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Europa

Britische Juden: "Wir sind nicht damit einverstanden"

Die israelische Politik stößt bei britischen Juden zunehmend auf Kritik. Mehrere Hundert von ihnen, darunter viele Prominente, haben eine Protesterklärung unterzeichnet.

Juden in Londoner Synagoge

Juden in Londoner Synagoge

Im Rathaus von Hampstead im Norden Londons drängen sich Hunderte von Menschen. Die Atmosphäre ist gespannt. In der jüdischen Gemeinde in Großbritannien hat die Grundsatz-Erklärung der "Independent Jewish Voices" erbitterte Kontroversen ausgelöst. Die "Unabhängigen Jüdischen Stimmen" fordern Frieden, Sicherheit und Menschenrechte für Juden und Palästinenser. Dies ist ihr erster öffentlicher Auftritt.

"Es ist höchste Zeit, dass Juden laut sagen: 'Wir sind nicht damit einverstanden, was in unserem Namen im Nahen Osten geschieht'", erklärt einer der Anwesenden. Beifälliges Nicken.

"Nicht eine, sondern viele Stimmen"

Ein israelischer Soldat führt einen Palästinenser, dessen Hände gefesselt und Augen verbunden sind (Quelle: AP)

Die israelische Außenpolitik steht in der Kritik

Die Liste der Gründungsmitglieder der "Jewish Independent Voices" liest sich wie ein Who's Who prominenter jüdischer Intellektueller, Schriftsteller und Künstler in Großbritannien: Harold Pinter, Eric Hobsbawn, Susie Orbach, Stephen Fry. Organisator des Treffens ist der Historiker Donald Sassoon. Er unterstreicht, die neue Initiative verstehe sich als Plattform für einen offenen Dialog: "Es stimmt nicht, dass alle Juden die Politik der israelischen Regierung unterstützen. Die jüdische Gemeinde hat nicht eine, sondern viele Stimmen." Darunter seien Zionisten, Antizionisten, religiöse und nicht religiöse Ansichten zu finden.

Mindestens 15 Länder gebe es, so Sassoon, in denen Juden ähnliche Diskussionsforen geschaffen haben: "Wir haben Emails aus Australien, aus den USA und natürlich auch viel Zuspruch aus Israel bekommen."

Schlecht vertreten durch die Deputiertenkammer

Traditionell gilt die jüdische Deputiertenkammer als das Sprachrohr britischer Juden. Sie besteht aus Vertretern jüdischer Gruppen und Synagogen. Die Deputiertenkammer stellt sich im Namen der britischen Juden voll hinter die Politik der israelischen Regierung - zu Unrecht, findet Donald Sasoon. Er sieht eine Parallele zur Situation britischer Muslime. Auch sie klagen, dass der britische muslimische Dachverband ihre Interessen und Ansichten nicht widerspiegle. Auch sie werden als Verräter beschimpft, wenn sie es wagen, ihre eigene Gemeinschaft zu kritisieren.

Die Diskussion im Rathaus von Hampstead dreht sich inzwischen um UN-Resolutionen und israelische Menschenrechtsverletzungen. Ein Reizthema, wie sich herausstellt. Neil Singer, ein Herr im Publikum, verteidigt die jüdische Deputiertenkammer. Und die israelische Regierung.

"Ihr schaut den Tatsachen nicht ins Auge", wirft er den Anwesenden vor: "Wir Juden schweben alle in Gefahr. Und ob es euch gefällt oder nicht: Unsere Situation ist sicherer, eben weil Israel exisitiert." Beifall brandet auf, Buhrufe erschallen. "Israel kämpft euren Kampf, israelische Kinder kämpfen für eure Sicherheit", schiebt der Redner nach.

"Emotionale Erpressung"

Porträt von Harold Pinter (Quelle: AP)

Nobelpreisträger Harold Pinter ist einer der prominentesten Unterzeichner

Ebenfalls im Publikum: Ein ehemaliger israelischer Kampfpilot, der wegen seiner Weigerung, palästinensische Dörfer zu bombardieren, entlassen wurde. Er schäme sich, solche Worte zu hören, sagt er. Dies sei emotionale Erpressung.

Nah-Ost-Experte Tony Klug fordert Abstand, und einen Sinn für historische Perspektiven. Keine Seite dürfe verteufelt werden: "Was 1948 nach dem Holocaust und nach den doppelzüngigen Machenschaften der Verbündeten eine Befreiung für ein gequältes Volk war, war eine Katastrophe für ein anderes."

Forderung nach internationalem Druck auf Israel

Im Herzen der Debatte steht stets die Frage nach der jüdischen Identität. Die Literaturwissenschaftlerin Jacqueline Rose warnt, Juden dürften sich nicht allein aus ihrer Geschichte definieren. Opfer könnten eine fatale Tätermentalität entwickeln, die alle Handlungen rechtfertige - auch Verstöße gegen das Menschenrecht. "Wir sind besorgt über eine Atmosphäre, in der praktisch kein internationaler Druck auf Israel ausgeübt wird", sagt Rose. Man wolle einen Raum schaffen für die wachsende Anzahl von Stimmen, die nicht damit einverstanden sind, dass Israel in ihrem Namen spreche.

Der Abend geht lebhaft, aber friedlich zu Ende. In den USA wäre so ein Treffen viel hitziger verlaufen, sagt Paul Auerbach, amerikanischer Jude und langjähriger Wahlbrite. Auch er hat die "Independent Jewish Voices" unterzeichnet. Aber nicht, weil er Jude ist, sondern weil er die rationale Lösung eines - wie er es nennt - "internationalen politischen Problems" fordert. Der Gedanke, dass ihm ein spezifisch ethnisches Label verpasst werde, sei für ihn absurd und unangenehm, sagt Auerbach: "Aber letztendlich bin ich mit den Zielen der Petition einverstanden. Deshalb beschloss ich, sie trotzdem zu unterschreiben."

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