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Europa

Briten feiern Erfolg der Spiele

Die Olympischen Spiele sind zu Ende, die Medaillen sind vergeben und die Sportler packen ihre Sachen. Jetzt heißt es Bilanz ziehen. Unser Korrespondent in London sagt uns, wie die Briten die Spiele bewerten.

Die Briten meckern ja gerne mal, und die britische Presse ist zynisch wie keine andere. Den meisten Engländern ist es außerdem fremd, sich selbst in irgendeiner Weise hervorzuheben. Im Vorfeld der Olympischen Spiele in London spürte man daher eine gute Portion Negativität und Nervosität: Die Briten monierten die enormen Kosten, sie fragten sich, ob sie die Sicherheit gewähren könnten und, natürlich, ob das berühmte britische Wetter mitspiele. Kurz gesagt - Bevölkerung und Presse machten sich Sorgen, ob Großbritannien das Ganze überhaupt schaffen würde, ob die Spiele ein Erfolg würden.

Doch jetzt scheint das Urteil der meisten Londoner und auch der Besucher aus dem Ausland eher zu sein, dass die Londoner Olympiade zu den besten gehört habe, die man je gesehen hätte.

Es ist wohl einem Amerikaner zu verdanken, dass die negative Stimmung vor den Spielen verflog: Als US-Präsidentschaftskandidat Mitt Romney genau jene Zweifel äußerte, die viele Briten lange breitgetreten hatten, wollte man ihm plötzlich das Gegenteil beweisen.

Londons Bürgermeister Boris Johnson, der auf seine ganz eigene Weise zum Star der Spiele wurde, nutzte Romneys Kommentare, um seinen Landsleute auf einem Konzert vor den Spielen richtig einzuheizen.

"Es gibt da einen Typ, der heißt Mitt Romney, der will wissen, ob wir bereit sind. Er will wissen, ob wir bereit sind. Sind wir bereit?" schrie Johnson den Zuschauern entgegen, die ihm prompt zujubelten. Johnsons Auftritt lief am nächsten Morgen auf allen TV-Sendern.

Das moderne London zeigen

Und dann war da natürlich noch die Eröffnungszeremonie, die so gut ankam, dass der Regisseur Danny Boyle gar als Genie gefeiert wurde. "Vier Jahre lang hieß es, dass es wohl die undankbarste Aufgabe im Show-Geschäft sei, in Pekings Fußstapfen zu treten", so Richard Williams in der Tageszeitung "The Guardian".

"Danny Boyle hat es aber geschafft. Er packte die ganze Welt in ein einziges Stadion, das plötzlich viel riesiger aussah, als es ist. Er hat eine Party geschmissen, die es in sich hatte: Witz, Wärme, Drama, Lärm. So konnte die Olympiade beginnen", so Williams weiter.

Manche sehr britischen Aspekte der Zeremonie waren zugegebenermaßen etwas verwirrend für Zuschauer aus dem Ausland - aber niemand wird je vergessen, wie die Queen an der Seite von James Bond ihr Schauspieldebüt gab.

Die Zeitung "China Daily" schrieb beeindruckt: "Großbritanniens Königin Elizabeth erklärte die Olympischen Spiele für eröffnet. Zuvor spielte sie noch ein kleine Rolle der schillernden Eröffnungszeremonie, die die Größe und Exzentrik jenes Landes unterstreichen sollte, das den modernen Sport erfunden hat." 

Medaillen zuhauf

Die sportlichen Erfolge ließen auch nicht lange auf sich warten. Die Nation geriet in einen wahren Goldmedaillenrausch: Im Medaillenspiegel sicherte sich das britische Team den dritten Platz hinter China und den USA.

Der sportliche Erfolg wurde natürlich positiv aufgenommen, andernorts gab es dagegen Anlaufschwierigkeiten.

