch einen weiteren entscheidenden Aspekt: Das Ende EU-einheitlicher Datenschutzbestimmungen wird dazu führen, dass der Informationsaustausch zwischen der EU und Großbritannien sehr schwierig wird."

Und wie steht es um die Beschäftigungsaussichten im Vereinigten Königreich? "Der Brexit wird die Karriereaussichten von Forschern im Gesundheitsbereich erschweren, auch in Großbritannien", sagt Hervey, "denn die EU-Freizügigkeit gibt den Forschern einschließlich ihren Familien mehr Rechte als die nationale Gesetzgebung."

Offene Feindseligkeit gegenüber Ausländern nach dem Brexit-Votum tut ein übriges. "Viele meiner Kollegen spüren im Alltagsleben deutlich mehr Anfeindungen, sogar solche aus Ländern wie Deutschland oder Schweden, was man normalerweise nicht erwarten würde", sagt McKee.

Großbritannien könnte auch bei einem der prestigeträchtigsten Forschungs- und Innovationsförderprogramme der EU verlieren, bei Horizont 2020. Es hat für den Zeitraum 2014 bis 2020 einen Umfang von fast 80 Milliarden Euro. "Die britische Regierung hat zugestimmt, den Beitrag für die laufende Periode beizubehalten", sagt McKee, "aber wenn man die ernsten finanziellen Folgen des Brexit für die gesamte britische Wirtschaft bedenkt, kann man sich kaum vorstellen, wie es weitergehen wird."  

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