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Digitales Leben

Britischer Geheimdienst hackt Netzdebatten

Klickzahlen frisieren, Umfragen fälschen: Laut neuester Snowden-Enthüllungen kann der britische Geheimdienst Webinhalte stark manipulieren. Die Spione nutzen dafür einfache Programme, die aber kaum bemerkbar sind.

Es ist ganz simpel: Umso mehr Nutzer ein Video auf youtube aufrufen oder herunterladen, desto sichtbarer und prominenter wird es für andere Nutzer auf der Plattform präsentiert: Das klassische Schneeballprinzip der sozialen Medien. Dieses Prinzip können sich Hacker zunutze machen und mit

selbst programmierter Software

eine höhere Beliebtheit eines Inhalts vortäuschen. Und genau das scheinen auch Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes GCHQ zu tun.

Glenn Greenwald Blogger Journalist 09.07.2013 in Rio de Janeiro

Brachte mit Snowden die NSA-Affäre ins Rollen: US-Journalist Glenn Greenwald

Entsprechende Tools finden sich auf einer Liste, die der US-Journalist Glenn Greenwald auf der Internetplattform

"The Intercept"

präsentiert. Laut Greenwald stammt die Liste von einer Spezialabteilung, die innerhalb des GCHQ Spionage-Software entwickelt.

Dem Dokument zufolge kann der Geheimdienst unter anderem Skype-Gespräche in Echtzeit überwachen, Besucherzahlen von Webseiten künstlich aufblähen oder die Ergebnisse von Online-Abstimmungen manipulieren. "Ein großer Teil der Angriffe, die sich auf dieser Liste finden, ist auf ganz einfachem Niveau", sagt Thorsten Strufe, Informatiker und Professor für Datenschutz an der Technischen Universität Dresden. "So ein Skript, das auf eine anvisierte Webseite geht und die gewünschten Aktionen ausführt, kann jeder Informatikstudent im dritten Semester programmieren."

Unsichtbare Angriffe

Doch so einfach die kleinen Programme auch gestrickt sind – ob die Angriffe bemerkbar sind, hängt von ihrer Größenordnung ab. "Wenn die Manipulation von einem einzelnen Nutzer oder einer relativ kleinen Organisation wie einer Universität ausgehen, ist die Manipulation leicht erkennbar", erklärt Struve. Denn jeder Rechner, der sich im Internet bewegt hat eine

IP-Adresse

, die ihm eindeutig zuzuordnen ist. Wenn eine kleine Anzahl von Rechnern immer wieder auf eine Webseite oder ein Video zugreift, wird es also auffällig. Der Seitenbetreiber kann schnell merken, dass etwas nicht stimmt.

"Geheimdienste haben da aber ganz andere Ressourcen zur Verfügung. Sie haben Zugriff auf eine große Anzahl unterschiedlicher IP-Adressen", erklärt Strufe. Eine Manipulation durch ein

Botnet

- ein großes Netzwerk von Rechnern, auf denen automatisierte Programme laufen – ist nur sehr schwer zu identifizieren.

Captcha Entwickler Luis von Ahn

"Captcha" soll Menschen von Robotern unterscheiden

"Nichts, das wir nicht bauen könnten"

Natürlich gibt es Werkzeuge, um sich auch vor solchen breit angelegten Angriffen zu schützen. Ein solches Tool ist beispielsweise das sogenannte "Captcha": Eine Reihenfolge von verzerrten Buchstaben oder Zahlen, die der Nutzer erkennen und dann in ein Feld eintragen muss. So soll sicher gestellt werden, dass ein Mensch am Rechner sitzt und kein automatisiertes Programm die Eingabe macht und beispielsweise nur Daten abgreift. Doch auch hier hat der britische Geheimdienst vorgesorgt: Auf der Liste der einsatzfähigen Programme findet sich auch ein "Captcha Cracker", der diese Form der Abwehr umgehen kann.

Insgesamt listet das Dokument 125 Werkzeuge zur Überwachung und Manipulation des Internets. Bereits bekannt ist, dass der britische Geheimdienst gezielt Blogeinträge streut, Besucher von WikiLeaks überwacht und private Facebook-Profile ausspioniert. Die Tools sind dem Dokument zufolge entweder bereits verfügbar oder im Endstadium der Programmierung. Außerdem heißt es an die Spione gerichtet: "Wenn Ihnen in der Liste etwas fehlt, heisst das nicht, dass wir es nicht bauen können".

Vom Umfang der Aktivitäten des britischen Geheimdienstes ist Thorsten Strufe nicht überrascht. Umso mehr aber von den Zielen, die der GCHQ damit verfolgt: "Was mich irritiert ist, dass die Tools nicht nur zur Analyse von Inhalten im Netz genutzt werden, sondern für die gezielte Meinungsmache im Netz." Es sei mehr als fragwürdig, ob die Verbreitung von Propaganda zu den Aufgaben von Geheimdiensten gehöre.

Greenwald: "Propaganda und Täuschung"

Den Zeitpunkt für die Enthüllungen hat der US-Journalist Glenn Greenwald bewusst gewählt: Am Montag (15.07.2014) begann im britischen Parlament eine Debatte, bei der über eine Ausweitung der Kompetenzen der britischen Geheimdienste verhandelt wird. Premierminister David Cameron will im Eilverfahren eine Vorratsspeicherung von Telefon und Internetdaten beschließen. Laut Greenwald handelt es sich bei der vom ihm veröffentlichten Liste von Spionage-Programmen um "einige der erstaunlichsten Methoden von Propaganda und Täuschung im Internet", die im Snowden-Archiv enthalten seien.

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