Die vielen leeren Sitzplätze in den Stadien erzürnten jene Briten, die erfolglos versucht hatten, Karten zu ergattern. Auch die Sportler waren nicht begeistert, zum Beispiel Radfahrer Geraint Thomas: "Ich finde die leeren Plätze beim Schwimmen und beim Turnen traurig. Ich weiß nicht, warum das so ist. So viele Leute wollen hier zuschauen, auch Kinder. Und das sollte man doch ausnutzen… Die Nachfrage ist ja da! Es ist schade, wenn die Kapazität nicht genutzt wird."

Die Organisatoren konterten zunächst, dass die leeren Plätze für die Angehörigen der Sportler und für Journalisten, Sponsoren und Funktionäre freigehalten würden. Letztlich zweigten sie jedoch noch Plätze von diesem Kontingent für die Zuschauer ab, und der Streit legte sich schnell.

Foto: Toby Melville, Reuters

Erstmal Kopf runter - typisch britisch?

Kein 'business as usual' in London

Geschäftsleute hatten eigentlich gedacht, sie würden von den Spielen profitieren, aber viele Touristenattraktionen, Restaurants und Läden im Zentrum Londons nahmen weniger ein als sonst, da die Oympiade hauptsächlich im Osten der Stadt stattfand. Andere blieben London ganz fern, da sie dem öffentlichen Nahverkehr nicht trauten. Im Vorfeld hatten viele geglaubt, dass die ohnehin schon überlasteten Straßen und die U-Bahn Londons den zusätzlichen Massen nicht gewachsen sein würden.

Wider Erwarten hielt der öffentliche Nahverkehr dem Druck dann aber stand, und die Sicherheit bereitete auch keine Probleme. Anwohner genossen die relative Ruhe im Stadtkern. Geschäftsleute wie Arthur Rason, der einen Stand am Piccadilly Circus betreibt, hatten dagegen gemischte Gefühle. "Ich freue mich, dass London die Olympischen Spiele bekommen hat, das ist schon gut für uns. Darüber bin ich gar nicht sauer. Aber es ist schon ärgerlich, dass wir hier nicht davon profitiert haben", klagt er.

Bernard Donoghue vom britischen Verband für führende Touristenattraktionen ist optimistischer: "Wir waren uns immer darüber im Klaren, dass der Vorteil der Olympischen und Paralympischen Spiele für den Tourismus nicht sofort eintritt, sondern längerfristig. Ende des Jahres erwarten wir mehr Besucher als letztes Jahr. Und nächstes Jahr und die Jahre danach werden wir dann die Zugwirkung der Spiele überblicken können."

Eröffnungszeremonie von Danny Boyle. Foto: Mark Baker, AP

Ungeteilte Anerkennung für die glamouröse Eröffnungszeremonie von Danny Boyle

Lob auch aus dem Ausland

Auch in der ausländischen Presse ist die Olympiade hauptsächlich positiv bewertet worden. Der "Spiegel" nannte sie die "Gute-Laune-Spiele". "USA Today" schrieb, dass sich London in eine "Enklave von lächelnden freiwilligen Helfern, effizienten Transitsystemen und jubelnden Mengen" verwandelt habe. In Rio, dem Austragungsort der nächsten Olympiade, schrieb das brasilianische Blatt "O Globo" von "britischer Exzellenz in Planung, Pünktlichkeit und Haushaltsdisziplin".

Aber der eigentliche Test steht London noch bevor. Die britische Metropole bekam den Zuschlag nur, weil es eine Langzeitwirkung versprach: Man wollte junge Leute für Sport begeistern, und ein heruntergekommenes Viertel im Osten Londons wiederbeleben. Außerdem hofft man, dass Veranstaltungsorte wie der Aquatics Centre, das Velodrom und das Olympische Stadion selbst weiter regelmäßig genutzt werden. Daher wird es wohl noch einige Jahre dauern, bevor man den wahren Erfolg der Londoner Spiele messen kann.

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