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Nahost

Briten nach Prügel-Video um Schadensbegrenzung bemüht

Britische Soldaten haben im Irak offenbar Zivilisten misshandelt. Dabei galten die Briten bisher – im Vergleich zu den amerikanischen GIs - als "Gentlemen in Uniform". Allerdings haben sie es im Irak auch etwas leichter.

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Soldaten sollen Jugendliche mit Knüppeln geschlagen haben

Die britische Boulevard-Sonntagszeitung "News of the World" hatte als erste von einem Video berichtet, das später auch zahlreiche britische Fernsehsender zeigten: Auf dem Band, das schon im Jahr 2004 entstanden sein soll, sind Soldaten in britischen Uniformen zu sehen. Sie zerren drei harmlos aussehende Jugendliche in einen von Mauern umgebenen Hof, treten auf sie ein und verprügeln sie mit Knüppeln. Die BBC will innerhalb von einer Minute 42 Schläge und Stöße gegen die Teenager gezählt haben.

Schaden fürs britische Ansehen

Zeitung Britische Soldaten Misshandlungs-Vorwürfe Irak

Die britische Boulevardzeitung 'News of the World' brachte das Video an die Öffentlichkeit

Das Video hat Bestürzung ausgelöst. Premierminister Tony Blair verkündete: "Wir nehmen die Vorwürfe über Misshandlungen sehr ernst, sie werden vollständig aufgeklärt." Ein Verdächtiger wurde bereits am Montag in Gewahrsam genommen, zwei weitere Soldaten wurden am Dienstag (14.2.2006) von der britischen Militärpolizei verhaftet.

Der Generalsekretär des Rates der Muslime Großbritanniens, Sir Iqbal Sacranie, erklärte: "Vorfälle wie diese fügen unserem Ansehen in der muslimischen Welt enormen Schaden zu und bringen auch die britischen Truppen, die gewissenhaft ihre Pflicht erfüllen, in große Gefahr." Ein leitender Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums in London sagte der britischen Tageszeitung "The Times", die Angelegenheit hätte "zu keinem schlechteren Augenblick" bekannt werden können, da in der muslimischen Welt ohnehin schon große Wut über die Karikaturen des Propheten Mohammed herrsche. Wegen der Videoaufnahmen stellte die südirakische Stadt Basra die offiziellen Beziehungen zu den Streitkräften Großbritanniens bis auf weiteres ein.

"Keine systematische Politik"

Vorwürfe gegen britische Soldaten gab es immer mal wieder; 2005 wurden drei Briten wegen Misshandlungen Gefangener aus der Armee ausgeschlossen. Dennoch gehen Experten davon aus, dass die Übergriffe Einzelfälle sind. "Es ist nicht auszuschließen, das so etwas mehrmals vorgekommen ist," erklärt Christoph Schumann, der sich an der Uni Erlangen-Nürnberg mit Nahost-Politik befasst. "Aber es steckt sicher keine systematische Politik dahinter." Margret Johannsen, Nahost-Expertin am Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik, vermutet: "Es scheint, als hätten einige Soldaten im Stress der Besatzung die Kontrolle verloren."

Glück mit dem Gebiet

Archivbild Britische Soldaten in Irak

Die britischen Truppen haben im Irak einen Vorteil: Ihr Gebiet hat weniger Konfliktpotenzial

Aber die Royal Army scheint mit der Besatzung doch besser zurechtzukommen als zum Beispiel die US-Amerikaner. "Die Briten haben den Vorteil, dass sie ein Stück Land beherrschen, das konfessionell und ethisch homogen ist", sagt Schumann. Der Süden um die Stadt Basra herum sei nämlich "fast ausschließlich" von Schiiten bewohnt – die aufständischen Sadr-Milizen zum Beispiel hätten ihre Anhängerschaft dagegen hauptsächlich in und um Bagdad, erklärt der Experte vom Institut für Politik und Zeitgeschichte des vorderen Orients.

"Außerdem kennen die Briten die irakische Gesellschaft, weil sie schon vor dem zweiten Weltkrieg dort als Kolonialmacht waren", sagt Schumann. Johannsen resümiert: "Die Briten haben nicht alles besser gemacht, sondern hatten einfach günstigere Bedingungen."

Hilfe von der Schiiten-Miliz

Allerdings hätten sich die britischen Streitkräfte im Irak auf eine riskante Zusammenarbeit eingelassen, sagt Schumann: eine Art "Gentlemen's Agreement" mit schiitischen Milizen. Die sollen im britisch besetzten Gebiet für Ordnung sorgen, halten sich aber laut Schumann nicht immer an westliche Standards: "Die treiben illegalen Handel, und Läden, in denen Alkohol verkauft wird, werden mit Gewalt geschlossen." Dass eine nichtstaatliche Miliz so viel Einfluss habe, hält Schumann zwar für heikel. "Aber die Briten können es sich nicht leisten, die Koalition zu brechen und einen Konflikt heraufzubeschwören." Dafür müssten sie selbst nicht mehr in gefährlichen Gegenden vor Ort sein. "Es gibt einfach noch zu viele Waffen und zu wenig staatliche Strukturen im Irak", sagt Schumann.

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