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Europa

Briten lachen gegen die Obrigkeit an

Die Briten verlassen sich nur auf ihr Parlament. Von außen lassen sie sich schon gar nichs sagen. Denn politisches Misstrauen hat Tradition bei den Briten, sagt der Anglist Hans-Dieter Gelfert im DW-Interview.

DW: Herr Prof. Gelfert, Sie sind ein großer Kenner der britischen Psyche, der britischen Seele. War die Brexit-Entscheidung vor allem eine Freiheitsentscheidung der Briten?

Hans-Dieter Gelfert: Das kann man so sehen. Denn Freiheit, das ist der innerste und am weitesten zurückreichende Nerv der britischen Seele.

In Ihrem Buch über die Kulturgeschichte des englischen Humors schreiben Sie: "Engländer lachen lieber mit dem Störenfried gegen die Ordnung". Wenn die EU die Ordnung ist, die den politischen Handlungsrahmen vorgibt, haben die Briten nun mit ihrem EU-Austritt dagegen angelacht?

In gewissem Sinne ja. Man braucht sich nur noch einmal klar zu machen, was Humor seinem Wesen nach ist. Es ist ein sozialer Mechanismus um Spannungen in der Gesellschaft auszugleichen und dieser Mechanismus entwickelt sich dort, wo er am nötigsten ist. Also da, wo Menschen auf engem Raum zusammen leben müssen und da ist die Tendenz, sich durch Lachen gegenüber der Autorität Freiraum zu verschaffen, das Entscheidende. Nur, das muss man sich auch leisten können und in einem Staat wie dem deutschen, von neun Nachbarvölkern umgeben, mit offenen Grenzen, da wird man sich schwer tun, die Autorität vom Sockel zu lachen.

Wir lachen eher mit der Ordnung gegen den Störer, aber auf einer Insel kann man es sich leisten, den Staat als den gefährlichsten Gegner zu sehen und ihn klein zu halten. Deshalb haben die Briten seit vielen Jahrhunderten diese Tendenz, für die sie sogar ein eigenes Wort erfunden haben, das wir gar nicht kennen, nämlich Bathos. Das bedeutet: Das Erhabene lächerlich zu machen. Und die Ordnung tritt immer mit einem erhabenen Anspruch auf und das reizt jeden Engländer, sie vom Sockel zu lachen. Manchmal mit schlimmen Folgen.

Für uns Deutsche ist die Europäische Union weit mehr als eine politische Union - allein schon aus historischen Gründen. Sie ist sozusagen sakrosankt. Warum sehen die Briten in der EU vor allem eine ungeliebte, nicht respektierte Obrigkeit?

Das hat wohl größtenteils, vielleicht sogar ausschließlich, damit zu tun, dass die Briten auf eine mindestens 700 Jahre alte Tradition des Parlamentarismus zurückschauen und dass für sie das Parlament die entscheidende Instanz ist, die den Ausgleich der Interessen zwischen Regierung und Volk herstellt. Sie haben keine Verfassung, auf die sie sich verlassen können. Sie verlassen sich nur darauf, dass das Parlament, das sie selber wählen, diesen Ausgleich herstellt. Und sie haben das Gefühl, wenn sie eine Verordnung von Brüssel bekommen, dass sie da nicht mitreden konnten. Das stimmt ja de facto auch. Noch immer ist das Europäische Parlament nicht der entscheidende Faktor in der EU.

Ist also der Brite per se politisch anarchischer als der Deutsche?

Er ist per se durch Tradition misstrauischer gegenüber jeglicher Obrigkeit. Gegenüber der eigenen, aber erst recht gegenüber einer außerhalb der britischen Grenzen, die auf England einzuwirken versucht und insofern liegt da immer eine Gefahr, dass das zum Nachteil der Briten ausschlagen kann. Gerade habe ich in der BBC die Rede von Michael Gove (Kandidat für den Parteivorsitz der Tories nach Cameron, Anm. d. Red.) gehört.

Anglistik-Professor Hans-Dieter Gelfert (c: privat)

Experte für den britischen Humor: Hans-Dieter Gelfert

Der entwirft ein Programm des Wandels und bei jedem Satz, den er spricht, müsste man sagen, das alles könnte er zusammen mit der EU viel leichter erreichen als alleine. Wenn er also den Drachen, den Margret Thatcher seinerzeit von der Leine gelassen hat, jetzt vor den englischen Wagen spannen will, um wieder Gerechtigkeit herzustellen, hätte er das mit Brüssel viel leichter bewerkstelligen können, als wenn er es jetzt alleine versucht.

Wie wird Großbritannien nun mit dem Leben am Rande Europas - jetzt auch politisch-ökonomisch - umgehen? Wir Deutsche können uns ja seit dem Brexit-Votum nur Negativ-Szenarien vorstellen.

Ich glaube, da die gesamte europäische Politik ein permanentes Aushandeln von Kompromissen ist, wird man am Ende irgendeinen Modus Vivendi finden. Das mindeste wäre eine Assoziation, so wie Norwegen mit der EU unterhält, da hätten die Briten zwar ein schlechtes Geschäft gemacht, denn dann haben sie die alte Situation, nur können sie jetzt nicht mehr dabei mitreden. Vielleicht lassen sich weitere Lockerungen, nicht speziell für die Briten, sondern dann für ganz Europa, aushandeln. Irgendwie werden sich Europa und Großbritannien da durchwursteln. Die schlimmen Folgen, die da vorausgesagt wurden, die werden wohl nicht ganz so schlimm eintreten. Obwohl ich durchaus überzeugt bin, dass es für England erhebliche Nachteile bringen wird.

Professor Hans-Dieter Gelfert war Anglist an der Freien Universität in Berlin. Er arbeitet heute als freier Schriftsteller und Übersetzer. Zu seinen Publikationen zählt u.a. die Kulturgeschichte des englischen Humors ("Madam I'm Adam").

Das Interview führte Volker Wagener

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